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REPORTAGE

Mit dem Rad der Zeit

Die kleinsten sind nur wenige Quadratmeter gross, die grössten stattliche Gebäude: Am Schweizer Mühlentag am 1. Juni öffnen historische Mühlen ihre Tore für alle.

13. Mai 2019

Stattlich: Das «Haumüli»-Wasserrad hat einen Durchmesser von 4,5 Metern und verfügt über 34 Schaufeln.

Der Mühlentag

Besuchen Sie die historischen Mühlen!

Am Schweizerischen Mühlentag öffnen über 150 historische Mühlen ihre Pforten. Die Besucher können nicht nur die Technik bewundern, es gibt auch ein umfangreiches Rahmenprogramm. In Eischoll VS beispielsweise kann man Wein degustieren, in der Haumüli in Embrach ZH in der offenen Werkstatt werken und in der Geigenmühle in Neerach ZH Mehl kaufen oder im Mühlencafé verweilen. Die Mühle von Bruzella TI (siehe Bild) serviert Polenta. In einigen Anlagen sind dieses Jahr Märchenerzählerinnen unterwegs. Alle Details gibt es im Schweizer Mühlenführer 2019 unter: www.muehlenfreunde.ch.

Die Müllers gibt es in der Schweiz wie Sand am Meer: Über zwanzigtausend Mal ist dieser Name im elektronischen Telefonbuch eingetragen. Das macht Müller hierzulande zum häufigsten Namen. Zurück geht das auf den Beruf des Müllers, der bereits existierte, als man im Mittelalter in Europa begann, zum Vornamen einen Nachnamen zu stellen. Müller gab es damals viel mehr als heute. Kein Wunder: Brot war ein Hauptnahrungsmittel. Für dessen Herstellung mussten die Getreidekörner erst gemahlen werden. Keine Mühle zu haben für das Getreide bedeutete also Hunger.

«Anfangs des 20. Jahrhunderts gab es noch 6000 bis 7000 Mühlen in der Schweiz. Inzwischen sind nur noch rund 350 übrig», weiss Adrian Schürch (33). Er kennt sich aus, denn er präsidiert seit über zehn Jahren die Schweizer Mühlenfreunde. Der Verein kümmert sich um die Rettung und Erhaltung von historischen Mühlen. «Sie sind mein grosses Hobby», erzählt er begeistert. Wobei Hobby doch stark untertrieben ist. «Inzwischen ist es schon eine sehr intensive nebenberufliche Tätigkeit», präzisiert er. Der Mühlen-Virus hat Schürch als Kind erwischt. «Wasserräder haben mich schon damals fasziniert und ich wollte immer genauer wissen, wie eine Mühle funktioniert.» Den Beruf eines Müllers hat er trotzdem nicht ergriffen. Würde es aber das Fach «Mühlenwissenschaften» geben, hätte er das wohl studiert. So ist es Geografie geworden. Hauptberuflich arbeitet Adrian Schürch als Kommandant der Zivilschutzorganisation Jungfrau. In der Freizeit besucht er mit seiner vierköpfigen Familie natürlich am liebsten historische Mühlen und analysiert deren technische Raffinessen.

Kraft aus dem Wasser

Die Technik, die in einer Mühle steckt, ist tatsächlich faszinierend. Dabei gibt es ganz verschiedene Typen. Windmühlen, wie sie in Holland üblich sind, sucht man in der Schweiz vergeblich. Hier ist es das Wasser, das zur Kraftgewinnung genutzt wird. Es ist reichlich vorhanden, dank Flüssen und Seen. Eine Mühle ist eigentlich ein Kraftwerk. Mit Riemen und Zahnrädern, je nach Mühlentyp, wird die Drehkraft des Mühlenrades übertragen. Die Kraft lässt sich nicht nur zum Mahlen von Getreide nutzen. Es gibt unzählige Mühlenarten: Die einen werden von Schmieden betrieben, andere dienen als Ölmühlen.

 

«Ich renoviere meine Mühle seit fünfzehn Jahren.»

Kurt Fasnacht, 58

Die Haumühle in Embrach ZH ist beispielsweise nicht nur eine Getreidemühle, sie ist auch eine Sägerei. Sie funktioniert natürlich mit Wasserkraft und sieht wieder genauso aus wie zu ihren besten Zeiten. Die «Haumüli» wurde bereits im 14. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt. Der letzte Besitzer liess sie jedoch verfallen, bis sie der Heimatschutz nach seinem Tod retten konnte. Betrieben und gepflegt werden die historischen Maschinen heute vom Verein «Pro Haumüli». Hier engagiert sich Kurt Fasnacht (58), der damit auch seine Berufung als «Mühlendoktor», wie er es nennt, ausüben kann. «Weil es keine Lehrstellen für Schreiner gab, habe ich in Oberembrach zuerst Müller gelernt.» Danach arbeitete er in verschiedenen Betrieben und machte mit 28 doch noch eine Schreinerlehre. «Mir haben beim Beruf des Müllers die handwerklichen Gestaltungsmöglichkeiten gefehlt.» Während seiner zweiten Lehre entwickelte Fasnacht ein Bewusstsein für die Schönheit von alten Maschinen und dass man sie bewahren sollte. Danach arbeitete er lange im Museum, im Mühlerama in Zürich, als Müller, Workshop- leiter und Museumsführer, bevor er sich als Mühlendoktor selbstständig machte. Inzwischen wohnt er ebenfalls in einer Mühle. «Leider ist sie noch nicht fertig renoviert», gesteht er. «Ich tue dort seit fünfzehn Jahren, was ich kann, um sie in Betrieb zu nehmen», sagt Fasnacht und lacht. Es liegt aber nicht an seinem mangelnden Können, sondern ist eine Kostenfrage. «Wie bei dem alten Sprichwort: Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe.»

Wohnen in der Mühle

Das Mahlen auf einer historischen Mühle hat Kurt Fasnacht in der Geigenmühle in Neerach (ZH) gelernt, unweit von Embrach. Sie gehört Urs (43) und Claudia Wickihalder (44), die sich sofort in das Gebäude verliebt haben, als sie es zum ersten Mal sahen. Die Frage eines Wiederaufbaus stellte sich nicht, denn die Geigenmühle war bereits renoviert. Sie stammt aus dem Jahr 1570. Ihr Rad und die Getreidemühle sind voll funktionsfähig. Claudia Wickihalder, eine Lehrerin, hat die Mühle mit vielen Informationen, Bildmaterial und Büchern bestückt. Sohn Lukas (6) findet es toll, in einer Mühle zu leben, «weil man hier immer mahlen kann». Sein Bruder Matthias (12) mag, «dass das Haus alt ist, man es aber trotzdem brauchen kann.» Anja (10) findet die verschiedenen Geräusche, die eine Mühle macht, das Schönste, und Julia (8) braucht die Mühle eigentlich gar nicht: «Ich mahle viel von Hand, das finde ich schön. Und wir backen auch viel selber.» Kurt Fasnacht hilft bei Erhaltungsarbeiten und mahlt auch immer wieder auf der Geigenmühle. «Wenn sie nicht benutzt wird, verfallen die Strukturen.»

 

Der Mühlendoktor in der Haumühle: Kurt Fasnacht hält sie in Schuss.

Sieht aus wie ein kleines Holzhaus, sorgte aber als Mühle für das Überleben der Bevölkerung.

Die kleine Mühle von Eischoll

Die Geigen- und die Haumühle sind stattliche Gebäude, in denen man auch wohnen kann. Doch Adrian Schürch, der Präsident der Mühlenfreunde, schwärmt auch für ganz andere Mühlen – «obwohl mir natürlich alle Mühlen gefallen». Ihm sind die kleinen, ländlichen besonders ans Herz gewachsen. Zum Beispiel die Dorfmühle in Eischoll. Eischoll? Dieses pittoreske 450-Seelen-Dorf liegt an den Berg geschmiegt im Wallis, hoch über Raron und ist mit einer selbstfahrenden, kleinen Seilbahn zu erreichen. Ein Geheimtipp für Wanderer und Skifahrer. Und für Mühlenfans. «Es handelt sich hier um eine historische Stockmühle, das heisst, ihr Wasserrad liegt horizontal», erklärt Adrian Schürch. «Eine Konstruktion, die später zu unseren heutigen Turbinen weiterentwickelt wurde.» Ursprünglich gab es drei Mühlen im Dorf, doch nur eine ist erhalten geblieben. Es war durchaus üblich, mehrere Mühlen zu betreiben, auch für kleinere Ortschaften. Für die Pflege und Instandhaltung der Mühle von Eischoll ist Hermann Brunner (64) verantwortlich, er ist der Präsident des Vereins «Miis Eischoll». Den Besuchern zeigt er gerne das Dorf, das auch über ein Museum verfügt – dabei gibt es auch mal ein Gläschen Heida und lustige Geschichten. Wie zum Beispiel die mit dem lieben Gott, der Englisch spricht und Eischoll als schönstes Dorf der ganzen Welt erschaffen hat.

Seit klein auf von Mühlen fasziniert: Adrian Schürch.

 

«Wasserräder haben mich schon als Kind fasziniert.»

Adrian Schürch, 33

Auch in Saint Luc, einem weiteren Walliser Dorf, gibt es solche alpinen Mühlen, ein Ensemble von historischen Gebäuden, die sehr sehenswert sind: eine Maismühle, eine Gerstenreibe und Nusspresse, zwei Roggen- und Weizenmühlen, eine Tuchwalkmaschine sowie das Haus des Müllers. Eine einmalige und interessante Kombination, die Adrian Schürch gerne besucht. «Das Wallis ist meine Wahlheimat.» Bei so viel Liebe zu den Mühlen fehlt ihm eigentlich nur noch eine eigene zum Glück. «Ich suche tatsächlich eine», gesteht er lächelnd. Irgendwann, da ist er sicher, wird er die für sich und seine Familie passende finden. Vielleicht im Wallis.