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Nationalturnen am Eidgenössischen Turnfest

Nationalturnen – was ist das noch gleich? Der Schweizer Traditionssport umfasst acht Disziplinen und ist fester Bestandteil des Eidgenössischen Turnfestes. Der letztmalige Sieger Andi Imhof übt schon fleissig für das diesjährige Fest in Aarau.

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Rainer Eder
03. Juni 2019

Schnell-Lauf: Ein 100-Meter-Lauf muss zurückgelegt werden. Der Schnellste erzielt die höchste Punktzahl.

Die Schweiz ist ein traditionsreiches Land. Sie ist berühmt für ihre Schokolade, die mächtigen Berge oder das Alp- horn. Doch viele Traditionen sind nicht über die Landesgrenze hinaus bekannt. Zu diesen gehört das Nationalturnen. Die Schweizer Sportart blickt auf eine 500 Jahre alte Geschichte zurück und ist bis heute – vor allem in der Innerschweiz und den Kantonen Bern und Thurgau – ein beliebter Sport. Nur Multitalente schaffen hier Spitzenresultate. Zum Mehrkampf gehören acht Disziplinen: Die beiden Kampfsportarten Ringen und Schwingen sowie die sechs turnerischen Vornoten Bodenturnen, Sprint, Weitsprung, Hochweitsprung, Steinheben und Steinstossen.

Je nach Alter und Kategorie muss ein Turner mehr oder weniger dieser Disziplinen absolvieren. Die Kinder absolvieren einen Fünfkampf, Erwachsene sogar einen Zehnkampf. In diesem müssen die Erwachsenen alle sechs Vornoten vorführen und die beiden Kampfdisziplinen je zweimal ausführen. Am besten schlagen sich vielseitige Turner, die in allen Disziplinen eine gewisse Stärke besitzen. Wichtig sind Flexibilität, Beweglichkeit, Kraft und schnelle Beine.

Steinstossen: Mit Anlauf wirft der Sportler einen Stein so weit wie möglich.

Weitsprung: Bei dieser Disziplin versucht man, eine möglichst weite Distanz zu springen.

Hochweitsprung: Andi Imhof (34) muss so weit wie möglich springen und dabei noch über eine Hochsprunglatte hüpfen.

Turner und Familienvater

Der zurzeit erfolgreichste Nationalturner ist Andi Imhof (34). 2013 gewann der Urner das Nationalturnen am Eidgenössischen Turnfest in Biel BE und in diesem Jahr den Thurgauer Nationalturntag. Entdeckt hat er die Sportart durch seine Familie: Vater Markus war nämlich ebenfalls Nationalturner und der kleine Andi sein grösster Fan. Nun ist der Sportler selber Vater von drei Kindern. Die beiden Töchter Malia (6) und Dina (4) sowie Sohn Eno (1) sind aber noch etwas zu jung für die Sportart. Ob sie einmal selber Nationalturner werden, beantwortet der Turner aus Attinghausen UR mit einem Schulterzucken: «Das wird sich zeigen. Sie dürfen auf jeden Fall selber entscheiden, ob sie daran Interesse haben oder nicht.» Beruflich ist der Urner als Projektleiter tätig. Seit 2015 ist er auch Berufstrainer bei Swiss Olympics – als erster Nationalturner in der Schweiz.

Im Kanton Uri ist das Nationalturnen stark verwurzelt. In Bürglen UR trainiert Imhof jeden Freitagabend mit seinen Vereinskollegen: «Wir üben uns einmal wöchentlich in den Vornoten. Schwingen und Ringen machen wir im Schwingklub.» Der Verein trainiert für das diesjährige Eidgenössische Turnfest in Aarau. Noch bis am 13. Juni haben die rund 40 Mitglieder Zeit zum Üben, dann müssen sie ihr Können beweisen.

Bodenturnen: Andi Imhof muss eine vorgegebene oder frei gewählte Bodenübung präsentieren.

Steinheben: Ab Kniehöhe stemmt der Urner Nationalturner einen 22,5 Kilo schweren Stein mit seiner linken Hand möglichst oft in die Höhe.

Unter den Mitgliedern sind auch viele Kinder. Diese können sich im Nationalturnen vielseitig austoben. Das Ausüben von mehreren Sportarten stärkt nicht nur ihre momentane körperliche Leistungsfähigkeit, sondern wirkt sich auch im Erwachsenenalter positiv auf die Grob- und Feinmotorik aus.

Imhof startet sein Training mit dem Steinheben. «Steinheben und -werfen gehören zu meinen liebsten Vornoten», erzählt er. Beim Steinheben stemmt der Urner mit der linken Hand einen 22,5 Kilogramm schweren Stein in die Höhe. Für das einhändige Werfen benutzt er ein 15 Kilo schweres Exemplar. Er wirft und trifft das Ende der Bahn. Kraft, im Umgang mit den Steinen durchaus von Nutzen, ist jedoch nicht in allen Disziplinen ein Vorteil: «Sehr kräftige Turner sehen beim Bodenturnen nicht sehr elegant aus. Es gibt nur vereinzelt solche, die einen Überschlag schaffen.» Imhof gehört nicht zu ihnen. Er zeigt lieber die Standwaage, den Handstand mit Abrollen und Kraftübungen.

Sport für alle

Das Nationalturnen ist immer noch eine männerdominierte Sportart, eine eigene Frauenkategorie gibt es (noch) nicht. «In den Jugendkategorien hat es vereinzelt Mädchen, welche sich mit den Jungs messen», sagt Kurt Zemp (44), Präsident des eidgenössischen Nationalturnerverbands, «bei den Aktiven machen jedoch keine Frauen mit.» Der Mehrkampf wäre aber auch etwas für Frauen. «Wer in irgendeiner Form Sport treiben kann, der wird auch im Nationalturnen seine Freude finden», glaubt Zemp.

Andi Imhof schätzt neben der langjährigen Tradition auch das Polysportive am Mehrkampf: «Er beinhaltet Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit. So wird der Körper vielseitig trainiert.» Doch er schätzt nicht nur das Training, sondern auch die Verbundenheit unter den Turnern: «Trotz grossem Kampfgeist und Konkurrenz haben wir einen starken Zusammenhalt und einen familiären Umgang miteinander.» Und so wird aus jedem Wettkampf auch ein Wiedersehen mit Freunden.


Das eidgenössische Turnfest in Aarau 2019

Vom 13. bis 23. Juni messen sich Schweizer Turnvereine am Eidgenössischen Turnfest (ETF). Dieses findet zum siebten Mal in Aarau statt. Die Stadt an der Aare war 1832 der Austragungsort des ersten ETFs; Anlass war die Gründung des Schweizerischen Turnverbandes. Heute ist es der grösste Breitensportanlass der Schweiz. Coop unterstützt das Turnfest als Hauptsponsorin.

Das Fest wird alle sechs Jahre veranstaltet. Ausgetragen werden zum Beispiel Wettkämpfe in Gymnastik, Leichtathletik, Kunst- und Nationalturnen.

www.aarau2019.ch