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Tourismus

Zugkräftige Gefährten

Ins Herz geschlossen habe ich meine fünf Huskys schon beim ersten Mal Einspannen. Aber nach der dreitägigen Safari in Nordschweden hätte ich sie am liebsten mit nach Hause genommen.

FOTOS
Lisa Kristin Schrötter
04. März 2019

Natürlich sind Ombre, Kwanta, Vitus, Zorro und Molson nicht meine Hunde. Sie gehören Musher (Schlittenhundeführer) Jürg Eugster (43), Schweizer, Auswanderer und heute zusammen mit seiner Frau Simone Mendelin (41) Besitzer einer Husky-Lodge in Nordschweden. Aber emotional waren es «meine» Huskys. Nach drei Tagen, während denen mich die kleinen Kraftpakete durch die verschneite Landschaft gezogen und sich wann immer möglich Streicheleinheiten abgeholt haben, empfinde ich eine tiefe Verbundenheit mit ihnen. Auch wenn ich weiss, dass ich nicht der erste und nicht der letzte Gast der Wild-Act-Logde bin, der mit diesen Hunden durch die Wälder fährt.

SCHLITTENHUNDE

Mein Gespann

Zorro ist ein kräftiger, vierjähriger Rüde.

Kwanta (4): Eine der beiden Leithunde. Eine souveräne Leithündin und elegante Läuferin. Ihr fehlt nur noch die Erfahrung.

Ombre (12): Der zweite Leithund und Senior des Gespanns. Nicht mehr so frisch wie die anderen, aber sehr erfahren. Er ist sozusagen der Ausbildner von Kwanta.

Vitus (6): Er liebt seine Musher. Keiner braucht mehr Streichel- einheiten als Vitus, und keiner zieht kräftiger. Zusammen mit Zorro der Motor des Gespanns.

Zorro (4): Sehr anhänglich, aber oft unsicher. Stammt aus einem zwangsaufgelösten Zwinger, mit unbekannter Vergangenheit. Sobald er arbeiten darf, ist er im Element.

Molson (8): Die zierliche Dame. Wenn der Schlitten steht, fordert sie am energischsten, dass es weitergeht. Unterwegs nimmt sie sich aber immer wieder Zeit, sich im Tiefschnee zu vergnügen.

Kalt, sehr kalt ist ideal

Natürlich hätte ich den Hunden nichts Gutes getan, wenn ich sie mit nach Hause genommen hätte. Bei Plusgraden, die in der Schweiz in der Regel vorherrschen, fühlen sich die Huskys oder Schlittenhunde – die beiden Begriffe werden synonym verwendet – nicht mehr wohl. Sie brauchen die Kälte, um ihre kräftigen Körper abzukühlen. «Die Wohlfühltemperatur eines Huskys liegt zwischen minus fünf und plus fünf Grad», erklärt Jürg Eugster, «solange sie nicht ziehen müssen. Wenn sie arbeiten, muss es kälter sein. Ideal sind dann minus 15 bis minus 20 Grad.»

Das ist zwar längst nicht mehr meine Wohlfühltemperatur, aber eingepackt in die dicken Hosen und Jacke, die man für die Schlittenhundetour bekommt, ist mir nicht kalt. Vielleicht ist es auch die Begeisterung über die Hunde, die Freude am Hundeschlittenfahren und die fantastische Umgebung, die mich die Kälte auch bei minus 20 Grad fast vergessen lassen. Die Szenerie ist aber auch zauberhaft: Ruhe, verschneite Bäume und eine Landschaft, die in goldenes Licht getaucht ist. Die Stille wird nur durchbrochen vom schnellen Atmen der Huskys und dem Schleifen der Kufen.

An der «Arbeit»: Redaktor Thomas Compagno legt Hündin Molson die Zuggurte an. Zorro (links) beobachtet aufmerksam.

Schweizer in Schweden: Jürg Eugster und Simone Mendelin.

Die Pfoten der Huskys werden regelmässig untersucht und eingecremt. Kunststoff-Überzieher, Booties genannt, schützen die Pfoten.

Und ab geht die Post

Eine halbe Stunde zuvor war das noch anders gewesen: Fast 30 Hunde, vor die fünf Schlitten gespannt und in Erwartung der Tour, bellen, als ginge es um ihr Leben. Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr, geschweige denn das der Hundebetreuer, die uns beim Losfahren unterstützen. Dann kommt das Startsignal. Musher Jürg fährt los, und wenige Sekunden später gebe auch ich den Befehl: «Fertig! Okay!» Auf einen Schlag ist es still und die Hunde laufen los. Die Angewöhnungsphase ist kurz. Nach ein paar Metern schon fühle ich mich wohl auf dem Schlitten. Vor mir fahren die drei anderen Gäste-Musher, Michi (41) und Ursi (41) und Fotografin Lisa (31).

«Man tut den Hunden nichts Gutes, wenn man sie zu schnell laufen lässt.»

Musher Jürg Eugster

Bremsen mit schlechtem Gewissen

Die Schlitten fahren über gefrorene Seen und über Moorlandschaften, durch tief verschneite Wälder und auf bequemen Forstwegen. Huskys können nicht langsam laufen, sie kennen nur Vollgas. Das stehen sie allerdings mehrere Stunden durch. Um nicht auf den Schlitten vor mir aufzufahren, bin ich fast ständig am Bremsen – mit ganz schlechtem Gewissen: Die Hunde ziehen mit voller Kraft, und ich stehe hinten auf der Bremse. Aber ich muss. Musher Jürg hat uns schon am Vortag eingeschärft: «Nicht zu schnell fahren, sondern bremsen. Man tut den Hunden nichts Gutes, wenn man sie zu schnell laufen lässt.»

Nie garantiert, aber jede Nacht erhofft: Nordlichter am Himmel von Arvidsjaur.

Nach rund vier Stunden Fahrt und etwa 40 Kilometern erreichen wir die Wildnishütte, unser Tagesziel und Nachtquartier. Die Hütte liegt romantisch an einem See, sie ist beheizbar und sehr gemütlich – auch ohne Strom und fliessend Wasser. Zu Ende ist der Tag aber noch nicht. Wenn die Hunde ein erstes Mal gefüttert sind, kümmern wir uns um unsere Hütte. Der Holzofen muss eingeheizt werden, ebenso die Sauna – sie gehört zu einem Hundeschlittentag dazu wie das Zähneputzen nach dem Essen. Im nahegelegenen See schlagen wir ein Loch ins Eis und schöpfen Wasser. Pfadfinderstimmung kommt auf, als man in der Hütte den Duft der warmen Suppe riecht.

Die langen Abende, die Anfang Januar schon um 15 Uhr beginnen, verbringen wir mit Saunagängen, Essen und Brettspielen. Und mit Fachsimpeln. So erfahren wir, dass die Alaskan Huskys, die Jürg Eugster hält, offiziell nicht als reinrassig gelten. Doch darauf kommt es Eugster nicht an, im Gegenteil: «Es gibt mir mehr Freiheiten bei der Züchtung.»

Sie sehen gefährlich aus, sind aber zu Menschen sehr zutraulich: Alaskan Huskys.

Für ihn zählen mehr die Leistung und die Gesundheit der Tiere als deren Reinrassigkeit. Die Alaskan Huskys sind die klassischen Langdistanz-Schlittenhunde, die in den beiden härtesten Schlittenhunderennen, dem Iditarod (1850 Kilometer) in Alaska und dem Yukon Quest (1600 Kilometer) in Alaska und Kanada, eingesetzt werden. Die Laufleistungen, die diese Hunde erbringen, sind gewaltig. So gewaltig wie ihr Energiebedarf. Pro Tag verbraucht ein Husky 6000 bis 8000 Kilokalorien. Wir Menschen verbrennen etwa ein Drittel davon, obschon unser Körper mehr als das Fünffache wiegt.

Mit ihren 60 Hunden führen Jürg Eugster und Simone Mendelin eine mittelgrosse Huskyfarm. «Es reicht, dass wir unsere Familie damit ernähren können», sagt Jürg und ergänzt: «Und dass wir die Schulden langsam zurückzahlen können.» Eine Rückkehr in die Schweiz kann sich der ehemalige Ingenieur nicht mehr vorstellen. Nach zwölf Jahren in Schweden habe er seinen Platz gefunden. Seine Gäste freut das. Michi und Ursi, die ihre Ferien immer im Norden verbringen, sind sich einig: «Das war eine fantastische Woche.»

Der Autor reiste auf Einladung von Glur Reisen nach Arvidsjaur. Glur Reisen bietet die beschriebene Hundeschlittenwoche inklusive Flug via Stockholm, Transfers und Vollpension für Fr. 3150.– pro Person an (Preise 2019).

SIGHTSEEING

Must-Dos in Arvidsjaur

Atelier-Garage von Messermacher.

Mats Lindmark (61). Das geht allerdings nur auf Anmeldung. Acht bis zehn Messer mit einer Holzscheide produziert er pro Woche, die Preise starten bei 2000 Kronen (ca. 200 Franken). Die Messer sind wahre Kunstwerke – aber zum Arbeiten gemacht.

Heimatmuseum an der Gamla Prästgården. Zeigt die Geschichte der Gründung von Arvidsjaur um 1600 als Handelsplatz und als Ausgangsbasis für die Christianisierung der Samen. Untergebracht im ehemaligen Pfarrhaus, mit Cafeteria und Souvenirverkauf. Eintritt gratis.

Anna-Lisas Souvenirbutik an der Stationsgatan 3. Geschmackvolles Souvenirgeschäft mit lokalem Handwerk aus schwedischer und samischer Tradition. Grosse Auswahl an Schmuck, Messern, Schalen.

Metzgerei Frostab an der Järnvägsgatan 118. Grosse Auswahl an Rentierfilet, -zunge, -rippe und Fisch. Verkauft werden auch Blau- und Moltebeeren als gefrorene Beeren, als Saft, Trockenbeeren oder Pulver.

Tant Sveas Kafé an der Stationsgatan 20. Das beste Kaffee im Ort mit herrlichen Kuchen. Für 90 Kronen (knapp 10 Franken) bekommt man zudem ein Mittagessen vom Buffet.