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REPORTAGE

Eins mit der Natur

Seinen Gutsbetrieb im niederösterreichischen Zwentendorf bewirtschaftet Quintin Althann nach biologisch-dynamischen Prinzipien. Das hochwertige Öl seiner Sonnenblumen fliesst in Naturkosmetik.

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Petra Rautenstrauch
02. September 2019

Flower-Power auf dem Feld: Quintin Althann mit der vierjährigen Tochter Filippa.

Das Sonnenblumenfeld liegt schon früh am Morgen in der prallen Sonne. Ein heisser Sommertag kündigt sich an. Dem sonnenhungrigen Gewächs kommt dies entgegen. Noch dominiert das Grün der Pflanzen, die am Ende ihres Wachstums eine stattliche Höhe von etwa zwei Meter erreichen. Anfang Juli sind noch viele Blütenknospen geschlossen und die Sonnenblumen längst nicht reif für die Ernte. «Alles hat seine Richtigkeit», beschwichtigt Quintin Althann. «Um die Kerne der Blüte zu ernten, muss die Sonnenblume ausreifen. Das dauert mitunter bis in den Herbst», sagt der Chef des biodynamischen Gutsbetriebs Althann. Der Gutsbesitzer entstammt einer uralten Adelsfamilie. Weil in Österreich 1919 die Adelstitel abgeschafft wurden, hat er kein «von» vor seinem Namen und darf sich auch nicht Graf nennen. Auf die aristokratische Anrede legt der 37-jährige Familienvater aber eh keinen Wert.

Das Feld mit den Sonnenblumen erstreckt sich über 13 Hektaren und liegt im niederösterreichischen Zwentendorf, etwa eine Autostunde nordwestlich von Wien entfernt. Das Land im Tullnerfeld ist flach, oder wie die Einheimischen hier sagen «bretteleben». Beim Blick über das Land mit Tausenden von Sonnenblumen rückt ein Gebäude unweigerlich ins Blickfeld: das Atomkraftwerk Zwentendorf, ein Stück österreichische Zeitgeschichte. 1976 fertig gebaut, ging das AKW nie ans Netz, weil sich das österreichische Volk dagegen aussprach. «Es ist das einzige Kraftwerk der Welt, das nicht Strom erzeugt, sondern verbraucht», so Quintin Althann. Heute wird das Betriebsgebäude unter anderem als Schulungszentrum genutzt.

«Die Präparate sind das Herz der biodynamischen Landwirtschaft.»

Quintin Althann

Auch Quintin Althanns Vater gehörte damals zu den Gegnern. «Mein Vater wäre ausgewandert, wäre das AKW in Betrieb gegangen.» Alexander Althann (79) war ein Vordenker in Sachen Bioanbau und stellte in der Folge sein Gut nach den landwirtschaftlichen Theorien des Reformpädagogen Rudolf Steiner (1861–1925) in einen biodynamischen Vorzeigebetrieb um. Massgebend war dabei Gattin Maria (74), die in Jugendjahren das Hochalpine Töchterinstitut in Ftan GR besuchte, wo der Unterricht von der anthroposophischen Lehre Steiners geprägt war. «Meine Eltern waren überzeugt, dass die biodynamische Landwirtschaft die beste und nachhaltigste Lösung ist», erzählt Althann junior.

 Das Barockschloss wendet seine Hauptfassade der Donau zu.

 Getrocknete Pflanzen dienen als biodynamische Präparate.

Der Hof als geschlossener Kreislauf

Seit 1982 bewirtschaftet die Familie das Gut biodynamisch und arbeitet mit den Kräften der Natur. «Anfänglich erklärten viele Leute meine Eltern für verrückt, und auch heute noch gibt es Skeptiker.» Bei der biodynamischen Land- wirtschaft versteht sich jeder Hof als lebendiger Organismus, der sich selbst regeneriert und in dem jedes Organ das andere braucht: Mensch, Pflanze, Tier und Boden. Dabei werden kosmische Konstellationen berücksichtigt und die Aussaat nach dem Mondkalender durchgeführt. Wenn alles richtig aufeinander abgestimmt ist, kann die «irdische und kosmische Energie» fliessen.

«Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Boden», erklärt Althann. Zur Unterstützung des Humusaufbaus verwendet er selber hergestellte Präparate wie etwa Hornmist und Hornkiesel (fein gemahlener Bergkristall). Für den Hornmist beispielsweise füllt er ein Kuhhorn mit Kuhdung und vergräbt es im Herbst in die Erde. Im Frühling wird dann der Mist aus dem Horn geschabt und im Wasser verwirbelt. Das «dynamisierte» Wasser lässt er dann in homöopathischer Dosis auf dem Feld ausbringen, um die «kosmischen Kräfte» zu übertragen. «Die Präparate sind das Herz der biodynamischen Landwirtschaft, sie unterstützen die Bodenfruchtbarkeit und das Pflanzenwachstum.» Zum Hoforganismus gehören auch Kühe und Kälber, die in der Mutterkuhhaltung aufwachsen. Die Herde zählt etwa 50 Köpfe und dient der gräflichen Familie hauptsächlich als Düngerlieferant. «Ohne ihren Mist gäbe es den wertvollen Kompost nicht», sagt Quintin Althann.

 Für Kinder ist das naturnahe Gut ein Idyll.

 Die Tiere werden artgerecht gehalten und die Mutterkühe tragen imposante Hörner.

 Die Hirschblasen werden mit getrockneter Schafgarbe gefüllt und später im Boden vergraben.

Vergrabene Kuhhörner und Mondphasen begleiten den jungen Grafen seit seiner Kindheit. Dennoch schickten ihn seine Eltern nicht in eine antroposophisch geprägte Schule. Es habe sich aber früh abgezeichnet, dass er den Gutshof von seinem Vater übernehmen werde. Am Francisco Josephinum liess er sich darum im Fachbereich Landwirtschaft schulen, später folgte ein Wirtschaftsstudium in Wien. Nebst der Tätigkeit als Gutsleiter hat Quintin Althann noch ein Standbein in Wien, wo er als Unternehmensberater arbeitet und mit seiner Frau Christina (39) und den Töchtern Filippa (4) und Leonie (1 ½) die Hälfte der Woche lebt. Der Spagat zwischen Stadt und Land, zwischen Büro und Kuhstall, verlangt der jungen Familie viel ab. Sie hat das Gut von den (Schwieger-)Eltern in bestem Zustand übernommen und fühlt sich dem Erbe verpflichtet, «es im Einklang mit der Natur weiterzuführen und weiterzuentwickeln». Bei der Bewirtschaftung des jahrhundertealten Familienbetriebs werden sie weiterhin von den Eltern sowie zwei Vollzeitangestellten und Saisonniers unterstützt.

Ein Paradies, das nach Arbeit ruft

Beim Stichwort Landwirtschaft kommt den meisten ein klassischer Bauernhof mit etwas Land in den Sinn. Bei Althanns sieht die Sache anders aus: Zum Gutsbetrieb gehören 130 Hektaren Landwirtschaftsfläche, 200 Hektaren Auwald und eine Fischerei. Und der Wohnsitz der Familie ist ein Schloss aus dem 16. Jahrhundert, in dessen Hauptgebäude Alexander und Maria Althann leben. Die junge Grafen-Familie wohnt in einem Seitenflügel. Wie viele Zimmer es im Schloss gibt, kann Quintin Althann nicht beziffern. Es sind zu viele. Der Gutsbetrieb – die Gebäude werden mit Bioenergie geheizt, der Strom stammt von Solarzellen – ist ein Idyll: Hühner in grosszügigem Auslauf, Rinder im offenen, artgerechten Stall, ein grosser Gemüse- und Kräutergarten, ein Schwimmbiotop. Hier muss Kindheit schön sein. «Ja, als Kind war das Schloss mit seiner Umgebung ein wahres Spielparadies», sagt der zweifache Vater. Er und seine drei Geschwister hätten aber früh schon erfahren, was die Gutsarbeit bedeute: viel Arbeit und grosse Verantwortung.

 Die vierjährige Filippa liebt es mit dem Vater durch die Felder  zu ziehen.

Ackerbau ist ein Eckpfeiler des Betriebs. Auf den Feldern werden nebst Sonnenblumen unter anderem Dinkel, Roggen, Hirse, Gerste, Popmais angebaut – bodenschonend, ohne Chemie.

Der Anbau der Sonnenblume ist einfach. Was sie aber en masse braucht, ist Licht, Wärme und Wasser. Der sonnenreiche Standort hier im Tullnerfeld mit warmem, trockenem Klima begünstigt die Entwicklung der einjährigen Pflanze. Und Wasser bekommt sie ausreichend mittels Beregnungsanlage. Quintin Althann kultiviert rund 650 000 Pflanzen der Sorte High Oleic (HO). Die Kerne der HO-Sonnenblume besitzen einen hohen Gehalt an ungesättigten Ölsäuren, dadurch hat das Öl eine besonders hohe Stabilität gegenüber Licht und Wärme. «Wir stehen jetzt vor der zweiten Ernte», erzählt er. Mit dem Verlauf des Wachstums ist der Graf zufrieden. Die Ernte im Herbst erfolgt mit dem Mähdrescher. Die reifen Sonnenblumenkerne kommen dann in die Ölmühle, wo sie in einer mechanisch arbeitenden Presse kalt gepresst werden. Danach ist das wertvolle Bio-Öl bereit zur Verarbeitung in Naturkosmetika.

Neue Absatzmöglichkeiten

Im Mittelalter hatte der Adel noch seine Diener und Gefolgschaft – heute sieht das gräfliche Leben anders aus. Die Gutsverwaltung nimmt Quintin und Christina Althann, die früher im Fashion-Bereich und in der Hotellerie tätig war, zeitlich in Beschlag. «Es ist eine verantwortungsvolle, aber schöne Aufgabe, die grosse Aufbauarbeit meiner Eltern weiterzuführen und den Hof für die Nachgeneration zu erhalten», so Quintin Althann. Darum sucht das seit 2014 verheiratete Paar ständig neue Vermarktungsmöglichkeiten. Ihr jüngstes Projekt ist der Vertrieb von Popcorn in Demeter-Qualität in biologisch abbaubarer Verpackung. Noch stehen sie am Anfang, aber «das Projekt hat Potenzial» sind beide überzeugt. Mit innovativen Ideen die Tradition fortsetzen – das ist der neue Geist im Schloss Althann.

Pflege voller Sonne

Naturkosmetik von Weleda

Sonnenblumenöl ist für seine pflegende Eigenschaft bekannt. Das hochwertige Bio-Öl von Gut Althann ist ein wichtiger Bestandteil in vielen Weleda-Naturkosmetikprodukten, etwa in der Granat- apfel- oder der Skin-Food-Linie. Produkte von Weleda gibts im Coop City und in grös- seren Coop-Läden.

Skin Food: nährende Intensivpflege für Gesicht und Körper, Fr. 10.95.