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Die Kraft der Natur

Wer in den Wald geht, tut Körper und Geist etwas Gutes. Das zeigen immer mehr Untersuchungen.

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zvg
30. September 2019

Ein Spaziergang im Grünen kann uns unter anderem helfen, Stress zu reduzieren.

Die Schweizer lieben den Wald. Den Duft von frisch geschlagenem Holz, würzigem Bärlauch und Waldmeister, das besondere Lichtspiel, die angenehm reine Luft und die Ruhe. Laut einer Umfrage des Bundesamtes für Umwelt gehen viele Schweizerinnen und Schweizer mindestens einmal die Woche in den Wald und fühlen sich danach «viel entspannter». Auch die Wissenschaft bestätigt diese Selbsteinschätzung mittlerweile immer öfter.

Italienische Forscher haben kürzlich eine Studie zu diesem Thema im Fachblatt «International Journal of Biometeorology» ausgewertet. Ihr Fazit: In den meisten Untersuchungen berichteten die Probanden nicht nur von einem guten Gefühl durch ihren Waldaufenthalt. In ihrem Blut war auch die Menge des Stresshormons Cortisol deutlich niedriger als bei den Kontrollgruppen, die sich nicht im Wald aufhielten. Bei den Testpersonen senkte zudem schon die Vorfreude auf einen Spaziergang im Wald den Cortisolspiegel, weil sie dadurch ihren Stress am Arbeitsplatz, die laute Umgebung der Stadt, Abgase und Autos zurücklassen konnten.

Gegen Depressionen

Schon 2017 kamen koreanische Forscher bei ihrer Durchsicht von Studien zum Schluss, dass der Aufenthalt im Wald eine effektive Möglichkeit ist, um bei Menschen mit Depressionen die Beschwerden zu lindern. Andere Untersuchungen zeigen, dass die saubere und weniger elektrostatisch aufgeladene Luft im Wald besonders von Personen mit akuten und chronischen Atemwegserkrankungen geschätzt wird. Das reicht jedoch hierzulande noch nicht, um einen Waldspaziergang als Therapie zu empfehlen.

Pragmatischer sieht man das im asiatischen Raum. Dort erachtet die traditionelle japanische Medizin den Waldspaziergang, Shinrin-Yoku genannt, mittlerweile als Mittel, um Krankheiten vorzubeugen. «Das Spazieren im Grünen hat sich in Japan inzwischen zu einer anerkannten Methode entwickelt, um Stress abzubauen», sagt der Umweltmediziner Qing Li (58) von der Nippon Medical School in Tokio. In über fünfzig speziell ausgesuchten Waldgebieten gehen die Japaner in ihrer Freizeit spazieren. Auch Firmen schicken ihre Angestellten zum Ausspannen in den Wald.

Qing Li untersucht mit seinem Team seit 2005 die medizinischen Effekte des Waldspaziergangs. In mehreren Studien schickte er deshalb Testpersonen in den Wald und verglich dabei ihren psychischen und körperlichen Zustand mit dem Befinden vor dem Spaziergang. Dabei stellte sich heraus, dass der Wald- aufenthalt die Vitalität stärkte, den Blutdruck senkte und bei psychisch an- fälligen Personen Angst und Depressionen abnahmen. Im Urin der Testpersonen stellte Qing Li anhand des Adrenalinspiegels fest, dass auch der Stress zurückging. Dafür reichten bereits zwei Stunden Aufenthalt im Grünen.

Für ein stärkeres Immunsystem

Im Blut der Testpersonen untersuchte der Wissenschaftler zudem, wie sich die Aktivität der natürlichen Killerzellen im Wald veränderte. Sie sind Bestandteil des Immunsystems und in der Lage, Tumorzellen zu erkennen und abzutöten. Bei Testpersonen, die mehrere Tage und Nächte im Wald verbrachten, hatten die Aktivität und die Anzahl der Killerzellen und anderer Substanzen der Körperabwehr so deutlich zugenommen, dass sie selbst nach 30 Tagen noch erhöht waren. Andere Untersuchungen legen die Vermutung nahe, dass Menschen mit höherer Aktivität der Killerzellen weniger häufig an Krebs erkranken.

Was genau diesen schützenden Effekt auslöst, wissen die Forscher allerdings noch nicht. Qing Li macht jedoch zu einem grossen Teil die ätherischen Öle in den Bäumen dafür verantwortlich, die der Mensch im Wald einatmet. Diese werden von den Bäumen in die Umgebung abgegeben, um sich vor Bakterien, Pilzen, Insekten und vor dem Verrotten zu schützen. Besonders Nadelbäume, wie die in Japan häufig anzutreffende Sicheltanne und Hinoki-Scheinzypresse oder hierzulande Fichten, Tannen oder Kiefern scheinen besonders viele dieser Substanzen abzugeben – besonders, wenn sie frisch geschlagen sind.

Wer hier also tief ein- und ausatmet, befördert dabei besonders viele dieser stimulierenden Substanzen in seinen Körper.