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Die Kraft des Schreibens

Wer belastende Situationen aufschreibt, der verarbeitet sie besser und profitiert auch gesundheitlich. Das zeigen zahlreiche Untersuchungen.

09. Dezember 2019
Wer seine Gedanken in Worte fasst, der tut etwas für seine Gesundheit.

Wer seine Gedanken in Worte fasst, der tut etwas für seine Gesundheit.

«Am besten gefällt mir noch, dass ich das, was ich denke und fühle, wenigstens aufschreiben kann, sonst würde ich komplett ersticken.» Anne Frank (1929–1945) schreibt diesen Satz am 16. März 1944 in ihr Tagebuch im Amsterdamer Hinterhaus. Viele Menschen haben dies in jenen Kriegstagen getan, denn Schreiben scheint bei der Auseinandersetzung mit belastenden Situationen und Erlebnissen zu helfen.

Heute geht es eher um Ärger mit den Kollegen, Stress mit den Kindern, aber auch traumatische Erlebnisse. Solange diese Probleme nicht gelöst sind, schwirren sie im Kopf herum, stressen, anstatt dem Geist Ruhe zu gönnen. Auf Dauer leidet darunter die Gesundheit.

«Es ist immer eine gute Idee, Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen und aufzuschreiben», sagt die Psychologin Andrea Horn (45) von der Universität Zürich, die zum Thema Tagebuchschreiben forscht. Gemeint ist dabei nicht die Schilderung des Tagesablaufs, sondern expressives Schreiben, eine in den 80er-Jahren von James Pennebaker (69) von der University of Texas in Austin (USA) entwickelte Methode, in der man sich mit Schicksalen oder negativen Ereignissen schriftlich auseinandersetzt. In seiner ersten Studie liess der Psychologieprofessor 1986 eine Gruppe von Studenten an vier Tagen für jeweils 15 Minuten über ein für sie traumatisches Erlebnis schreiben. Eine weitere Kontrollgruppe schrieb dagegen über ein nicht emotionales Thema. Zwar waren die Studenten, die über ihr Trauma schrieben, nach dem Schreiben aufgewühlter, langfristig aber dokumentierte Pennebaker, dass sie in den folgenden sechs Monaten deutlich seltener zum Arzt gingen als die andere Gruppe. Fast alle empfanden zudem das Schreiben als wertvolle und persönlich bedeutsame Erfahrung. 1999 liess der Psychologe Joshua M. Smyth Patienten mit Arthritis oder Asthma über ein traumatisches Erlebnis oder Belangloses schreiben. Nach vier Monaten zeigten sich Verbesserungen an den Gelenken beziehungsweise beim Lungenvolumen bei jenen, die über ein stressreiches Erlebnis schrieben.

Hilft Körper und Geist

«Mittlerweile belegen Hunderte von Studien, dass Tagebuchschreiben gut für die Gesundheit ist», so Andrea Horn. «Auch wir haben in eigenen Studien zeigen können, dass Schreiben für das emotionale Wohlbefinden und alltägliche Funktionieren günstig ist.»

Der genaue Wirkmechanismus ist noch unklar. Vermutet wird, dass unverarbeitete Erlebnisse unterschwellig mental und körperlich für Stress sorgen. Andere Theorien gehen davon aus, dass die gezielte Konfrontation durch das Schreiben eine Gewöhnung an das angstauslösende Objekt einleitet. Andere fassen das Erlebte erstmals in Worte und verstehen dadurch, was überhaupt passiert ist. «Das Schreiben scheint in seiner strukturierten Natur Menschen dazu zu bringen, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die sie sonst eher meiden würden», sagt die Expertin. Dabei können negative Gefühle zugelassen und eingeordnet werden, was Körper und Geist guttut, wie die Forschung nahelegt.

Dabei muss das Schreiben nicht regelmässig sein, meist reicht es einige Male für etwa eine Viertelstunde über seine Gefühle und Gedanken zu schreiben. «Das Ziel sollte sein, so ehrlich und offen wie möglich zu schreiben über das, wo man eine emotionale Verhaftung spürt», rät Horn. Dabei gehe es nicht um literarische Qualität, sondern Ehrlichkeit und den Mut, neue Perspektiven einzunehmen.