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Die Tücken mit dem Rücken

Fast jeder kennt es: das gelegentliche Zwicken im Kreuz oder die Verspannung im Nacken. Oft liegt es an den Genen – etwas dagegen tun kann man trotzdem.

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Tobias R. Dürring
26. August 2019

Kurz und bündig

  • In der Schweiz leiden 80 Prozent der Menschen einmal pro Jahr bis mehrmals wöchentlich unter Rückenschmerzen.
  • 85 Prozent der Rückenschmerzen sind muskulär bedingt.
  • Bei der Schweizer Bevölkerung (über 15 Jahre) entstehen pro Jahr weit über zehn Millionen Arbeitsausfalltage.
  • Frauen leiden deutlich mehr an Rückenschmerzen als Männer.
  • Bewegung bringt einen präventiven und langfristigen Erfolg.

Mazda Farshad (37) nimmt die Nachbildung einer Wirbelsäule in die Hand. Auf seinem Bürotisch stehen noch zwei weitere Exemplare – eine kupferfarbene und eine, die komplett durchsichtig ist. Der Professor lächelt kurz «die sind nur Dekoration» und wird dann ernst: «Rückenschmerzen sind bei uns die Volkskrankheit Nummer eins und trotzdem spricht der Schweizerische Nationalfonds nur wenige Prozent seiner Gelder für die Forschung des Bewegungsapparats.» Für den medizinischen Spitaldirektor der Universitätsklinik Balgrist in Zürich, zugleich Chefarzt Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie, liegt der Grund dafür auf der Hand: «Im Gegensatz zu beispielsweise einem Krebspa- tienten ist eine Person mit Rückenschmerzen nicht direkt mit dem Tod konfrontiert – es fehlt da die Emotionalität.»

Ausgangsstellung: Sitz auf dem Hocker. Der Rücken ist aufgerichtet. Die Knie stehen über dem Mittelfuss. Die Füsse sind hüftbreit aufgestellt und haben einen guten Bodenkontakt. Die Hände liegen mit der Handfläche nach oben (!) auf den Oberschenkeln.


 

Durchführung: Kopf abwechselnd langsam zur Seite neigen – nicht drehen! Die Nase ist immer nach vorne gerichtet. Drei Mal nach jeder Seite. Rückenschmerzen haben sich mittlerweile zu einer Volkskrankheit entwickelt. 

Dafür aber kosten Rückenschmerzen viel Geld. Seit Jahren steigen die Ausgaben für deren Behandlung kontinuierlich an. Von rund vier Milliarden Franken pro Jahr ist die Rede. Hinzu kommen noch zusätzliche zehn Milliarden, wenn weitere Faktoren wie Arbeitsausfälle eingerechnet werden. Ein unglaublich hoher Betrag und doch nichts als logisch. Denn gemäss einer Erhebung der Rheumaliga Schweiz aus dem Jahr 2011 sind hierzulande achtzig Prozent der Menschen einmal pro Jahr bis mehrmals wöchentlich von dieser Pein betroffen. Mit Abstand am häufigsten im unteren Bereich der Lendenwirbelsäule. Farshad weiss, warum: «Das hat mit unserem aufrechten Gang zu tun.» So ist der Mensch das einzige Wirbeltier auf der Welt, das sich nicht mehr auf allen vieren fortbewegt. Ein evolutionärer Vorteil, weil wir die Hände somit für etwas anderes benützen können, mit dem Nachteil, «dass unsere Wirbelsäule dadurch viel mehr belastet wird». Der zweite Grund ist die hohe Lebenserwartung des Menschen. «Ohne Medizin wäre diese deutlich tiefer und deshalb leiden oft auch ältere Personen unter heftigen Rückschmerzen – es ist der natürliche Abnützungsprozess.»

Übergewicht und Rauchen

Doch wie stark beispielsweise eine Bandscheibe im Laufe der Zeit degeneriert, liege zu 70 Prozent in der Erbanlage und sei nur zu 30 Prozent auf äussere Faktoren zurückzuführen, erklärt Farshad. Diese kann man aber sehr wohl beeinflussen. «Übergewicht ist sicher nicht förderlich und Rauchen auch nicht, denn dadurch werden die kleinen Gefässe weniger durchblutet mit der Folge, dass die körpereigenen Reparaturmechanismen schlechter funktionieren.» Und natürlich kann eine muskuläre Stütze nicht schaden. Gemäss neusten Studien hat diese aber nicht eine solch grosse Auswirkung, wie bisher angenommen. Regelmässig etwas für die Bauch- und Rückenmuskulatur zu tun, ist aber sicher nicht verkehrt. «Wichtig dabei ist, dass diese gleichermassen trainiert werden, damit ein Gleichgewicht entsteht», erklärt Farshad. Und ganz allgemein sei Bewegung natürlich die beste Prävention.

Ausgangsstellung: Vierfüsslerstand. Die Knie sind hüftbreit auseinander. Die Hände befinden sich genau unter den Schultern. Der Kopf ist in der Verlängerung der Wirbelsäule. 

Durchführung: Wirbelsäule beim Einatmen gleichzeitig von den Lenden und vom Scheitelpunkt her einrunden, ausatmen und in die Ausgangsstellung zurück. Drei bis fünf Mal wiederholen. Gezielte, aktive Bewegung ist oft ein wirksamer Weg, Rückenschmerzen vorzubeugen.

Und nicht nur das. «Neuste Studien belegen ganz klar: Auch bei plötzlich und heftig auftretenden Rückenschmerzen hilft moderates Bewegen.» Absolut falsch hingegen ist die alte Regel, die besagt, dass man bei dieser Art von Rückenschmerzen ruhen soll. «Grundsätzlich gilt: Bewegung, die den Schmerz nicht massiv verschlimmert, ist förderlich», sagt Mazda Farshad bestimmt, wohingegen er sich bei Empfehlungen für spezifische Sportarten eher zurückhält. Dies sei extrem abhängig von den jeweiligen Beschwerden. Nur so viel: «Schwimmen ist – entgegen der Meinung vieler – nicht immer optimal. Leidet die Person beispielsweise an einem Facettensyndrom, bei dem sich der Abstand zwischen den hinteren Wirbelgelenken durch Abnützung verringert hat, dann ist Brustschwimmen eher schmerzfördernd.» Da man seinen Rücken dabei wiederholt ins hohle Kreuz drücke. «Hier eignet sich Radfahren aufgrund der gebückten Haltung viel besser, weil dadurch diese Gelenke entlastet werden.»

Rückenschonend schlafen

Individuell ist auch die viel diskutierte ideale Schlafposition oder die Matratzenwahl. Der Mediziner macht ein Beispiel: «Wenn jemand eine Bandscheibenabnützung hat und Rückenschläfer ist, dann ist eine harte Matratze nicht ideal.» Bei dieser Position verringert das Gesäss als prominentere Struktur die Lenden-Krümmung, was die Bandscheiben zusammenquetscht. «Aber das ist alles absolute Theorie, und darüber kann man noch viel diskutieren, denn Fakt ist: Kein Mensch schläft die ganze Nacht in der gleichen Position», erklärt Mazda Farshad.

Ausgangsstellung: Hände über Kreuz auf beide Schlüsselbeine legen.   

Durchführung: Den aufrechten Oberkörper nach hinten bewegen, bis ein Anspannen der Bauchmuskeln spürbar ist. Einen Augenblick verharren und dann den Körper wieder leicht nach vorne beugen. 10 bis 20 Mal wiederholen. Als Steigerung die Finger hinter dem Nacken kreuzen. Bei chronischen Schmerzen sind oft Abnützungserscheinungen die Ursache. 

Es gibt zig Ursachen, die zur Pein in der Wirbelsäule führen. Unterschieden wird dabei, ob diese akuter oder chronischer Art sind. «Von akuten Rückenschmerzen spricht der Arzt dann, wenn diese innerhalb von sechs bis acht Wochen wieder abklingen.» Chronisch wird es per Definition, wenn sich das Leiden über mehr als zwei Monate hinzieht. Doch nicht nur die Zeitspanne, auch die Ursache ist unterschiedlich. «Akute Rückenschmerzen sind in 80 Prozent der Fälle unspezifisch.» Das heisst? «Diagnostisch lassen sich keine Ursachen identifizieren.» Wichtig sei der Ausschluss von Differenzialdiagnosen: «Wenn der akute Schmerz in Begleitung mit Fieber auftritt, könnte das ein Anzeichen für eine Infektion oder gar auf einen Tumor sein.» Gleichzeitig auftretende Bauchschmerzen könnten hingegen auf eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse hinweisen. Oder auch ein Riss in der Aorta – der Hauptschlagader – könne heftig und plötzlich auftretende Rückenschmerzen verursachen.

«Treten solche Beschwerden in Kombination auf, sollte der Patient sofort einen Arzt aufsuchen.» Ebenso bei schweren neurologischen Symptomen wie Blasenentleerungs- oder Sensibilitätsstörungen in den Beinen und bei Lähmungserscheinungen. «Bei chronischen Rückenschmerzen sind jedoch oft Abnützungserscheinungen die Ursache.»

Mazda Farshad kennt nicht nur die Wurzel des Übels, er gibt auch praktische Tipps für den Alltag. «Haben Sie einen Bürojob, dann ist es wichtig, dass Sie nicht ständig in der gleichen Stellung verweilen.» Ob Stehpult, normaler Stuhl oder Gymnastikball – optimal sei es, wenn man alle 30 Minuten die Position wechsle.

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