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Völlig von der Rolle

Das Training mit den Faszien boomt. Es soll Schmerzen lindern und die Beweglichkeit verbessern. Doch ist der Hype wirklich gerechtfertigt?

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Getty Images
04. November 2019
Überall wird gerollt: Schaumstoffrollen können helfen, unsere Faszien  geschmeidig zu halten.

Überall wird gerollt: Schaumstoffrollen können helfen, unsere Faszien geschmeidig zu halten.

Immer öfters trifft man sie im Fitnessstudio an: Sportbegeisterte, die ihre Körperteile über eine kleine Rolle aus Schaumstoff walzen. Was tun die da? Sie kümmern sich um ihre Faszien. Erst seit einigen Jahren beschäftigt sich die Gesundheits- und Fitnessbranche mit genau diesen Faszien und dabei mit den unterschiedlichen Methoden sie zu trainieren. «Faszien sind kollagenhaltige, faserige Bindegewebsstrukturen», erklärt der diplomierte Sportlehrer und Faszien-Experte Markus Rossmann (54). Dazu zählen die Hüllen um die Muskeln und Organe sowie die Millionen von kleinsten kollagenelastischen Fasern, die in unserem Körper «alles mit allem verbinden». Faszien sind also ein Netzwerk, das unseren Körper im Innern zusammenhält, für Stabilität sorgt. Erst seit einigen Jahren verfügen Ultraschallgeräte über eine genügend hohe Auflösung, um Faszien im Detail sichtbar zu machen. Dadurch sind sie plötzlich ins Blickfeld der Wissenschaft gerückt.

Neuere Studien lassen vermuten, dass die Faszien eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Verspannungen und Schmerzen spielen. Durch falsche Ernährung, Bewegungsmangel, Fehlhaltung oder Stress, heisst es, können sie verkleben oder sich verhärten, was zu Schmerzen führt. Genau hier setzt das Faszientraining an. Laut Rossmann könne man damit nicht nur seine Beweglichkeit verbessern. «Man hat weniger Schmerzen, schnellere Heilungsprozesse, ein stärkeres Immunsystem und eine geringere Verletzungsanfälligkeit.» Klingt vielversprechend. Doch aufgepasst: Faszien und Muskeln kann man nicht getrennt voneinander betrachten. Muskeln, Sehnen und Faszien sind stark miteinander verbunden. Wer seine Muskeln bewegt, der bewegt immer auch seine Faszien. Der Experte hält fest: «Faszien kann man nicht isoliert trainieren, aber man kann ein faszial betontes Training durchführen.»

Rollen, hüpfen und dehnen

Ein solches Training sei grundsätzlich für jeden geeignet. Die wohl verbreitetste Art ist die Selbstmassage mit einer Schaumstoffrolle, der sogenannten «Blackroll», oder wahlweise mit einem Ball aus Schaumstoff. Diese Hilfsmittel gibt es in unterschiedlichen Grössen, Härtegraden und mit verschiedenen Oberflächen. Dabei legt man den zu bearbeitenden Körperbereich auf die Rolle und bewegt sich dabei vor- und rückwärts. Der Druck, der normalerweise vom Masseur ausgeht, kommt hier vom eigenen Körpergewicht. Das soll die Durchblutung anregen, Verspannungen lockern und Schmerzen mindern. Übertreiben sollte man es aber nicht. «Entscheidend ist, wie bei jedem Training, die Dosis.» Deshalb soll man sich laut Markus Rossmann nur zwei- bis dreimal pro Woche für zehn bis fünfzehn Minuten mit der Rolle massieren.

Faszientraining ist jedoch viel mehr als nur das Hin- und Herrollen. Um optimale Trainingseffekte zu erzielen, soll man laut Rossmann auch Dehn- und leichte Sprungübungen, das sogenannte Katapulttraining, in sein fasziales Training integrieren. Ebenso nicht ausser Acht lassen soll man das Körperwahrnehmungstraining: während der Übungen seinen eigenen Körper beobachten, bei sich sein.

Trotz des Booms und obwohl viele Experten von der Wirkung überzeugt sind: eindeutige wissenschaftliche Belege, wie sich das Training genau auf unsere Gesundheit auswirkt, gibt es nicht. Dennoch bekomme er überwiegend positive Rückmeldungen, sagt Rossmann. «Im Bereich der Human- und Bewegungsforschung ist es sehr schwierig, etwas endgültig zu beweisen.» Hierfür sei oft die Anzahl der Probanden zu gering, Langzeitstudien fehlten. «Viele kleine Studien erzielen gleiche oder ähnliche Ergebnisse, letztendlich aber keinen endgültigen Beweis.» Der Experte meint deshalb, man soll sich in diesem Bereich nicht nur auf die Wissenschaft verlassen, sondern auf sein Körpergefühl und «einfach praktisch probieren».