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Perfektionisten leben gefährlich

Wer mehr Spass am Leben haben will, sollte aufhören, alles allzu perfekt machen zu wollen. Beides passt nicht zusammen.

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Alamy
13. Mai 2019

Ups, ungleiche Socken angezogen - was solls: Mit einer Portion Gelassenheit und Humor ist dieses Malheur leichter zu ertragen.

Wer kennt das nicht: arbeiten im Büro bis zum Umfallen, weil das Projekt perfekt werden soll. Jedes Komma muss sitzen, jede Zahl ist zehnfach gecheckt, jede Grafik stimmt bis ins Detail. Bloss keine Kritik von Kollegen aufkommen lassen. Aber: Zu Hause liegen Socken unterm Bett, die Hecke im Garten ist schief geschnitten und die Sommerferien sind immer noch nicht gebucht? Gratulation, Sie haben einen gesunden Ehrgeiz und einen unproblematischen Hang zum Perfektionismus.

Denn ungesund wäre es, in allen Lebensbereichen zwanghaft perfekt sein zu wollen. «Dann untergräbt Perfektionismus nicht nur die Zufriedenheit, sondern zerstört auch die eigene Gesundheit, ruiniert die Partnerschaft und Freundschaften», sagt der Gesundheitspsychologe Daniel Hausmann-Thürig (50) vom Psychologischen Institut der Universität Zürich.

Druck von der Aussenwelt

Der zunehmende Wohlstand macht es uns leicht, ständig immer mehr an uns selbst zu optimieren. Und man orientiert sich dabei oft an Massstäben, die andere setzen, die Gesellschaft, und nicht man selbst. Schon Jugendliche der heutigen Selfie-Generation bekommen den Druck, sich ständig optimal auf sozialen Netzwerken zu präsentieren, weil die anderen das auch tun. Im Erwachsenenalter geht es weiter: Familie, Job und Freunde müssen bestmöglichst gemanagt werden, schliesslich sieht und hört man das von anderen Familien, auch wenn es oft nur Fassade ist. Die Falle, den hohen Ansprüchen anderer gerecht zu werden, nicht angreifbar zu sein, schraubt sich dann wie eine Spirale in alle Lebensbereiche, obwohl das zu erfüllen realistisch gar nicht erreichbar ist.

«Dann wechselt die positive Weltsicht in eine chronisch negative mit einer ständigen Unzufriedenheit», erklärt Hausmann-Thürig. Auf Dauer schadet das dem Körper und der Psyche: Angst-, Zwangs- oder Essstörungen wie etwa Magersucht, Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken können die Folge sein. Perfektionismus ist zudem Gift für das soziale Umfeld. Während der eher introvertierte Perfektionist nur unerbittlich gegen sich selbst ist und Fehler bei anderen entschuldigen kann, eckt der extrovertierte Perfektionist früher oder später in seinem Umfeld an. «Er sieht bei anderen überall Fehler und Schwächen und kritisiert sie, hat dementsprechend ständig Schwierigkeiten mit anderen Menschen und macht die Arbeit lieber selber.»

Deshalb braucht der Perfektionist irre viel Zeit. Das zeigt der nach dem italienischen Soziologen Vilfredo Pareto (1848–1923) benannte Pareto-Effekt: Um eine Aufgabe zu 80 Prozent zufriedenstellend zu erledigen, braucht es im Schnitt gerade mal 20 Prozent des gesamten Zeitaufwands. Wer auch die restlichen 20 Prozent noch erarbeiten und somit die Sache perfekt machen will, braucht dafür auch die restlichen 80 Prozent des Gesamtaufwands. So bleibt keine Zeit mehr für anderes.

Fünfe auch mal gerade sein lassen

Was hilft also? «Überlegen Sie sich, was Ihnen wirklich wichtig ist im Leben, und ob Sie zufrieden sind mit dem, was sie haben und wie sie sind», rät Daniel Hausmann-Thürig. Überlegen Sie bei jeder Aufgabe, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt, ob der eigene Perfektionismus überhaupt eine Rolle spielt, ob er angebracht ist. Ob nicht einmal auch ein durchschnittliches Ergebnis ausreicht, weil mehr zu leisten gar keinen Sinn macht oder bei Kollegen gar auf Unverständnis stösst.

Besser: auch mal 80 Prozent gut sein lassen. Das schafft viel Zeit, die sich für andere Projekte, Familie oder Freunde nutzen lässt oder für sportliche Aktivitäten zum Ausgleich. Wer die Kurve allerdings alleine nicht hinbekommt, sollte lieber früher als später professionelle Hilfe aufsuchen. Auch wenn der Schritt schwer fällt, er lenkt den Fokus weg von sich selbst und öffnet den Blick wieder für anderes.