X

Beliebte Themen

Fit & Happy

Den Schmerz wegkleben

Bandagieren Sie noch oder kleben Sie schon? Ein farbiges Klebeband erobert unsere Körper. Was es mit dem Kinesio-Tape auf sich hat.

FOTOS
Getty Images
05. August 2019

 Mit grünen, roten, blauen oder gelben Bändern tapen und damit die Schmerzen lindern.

Jetzt im Sommer sind die bunten Bänder unübersehbar: Sie kleben auf Schulter, Oberschenkel oder am Knie. So oft sie zu sehen sind, so häufig finden sie in Therapien Verwendung, um die Behandlung von Verletzungen und chronischen Krankheiten zu optimieren. Erfinder der Kinesio-Tapes ist der japanische Chiropraktiker Kenzo Kase. Bei der Entwicklung der Klebeband-Methode flossen seine Erfahrungen aus der Kindheit mit ein. Kenzo, Anfang der 1940er-Jahre geboren, war ein schwächlicher Junge, der mit allerlei Erkrankungen zu kämpfen hatte, darunter Lungenentzündungen, Tuberkulose, Niereninfektionen und Allergien. Dabei versuchte die Grossmutter, eine Heilerin, ihrem Enkel mit Naturheilmitteln zu helfen.

Diese Jahre waren für ihn derart prägend, dass er sich zum Chiropraktiker ausbilden liess und in seiner Tätigkeit schulmedizinische und komplementärmedizinische Methoden kombinierte. Dabei bekam er es immer wieder mit älteren Patienten mit schwerer Arthritis zu tun. Der Therapeut entdeckte, dass die gezielte Positionierung der betroffenen Gelenke die Schmerzen massiv reduzierte und die Menschen wieder aktiver sein konnten. Das liess in Kase die Gewissheit reifen, dass nicht das Gelenk selbst und die Knochen das Hauptproblem waren, sondern die Muskulatur. Diese normalisierte sich, sobald das Gelenk in die richtige Position gebracht worden war.

Wenige Tage nach der Behandlung waren die Schmerzen aber in der Regel wieder da – die Patienten waren in alte Verhaltens- und Haltungsmuster zurückgefallen. In der Folge versuchte Kase, die Gelenke mit einem herkömmlichen, aber nicht elastischen Tape zu fixieren. Mit mässigem Ergebnis, denn nun klagten die Patienten über Hautaus- schläge, Hautprobleme, andere Schmerzen und schliesslich Bewegungsunfähigkeit der Gelenke.

Tüfteln, bis es passte

Der Weg war der richtige, davon war Kenzo Kase überzeugt, das Mittel jedoch das falsche. Mit Produktingenieuren entwickelte er in jahrelanger Tüftelei ein flexibles Tape, das Halt verlieh und gleichzeitig Bewegungsfreiheit ermöglichte: das Kinesio-Tape. Der Begriff Kinesio-Taping oder kinesiologisches Taping stammt aus dem Griechischen und ist aus den Worten «Kinesis» (Bewegung) und «Logos» (Lehre) zusammengesetzt. Das englische Wort «Tape» bedeutet Klebeband. Ein hypoallergener Kleber erlaubt es dem Band zudem, auf der Haut zu kleben, ohne Irritationen hervorzurufen. Und weil es sich bezüglich Elastizität und Dicke an der menschlichen Haut orientiert, weist es einen unvergleichlichen Tragekomfort auf.

Der Siegeszug um die Welt

Doch davon wusste der Rest der Welt lange Zeit nichts. Erst als Ende der 1980er-Jahre immer wieder asiatische Leistungssportler mit farbigen Tapes auf der Haut an internationalen Wettkämpfen auftauchten, wurden andere Spitzensportler auf Kenzos Erfindung aufmerksam. Mittlerweile hilft das Tape auch ganz normalen Menschen. Angewandt wird es etwa bei Gelenkbeschwerden, Schleudertrauma, Tennisarm, Schulterproblemen, Verspannungen, Muskelverletzungen, Entzündungen oder als präventive Massnahme gegen Krämpfe. Der Erfolg seiner Idee überrascht selbst Kenzo Kase: «Als ich das Kinesio-Tape erfand, hätte ich nie vermutet, dass es auf so grosses Interesse und solche Akzeptanz stossen würde.»

Angebracht wird das wirkstofffreie Band auf Baumwollbasis mit einer Acrylbeschichtung, immer mit einer gewissen Vordehnung, um Gelenk oder Muskeln in die gewünschte Position zu bringen. Korrekt appliziert, verbessert es die Durchblutung, reguliert den Muskeltonus, aktiviert die körpereigene Schmerzregulation und verbessert die Beweglichkeit. Zwar ist die Wirkung des Kinesio-Tapes noch nicht vollumfänglich wissenschaftlich belegt. Millionen Anwender wissen jedoch ebenso wie zahllose Spitzensportler, wie sehr ihnen das elastische Band geholfen hat.

Und nicht nur sie, denn Kenzo Kase hat selbst seinen Chihuahua mit dem Tape behandelt. Und 2009 verpasste der Zoo von Detroit (USA) das Tape sogar einem Flamingo mit Knieproblemen.

Taping in den Coop- Vitality-Apotheken

Seit Kurzem sind die Pharma- Assistentinnen sowie die Apothekerinnen in den Coop-Vitality-Apotheken auch Taping-Expertinnen. Für 25 Franken (inklusive Material) können sich Männer, Frauen und Kinder – vom Freizeitsportler bis hin zur Büroangestellten mit Rückenproblemen – fachgerecht ein Kinesio-Tape anbringen lassen. Einen Termin braucht es dafür nicht, wer jedoch keine Wartezeit riskieren möchte, vereinbart trotzdem einen.