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Wir sind ganz Ohr!

Eine lange «Kerze», die einem Fahnenmast ähnlich aus dem Ohr ragt? Sieht reichlich gewöhnungsbedürftig aus, soll aber für Entspannung und Wohlbefinden sorgen.

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Shutterstock
20. Mai 2019

Ganz behutsam: Es empfiehlt sich, sich die Kerzen von der Fachkraft ins Ohr drehen zu lassen.

Woher das seltsam anmutende Ritual stammt, kann niemand so recht sagen. Von den nordamerikanischen Hopi-Indianern jedenfalls nicht, obwohl dies immer wieder behauptet wird und manche Ohrkerzen auch unter dem Namen Hopi-Kerzen verkauft werden. Auch nicht von anderen Indianer-Stämmen. Die alten Chinesen oder die alten Ägypter sollen etwas damit zu tun haben, manche behaupten sogar, die Methode stamme aus dem sagenumwobenen Atlantis. Vielleicht ist die Herkunft des Earcandelings aber auch ganz banal und es wurde von geschäftstüchtigen Menschen der Neuzeit erfunden.

Aber wo auch immer diese alternative Anwendung «geboren» wurde, interessant ist sie allemal. Die 20 bis 30 Zentimeter langen Ohrkerzen bestehen aus einem gerollten, mit Bienenwachs und Honig getränkten Baumwolltuch und sind innen hohl. Je nach gewünschter Wirkung sind sie mit Aromaessenzen oder Heilpflanzen bestrichen. Der Therapeut dreht die Kerze dem auf der Seite liegenden Klienten ganz sanft in den Gehörgang, bis dieser luftdicht verschlossen ist. Diese Behutsamkeit ist von grosser Wichtigkeit, damit keine Verletzungen entstehen und vorhandener Ohrschmalz nicht tiefer ins Ohr hineingedrückt wird.

Therapeuten und Heilpraktiker arbeiten bereits seit Jahrzehnten mit Earcandeling. Inzwischen wird die Methode jedoch auch mit Beauty- und Wellnessanwendungen kombiniert. Modernes Earcandeling spricht die Sinne über Wärme, Klang und Duft an. Das Wohlfühlritual soll für Entspannung, Geborgenheit und im besten Fall sogar für Glücksgefühle sorgen. Entspannungsmusik und Aromaduft unterstützen die Effekte der brennenden Ohrkerze. Die leichte Wärme soll einen sanften Unterdruck hervorrufen, was wiederum zu einem Druckausgleich im Bereich des Ohrs und des Kopfes führt. Darüber hinaus werden über Vibrationswellen das Trommelfell massiert und diverse Reflexpunkte stimuliert. Auch die Durchblutung soll angeregt sowie das Lymphsystem aktiviert werden. Angeblich lässt sich auf diese Weise sogar Ohrschmalz entfernen oder zumindest dessen spätere Entfernung erleichtern. Den Herstellern zufolge hilft Earcandeling darüber hinaus bei Erkältungen, Kopfweh, Schlaflosigkeit, Hyperaktivität, Ohrenschmerzen sowie Tinnitus.

Vorsicht ist geboten

Ohrkerzen kann man problemlos im Handel kaufen, sie werden in den unterschiedlichsten Ausführungen angeboten. Eine sachgerechte und vorsichtige Anwendung ist aber Pflicht. Damit das möglich ist, braucht es die Hilfe einer zweiten Person, welche ausserdem noch stetig kontrolliert, ob alles in Ordnung ist. Und es gibt Kontraindikationen: Bei Wunden im Gehörgang, einem Ekzem, Pilzbefall, einer Entzündung im Ohr oder einer Trommelfellverletzung gilt es auf Earcandeling zu verzichten und einen Termin beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt zu vereinbaren.

Die Schulmedizin zweifelt

Wie bereits erwähnt, gehört Earcandeling zu den alternativen Heilmethoden. Die Schulmediziner zweifeln die Wirkung der Ohrkerzen an, und tatsächlich gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte sorgen sich vor allem, weil austropfendes Wachs zu Verbrennungen führen und zu grobes Eindrehen der Kerze das Trommelfell verletzen könnte. Sanftes Vorgehen ist daher unerlässlich. Zudem verfügen moderne Ohrkerzen inzwischen über einen Sicherheitsfilter oder Tropfschutz, der Verbrennungen ver- hindern soll. Er zeigt an, wann die Kerze gelöscht werden muss und sorgt dafür, dass weder Wachstropfen noch abgebrannte Reste in den Gehörgang gelangen. Schaden kann es auch nicht, wenn zur Sicherheit ein Glas Wasser in der Nähe steht.