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Digitale Weiblichkeit

Zahlreiche Apps und Sensorsysteme beschäftigen sich mit dem weiblichen Zyklus. Das ist so naheliegend, dass man sich fragt, warum eine im wahrsten Sinne des Wortes lebenswichtige Körperfunktion von der Tech-Branche so lange vernachlässig wurde.

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zvg
13. August 2018

Digitaler Zyklus

Apps und Wearables messen und berechnen schon lange, wie intensiv ihr Benutzer Sport treibt, wann er schlafen gehen soll und wie es um sein Wohlbefinden bestellt ist. Frauen, die sich einen Überblick über ihren Zyklus verschaffen wollten, waren dagegen bis vor kurzem auf Kalender, Fieberthermometer oder Teststreifen angewiesen.

«Fem Tech», Technologie speziell für Frauen, soll es nun einfacher machen, den Zyklus zu erfassen und Frauen helfen, schneller schwanger zu werden. Auf dem Markt sind Wearables wie «Trackle», ein Sensor, der nachts wie ein Tampon getragen wird, «OvulaRing» der vaginal getragen wird und beim Sex nicht stört, «Yono», ein Sensor, der einfach ins Ohr gesteckt wird, oder das Sensorenarmband «Ava», das ähnlich funktioniert wie eine Sportuhr.

Ein halbes Grad entscheidet

Sie alle suchen nach einem kleinen Anstieg in der Körpertemperatur: Nach dem Eisprung steigt diese um etwa ein halbes Grad an. Zyklus-Tracking-Apps funktionieren genauso, nur muss die Nutzerin die am Morgen gemessene Temperatur selbst eintragen – immerhin ein Fortschritt zu Bleistift und Papier. 12 bis 24 Stunden nach dem Eisprung stirbt die Eizelle ab, wenn sie nicht befruchtet wird. Da Spermien im weiblichen Körper einige Zeit überleben können, summiert sich die fruchtbare Zeit auf etwa fünf Tage vor und 12 Stunden nach dem Eisprung.

Die «Stiftung Warentest» bewertete im vergangenen Jahr allerdings nur vier von 23 Apps mit «gut». Von Messfehlern einmal abgesehen: Ein halbes Grad ist nicht viel. Zudem beeinflusst schon ein Glas Wein vor dem Schlafengehen die Körpertemperatur. Bei Frauen, die viel reisen, viel Sport treiben, Stress haben oder nachts öfter aufstehen müssen, stimmt die Messung unter Umständen auch nicht.

«Wenn der Temperaturanstieg kommt, ist der Eisprung schon etwa drei Tage her», sagt Brigitte Leeners, Reproduktionsmedizinerin und leitende Ärztin am Universitätsspital Zürich. Leeners leitet die mittlerweile dritte klinische Studie des «Ava»-Armbandes. Tragbare Sensoren machen nicht nur das Thermometer überflüssig, erklärt sie: «Wenn man Daten einer ganzen Nacht hat, kann ein Algorithmus ein Fenster mit hoher Datenqualität ermitteln.»

Um die Genauigkeit zu verbessern, misst der «Ava»-Sensor am Handgelenk ausser der Körpertemperatur noch andere Biodaten, die Rückschlüsse auf den Eisprung zulassen, wie Schlafphasen und Puls. Man kann es sich so vorstellen, dass ein Programm aus einer Fülle von Kurven ein besseres Ergebnis errechnen kann als aus nur einer.

System mit Kinderkrankheiten

Nach Angabe der Hersteller können «Ava» und andere Tracker mit hoher Wahrscheinlichkeit die fruchtbaren Tage vorhersagen, vor allem bei vorwiegend regelmässigen Zyklen. Mit Frauen, die einen völlig unregelmässigen Zyklus haben, beschäftigt sich Leeners gerade. «Auch da wird «Ava» immer besser», sagt sie.

Testerinnen bescheinigen dem System zudem noch einige Kinderkrankheiten. So müssen die Daten vom Sensor in regelmässigen Abständen in die Cloud hochgeladen werden, die analysierten Daten werden zurückgeschickt. Nebenbei wird der Sensor geladen. Ist er leer, sind alle Daten weg. Testerinnen empfehlen deshalb, den Upload täglich zu machen. Ohne WLAN-Verbindung funktioniert das «Ava»-System ebenfalls nicht.

Über andere Tracking-Sensoren gibt es noch wenige Testberichte. Ganz billig sind die digitalen Helfer auch nicht. Die darin enthaltene Technologie, bestehend aus Sensor, App und dem Datenanalysesystem rechtfertigt zwar den Preis von mehreren hundert Franken. Ausser für Frauen, die schwanger werden wollen, lohnt das kaum. Es sei denn, man könnte mit Tracking-Produkten wie «Trackle» oder «Ava» hormonfrei verhüten.

«Bisher noch nicht», sagen zwar alle Hersteller, für die Zukunft ausschliessen will es aber keiner. «Ich glaube, dass Verhütung mit Tracking-Geräten bald möglich sein wird», schätzt Leeners. Als alleiniges Verhütungsmittel sind sie nach Meinung der Fachfrau aber nicht geeignet. «Ein Spermium kann im weiblichen Körper fünf Tage überleben, eventuell mehr», gibt sie zu bedenken – das Sicherheitsfenster wäre also sehr gross.

Datenschutzrichtlinien beachten

Bedenken gibt es sowohl bei reinen Tracking-Apps wie auch bei Sensorsystemen beim Datenschutz. Nutzerinnen geben neben ihren Zyklusdaten auch weitere Merkmale wie Namen, Alter, Gewicht und Wohnort an. Das hilft der Software zwar, bessere Prognosen zu erstellen, macht eine Person aber identifizierbar. Merkmale wie die Kenndaten des Handys werden ohnehin mitgeliefert. Wer sich ein Zyklus-Tracking-System kauft, sollte sich die Datenschutzrichtlinien des Herstellers deshalb genau durchlesen.

App-Tipp

Zuverlässiger Zyklustracker

Die Zyklus-App «Lady Cycle» bestimmt die hochfruchtbaren  und unfruchtbaren Tage anhand der Basaltemperatur und der Beschaffenheit des Zervixschleims, den die Nutzerin erfasst. Die App ist leicht zu bedienen und erhielt von der «Stiftung Warentest» als eine der drei besten getesteten Zyklus-Apps das Urteil «gut». Gelobt wurde dabei auch ihre Datensicherheit.

«Lady Cycle», kostenlos für Android.