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Generation Game

Sie führen zu hitzigen Diskussionen und sorgen bei Eltern für Unverständnis vor den eigenen Kindern: Video-Spiele. Die Ausstellung «Play» im Stadtmuseum Aarau will das ändern.

FOTOS
Roberto Ceccarelli
26. November 2018

Game Guides Louis und Fien zeigen sich geduldig mit unserem Autoren Thomas Renggli.

Videospiele habent – gelinde gesagt – einen steigerungsfähigen Ruf. Die Weltgesundheitsorganisation WHO anerkennt die Sucht nach Games als offizielle Krankheit. Der amerikanische TV-Sen

der ABC berichtete unlängst von einem Jungen, der derart von einem Spiel absorbiert war, dass er trotz Tornado-Warnung das Haus nicht verliess. Zwischenmenschlich ist das Schadenspotenzial ebenfalls gross: Eine britische Studie ergab, dass Spielsucht eines Ehepartners der Grund für fünf Prozent der 2018 eingereichten Scheidungen war.

Wer das Stadtmuseum Aarau betritt, erlebt diesen Schrecken nicht. Die Ausstellung «Play» widmet sich in einer gleichzeitig attraktiven und sachlichen Weise dem Phänomen der Videospiele als Teil der modernen Medienwelt und Alltagskultur. Vor allem will sie das Verständnis zwischen den Generationen wecken und Vorurteile abbauen. Deshalb zeigen dort Teenager immer am ersten Wochenende im Monat Besuchern jeden Alters und Fähigkeitslevels, wie die Geräte und Spiele funktionieren. Sie empfehlen sogar jedem Besucher das passende Game.

 Marc Griesshammer hat eine abwechslungsreiche Ausstellung kuratiert.

Teenies machens vor

Dass im Umgang mit der neuen Spielwelt Erklärungsbedarf besteht, zeigt ein Selbstversuch. Der 46-jährige Autor dieser Zeilen – aufgewachsen im Pac-Man- Zeitalter, als schon die Fernbedienung als bahnbrechende technische Errungenschaft galt, lässt sich von zwei «Game Guides» an die neue virtuelle Realität heranführen; langsam und behutsam. Der Game-Analphabet soll ja keinen bleibenden Schaden davontragen.

Fien Bruiyn, 15-jährige Schülerin an der Kantonsschule Zofingen, und Louis Schenker, gleichaltriger Absolvent der alten Kantonsschule Aarau, gehen die Aufgabe mit viel Einfühlungsvermögen an. Sie empfehlen dem Anfänger «Rain Man Legend», ein relativ simples Spiel, in dem man mit einer Figur Hindernisse überspringen, Gegner überlisten und Dinge einsammeln muss. Die grösste Herausforderung für den Game-Novizen: Der Controller – das Steuerungselement – umfasst zwei Hebel und ungefähr acht verschiedene Knöpfe. Doch dank geduldiger Anweisungen von Louis erreiche ich die zweite Stufe. Von Fien gibt es sogar ein Kompliment: «Da haben sich andere schon viel schlechter angestellt.»

Durchaus geschmeichelt und mit gewachsenem Selbstvertrauen wäre ich für die nächste Herausforderung bereit: «Fifa 19». Doch hier winkt Fien ab – nicht weil sie als gebürtige Holländerin an einem Fussballtrauma leiden würde, sondern weil sie die natürlichen Grenzen des Probanden erkennt: «Das wäre auf die Schnelle zu kompliziert.»

Wie ein Buch

Also belassen wir es bei einem Einblick in «Cendric», ein Schweizer Rollenspiel, in dem man sich durch eine Fantasiewelt bewegt, mit anderen Figuren kommuniziert und Rätsel löst. Ich darf dabei ein Erfolgserlebnis feiern: Durch das Drücken der richtigen Taste gelingt es mir, im Spiel eine Passantin anzusprechen und wenig später ein rohes Stück Fleisch auf den Grill zu legen. Was es damit auf sich hat, erschliesst sich mir aber nicht. Louis ist nachsichtig: «Wir sind mitten im Spiel eingestiegen und wissen nicht, was vorher geschehen ist. Ein Buch beginnt man ja schliesslich auch nicht bei Kapitel 8 zu lesen.»

«Videospiele erzählen eine Geschichte und vermitteln Bildung.»

Marc Griesshammer

Bücher und Videospiele? Gibt es da Gemeinsamkeiten? Marc Griesshammer (39), der Kurator und Projektleiter des Stadtmuseums, sagt: «Ja, auch Videospiele erzählen eine Geschichte und können Bildung vermitteln. Sie fördern das strategische Denken, die Koordination und Konzentration.» Tatsächlich sind viele moderne Games weit mehr als Fingergeschicklichkeitsübungen. Sie bewegen sich auf verschiedenen Ebenen, erfordern unterschiedliche Begabungen – so etwa der «Landwirtschaftssimulator». Darin geht es darum, einen Mähdrescher zu steuern. Es muss aber auch der gesamte Bauernhofbetrieb organisiert werden. Geräte, Häuser und Landschaften wirken verblüffend real. Und weil sich ein PC-Game finanzieren muss, trägt der Mähdrescher ein Firmenlogo. «Eine Möglichkeit zu Product- placement», sagt Griesshammer und bringt indirekt Faszination und Gefahr von Games auf den Punkt. Videospiele sind wie die echte Welt – fast auf jeden Fall. 

Stadtmuseum Aarau. Bis 7. Juli 2019.