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Begehrte Scheiben

Musik wird heute vor allem gestreamt. Von der CD bis zum Download – andere Medien können einpacken. Nur ein Tonträger verzeichnet ebenfalls Zulauf: die Schallplatte. Die Vinyl-Scheibe ist über 70 Jahre alt und trotzdem schwer im Trend.

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27. Mai 2019

Der Plattenspieler wurde zur Verfügung gestellt von microspot.ch

Er erholt sich zwar langsam, aber er erholt sich: der Schweizer Musikmarkt. Seit 2016 wachsen die Umsätze wieder. Zu verdanken ist dies vor allem Streaming. Während Downloads und CD-Verkäufe rasant zurückgehen, wächst der Umsatz durch Spotify und Co. kontinuierlich. Es gibt nur einen anderen Tonträger, der ebenfalls von Jahr zu Jahr mehr Zulauf erhält: Vinyl. «Wir stellen seit 2007 einen Zuwachs fest», sagt Xenia Artho (24) vom Verband der Schweizer Musiklabel IFPI Schweiz. Auf dem absoluten Tiefpunkt 2006 wurden hierzulande gerade einmal 20 000 Schallplatten verkauft, im vergangenen Jahr waren es über 280 000. Solche Zahlen verzeichnete man zuletzt Anfang der 90er-Jahre. «Es ist faszinierend: Die Vinyl-Schallplatte ist über 70 Jahre alt und noch immer gefragt. Kein zweites Medium hat sich so lange gehalten», so Artho.

Und das Wachstum wird wohl anhalten. Darauf deuten nicht nur die Zahlen des laufenden Jahres hin. Auch die Musik- und Elektronikkonzerne glauben an die schwarzen Scheiben: So ist etwa Sony vor einem Jahr wieder in die Vinylplatten-Produktion eingestiegen, welche der Konzern 1989 eingestellt hatte.

Kleiner Anteil, grosse Bedeutung

Doch so eindrücklich die Rückkehr der Schallplatten ist – ihr Anteil am Musikmarkt ist verschwindend klein. Nur zwei Prozent des Umsatzes wurden in der Schweiz 2018 mit LPs gemacht, während CDs trotz Sturzflug noch immer auf 21 Prozent kommen. «Trotzdem ist Vinyl für uns ein wichtiges Medium», betont Artho. «Gerade als Kontrast zum Streaming. Schallplatten werden ganz anders konsumiert.» Man höre sie viel bewusster. Und anders als beim digitalen Musikkonsum sei es Standard, ein Album von Anfang bis Schluss durchzuhören. An Streaming wird unter anderem oft kritisiert, dass ein einzelner Ohrwurm dort mehr wert ist als ein gutes Album, was auch die Musikproduktion verändert.

Für die Musiker hätten LPs gegenüber den digitalen Formaten noch einen viel direkteren Vorteil, sagt Artho: «Sie halten ihr Werk noch physisch in den Händen. Das ist ein ganz anderes Gefühl.» Ein ähnliches Argument gilt wohl für die Konsumenten: «So praktisch Streaming auch ist, es ist vergänglich, der Besitz fehlt.» Dazu kommen optische Kriterien: Platten-Cover sind oft regelrechte Kunstwerke, die beim Streaming nicht mehr zur Geltung kommen.

Auch der Retro-Trend der letzten Jahre dürfte einen Einfluss haben. Das legen auch Zahlen des deutschen Bundesverbands Musikindustrie nahe: Platten kaufen vor allem Babyboomer, die ihre Jugend damit verbracht haben, und 20- bis 29-Jährige, für die Platten Neuland, aber eben auch wunderbar retro sind. Welches Medium die beste Klangqualität liefert und ob das Knistern einer LP nun schön oder störend ist, daran scheiden sich die Geister. Aber das Auflegen einer Platte ist ein Ritual, das bei allen anderen Tonträgern fehlt.