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Erst denken, dann posten

Täglich veröffentlichen Eltern in den sozialen Medien Bilder ihrer Kinder. Sie ignorieren damit nicht nur deren Privatsphäre, sondern riskieren auch eine missbräuchliche Verwendung der Fotos. Also besser gar nichts mehr veröffentlichen?

22. Juli 2019

Kinder schützen: Fotos vom Strandurlaub gehören nicht ins Netz, sagen Experten.

Datenmissbrauch vorbeugen

  • Keine personenbezogenen Daten (z. B. Name, Wohnort) des Kindes in Zusammenhang mit einem Foto preisgeben.
  • Regelmässig die Sicherheits- und Privatsphäre-Einstellungen in sozialen Netzwerken überprüfen.
  • Keine Fotos von Kindern in peinlichen, unangenehmen oder unangemessenen Situationen.
  • Wenn möglich nicht das Gesicht des Kindes zeigen.
  • Das Kind miteinbeziehen und in der Familie über den Umgang mit Fotos im Internet sprechen.
  • Vorbildfunktion wahrnehmen und Kindern einen verantwortungsbewussten Umgang mit persönlichen Daten im Internet vermitteln.

Rund drei Millionen Kinderfotos fand die belgische Polizei im letzten Jahr auf einer russischen Internetseite. Zu sehen waren Bilder kleiner Kinder oder junger Teenager am Strand, auf dem Spielplatz oder im Schwimmbad. Sie stammten aus sozialen Netzwerken und von Webseiten belgischer Jugendorganisationen oder Schulen. Unterlegt waren die Aufnahmen mit anzüglichen Kommentaren, die aus den harmlosen Schnappschüssen Kinderpornografie machten. Auch Youtube geriet erst kürzlich in die Schlagzeilen, da es Pädophilen aufgrund eines Algorithmus einfachen Zugang zu Kindervideos ermöglicht.

Die Beispiele zeigen, welche Risiken mit der Veröffentlichung von Kinderbildern und -videos im Internet verbunden sein können. Nicht ohne Grund warnen Polizei und Datenschützer Eltern seit Jahren davor, persönliche Informationen und insbesondere Bilder der Kinder auf Facebook, Instagram und Co. preiszugeben. Zu schnell verliert man die Kontrolle über die Fotos und deren Verwendungszweck.

Auf «süss» folgt Spott und Häme

Die erste Töpfchenerfahrung, die ersten Spaghetti (inklusive der Sauce im Gesicht) oder der erste Schultag: Eltern sind stolz auf ihre Sprösslinge und möchten ihre Freude mit Angehörigen und Freunden teilen. Schon 2010 waren gemäss einer Umfrage in den USA 92 Prozent der unter Zweijährigen im Internet präsent. So beliebt das «Sharenting» (to share = teilen, parenting = Erziehung), also die elterliche Verbreitung von Kinderbildern in sozialen Medien, auch sein mag: Es birgt Gefahren, derer sich viele Mütter und Väter beim schnellen Klicken und Posten nicht bewusst sind. Ein Problem des Sharentings ist, dass es den Kindern

einen «digitalen Fussabdruck» gibt, der ihnen irgendwann schaden kann. Dann nämlich, wenn zum Beispiel Bilder oder Videos Jahre später wieder auftauchen und – etwa bei Klassenkameraden oder beim Arbeitgeber – zu Spott und Häme führen. Gerade (Cyber-)Mobbing hängt nicht selten mit missbräuchlich verwendetem Bildmaterial zusammen.

Kinder haben eine Privatsphäre

Doch es ist nicht nur der mögliche Datenmissbrauch, der zur Vorsicht mahnt. Viele, gerade ältere Kids finden es alles andere als gut, wenn ein Foto von ihnen im Internet erscheint. Im Gegensatz zu ihren Eltern haben sie sehr wohl eine Vorstellung davon, wie dies ihre Privatsphäre verletzt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Universität Köln (D )in Kooperation mit dem Deutschen Kinderhilfswerk. Gemäss dieser unterschätzen Eltern häufig das «Beschämungspotenzial» der Kinderbilder und setzen sich zum Teil sogar über die Bedenken der Sprösslinge hinweg. Dies geschehe weniger aus böser Absicht, denn aus mangelnder Medienkompetenz. So hielten viele Eltern in den Befragungen der Studie WhatsApp für eine «private Plattform». Hier muss man wissen: Der Smartphone-Messenger WhatsApp gehört zu Facebook; während Texte neuerdings verschlüsselt werden, gilt das nicht für Bilder. Experten sehen hier ein Sicherheitsrisiko.

Wird ein Bild geteilt, sollte es zumindest nicht das Gesicht des Kindes zeigen.

Soziale Medien sind nicht privat

Soziale Netzwerke sind ein tolles Medium, über das man sich mit anderen Menschen austauschen kann. Sie sind aber eben kein privater Bereich, und Eltern sollten insbesondere mit den Daten ihrer Kinder vorsichtig umgehen und deren Privatsphäre respektieren (siehe auch Box «Datenmissbrauch vorbeugen»). Auch auf peinliche Bilder, die ihren Kindern schon jetzt oder auch später schaden können, sollten Sie besser verzichten. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann Bilder der Sprösslinge über eine geschlossene Online-Plattform teilen. Hier kommen nur geladene Gäste mit Passwort hinein.

Wichtig zu wissen ist zudem: Auch wenn der Sohnemann später selber laufend Fotos und Filme von sich im Internet veröffentlicht, muss es ihm nicht egal sein, wenn Eltern ein Selfie mit ihm posten. Ab 14 Jahren gelten Kinder rechtlich als urteilsfähig und können theoretisch von den Eltern verlangen, Bilder aus dem Netz zu nehmen. In Frankreich nimmt man das Thema noch ernster: Haben die Kinder das Publizieren der Fotos nicht genehmigt, können sie bei Volljährigkeit ihre Eltern wegen Verletzung ihrer Privatsphäre verklagen. Es drohen Strafen von bis zu einem Jahr Gefängnis oder 45 000 Euro Schadenersatz. 

«Eltern sollten keine Risiken eingehen»

Medienwissenschaftlerin

Ulla Autenrieth (37)

Warum veröffentlichen Eltern Fotos ihrer Kinder in sozialen Medien?

Kinder sind ein wichtiger Teil im Leben der Eltern und erfüllen sie mit Stolz. Gleichzeitig haben Väter und Mütter ein soziales Umfeld, also Verwandte und Freunde, mit denen sie sich austauschen möchten. Gerade dann, wenn der Kontakt nicht so regelmässig ist wie vielleicht vor der Elternschaft.

Man hört viel von Datenmissbrauch. Sollten Eltern sicherheitshalber ganz auf die Veröffentlichung von Kinderbildern verzichten?

Führt man diesen Gedanken fort, so dürfte man Kinder auch nicht mehr im Auto transportieren, da man so ihr Leben aufs Spiel setzt. Auch dies tun viele Eltern, legen jedoch Wert darauf, ihre Schützlinge anzuschnallen und vor Risiken zu bewahren. Ähnlich verhält es sich bei den Fotos. Eltern sollten keine unnötigen Risiken eingehen, sondern Gefahren und Nutzen abwägen und eine verantwortungsvolle Entscheidung fällen.

Aber das ist mit Blick auf das Internet nicht immer einfach ...

Das ist richtig. Das Problem ist nicht, dass Fotos in guter Absicht mit Familie und Freunden geteilt werden. Das Problem ist, wenn Kinderfotos missbräuchlich und widerrechtlich verwendet werden. Den «Opfern» die Schuld zuzuschieben, erachte ich als zynisch.

Wie entscheidet man nun konkret, ob ein Kinderfoto geteilt werden darf oder nicht? Immer zuerst die Kinder fragen?

Ja, insbesondere wenn diese ablehnend reagieren, sollte dies respektiert werden. Das heisst aber im Umkehrschluss nicht, dass jedes Foto geteilt werden darf, wenn das Kind nichts dagegen hat. Die Verantwortung liegt bei den Eltern. Hilfreich ist, sich zu fragen, welche Fotos aus der eigenen Kindheit man im Netz teilen würde und welche eher nicht.

Was, wenn Eltern gar nicht entscheiden können, also zum Beispiel bei Aufnahmen auf öffentlichen Veranstaltungen?

Es ist kaum zu verhindern, dass private und offizielle Fotos gemacht werden. Aber erinnern wir uns einmal: Wenn die eigenen Kinder früher in der lokalen Tageszeitung auftauchten, schnitten Eltern die Fotos aus und reichten sie stolz herum. Was würde es für unseren Alltag bedeuten, wenn Kinderbilder nicht mehr gezeigt werden dürfen? Haben Kinder und Familien nicht auch ein Recht auf Sichtbarkeit?