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Toastbrot-Style

Viele Jugendliche halten ihr Handy, als würden sie gleich reinbeissen. Warum tun die das?

26. Juli 2019

Das Handy vor dem Mund statt am Ohr ? so telefonieren heute immer mehr Menschen.

Kinder und junge Erwachsene telefonieren immer öfter mit dem Handy vor dem Gesicht. So, als müssten sie Staub vom Display pusten oder würden gleich ein Stück abbeissen. Für diejenigen, die den Hörer gewöhnt sind, sieht das seltsam aus.

Da sei doch das Handymikrofon am richtigen Ort, begründen die Baselbieter Schülerinnen Mona (14) und Sofia (17). Beide halten das Telefon beim Telefonieren vor sich. Tatsächlich ist das eher keine Begründung. Die meisten Handys haben mehr als ein Mikrofon, ein iPhone beispielsweise enthält mindestens drei. Damit kann es sich nicht nur auf die Schallquelle ausrichten, sondern auch Hintergrundgeräusche aus- blenden. Nur wenn der Mund zu nahe am Mikrofon ist, kann es durch den Schalldruck Störungen geben. Es gibt also keinen Grund, das Handy zum Sprechen auf eine bestimmte Weise zu halten. Ein Zeichen eines Kulturwandels, findet der Spiegel-Kolumnist Sascha Lobo (44). Wer horizontal telefoniere, nutze die technischen Möglich- keiten einfach auf andere Weise.

Handy am Ohr ist uncool

«Das ist so altbacken … ihr Erwachsenen macht das so», legen Mona und Sofia nach. Aha, Handy am Ohr ist also uncool. Eine Geste für «Telefonieren» haben sie nicht. Für die Älteren symbolisiert die an den Kopf gehaltene geballte Faust mit aus­gestrecktem Daumen und Kleinfinger: «wir telefonieren». Zugegeben, die Toastbrot-Haltung ist praktisch. Der Sprecher kann beim Telefonieren den Bildschirm sehen und verschmiert das Display nicht mit Hautfett oder Make-up. Dass er mit der Wange versehentlich eine Taste berührt, ist auch ausgeschlossen.

Am Anfang war die Sprachnachricht

Aber irgendwer muss ja damit angefangen haben. Ein Handynutzer, der über 50 und somit altersmässig weit weg von «jugendlich» ist, erzählt, er halte sein Smartphone auch horizontal. Zwangsjugendlichkeit ist ausgeschlossen. Er mache das «seit WhatApp», sagt er, genauer: seit er damit Sprachnachrichten verschickt. Wer eine Nachricht aufnimmt, muss währenddessen den Aufnahmeknopf gedrückt halten. Mit dem Handy am Ohr ist das deutlich umständlicher.

Immer öfter vor dem Mund

«Richtig telefonieren tun viele Schüler noch mit Handy am Ohr. Aber das variiert recht stark», sagt ein Basler Lehrer. Und die nächste Form der Kommunikation wird bereits rege genutzt: Bei Videokonferenzen stellen oder halten die Teilnehmenden das Handy vor sich. Der Telefonhörer findet sich höchstens noch in den Symbolen der App. Insofern hat Sascha Lobo recht. Programmierer, die die Gestensteuerungen der Zukunft programmieren, werden wohl erklären müssen, woher die Telefonier-Geste stammt. Den Hörer am Ohr haben viele bis dahin wahrscheinlich vergessen.