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Grusel auf die Ohren

Das Genre «True Crime» widmet sich echten Kriminalfällen. In Form von Podcasts werden schaurige Geschichten raffiniert wiedergegeben.

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Getty images, zvg
28. Oktober 2019
Wahre Verbrechen (True Crime) zum Hören auf Podcast faszinieren aktuell viele Leute.

Wahre Verbrechen (True Crime) zum Hören auf Podcast faszinieren aktuell viele Leute.

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Podcast-Boom

Wer Podcasts hört, hat die anderen Sinne (und Hände) frei fürs Putzen oder Spazieren.

Ein Nischenprodukt wird populär immer mehr Leute hören Podcasts. Ein Erklärungsversuch mit Tipps für Einsteiger und Fortgeschrittene.

Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Und auch die grausamsten Verbrechen. Wenn die Rede von echten Kriminalfällen ist, ist die Beklemmung entsprechend gross. «Bei reellen Fällen ist man hautnah mit dabei», sagt Martino Mona. Der 46-Jährige ist Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Bern. Man will wissen, wie Täter handeln und weshalb Verbrechen passieren. Diese Faszination für die menschlichen Abgründe sei zwar zeitweise pervers, doch verständlich.

Nun wird sie dank dem Boom von Podcasts mit entsprechendem Inhalt gepflegt. Dabei gibt es unterschiedliche Herangehensweisen: Der Liebling im deutschsprachigen Raum ist der Podcast «Die Zeit – Verbrechen»: Darin ist die ehemalige Gerichtsreporterin und heute stellvertretende Zeit-Chefredaktorin Sabine Rückert (58) im Gespräch mit einem Redaktor und erzählt von haarsträubenden Fällen. Grundlage dafür sind meist Reportagen.

Wer ist dieser Edi?

Anders handhaben das Genre die Schweizer: Hier werden die Kriminalfälle erlebbar gemacht, sie werden in Form einer Reportage abgehandelt. Bei der Recherche wird der Hörer mitgenommen, das Aufnahmegerät der Reporterinnen läuft bei ihnen im Büro und bei Gesprächen mit. So etwa im SRF-Pod- cast «Edi». Den Verbrecher hört man im ersten Gespräch bereits sagen: «Ich habe fast alle Gesetze gebrochen, die es zu brechen gibt.» Ein starkes Stück Schweizer Geschichte, die man so bisher noch nie erzählt bekommen hat.

Ähnlich geht es bei «Himmelblau» zu: Die SRF-Produktion behandelt die zwei Attentate aus den 1970er-Jahren in Winterthur ZH. Der NZZ-am-Sonntag-Podcast «Sihlquai» widmet sich in gleicher Manier einer mysteriösen Mordserie: Zwischen 1986 und 2007 verschwanden am Zürcher Sihlquai immer wieder Menschen – vornehmlich Drogenabhängige und Prostituierte. Die fünfteilige Serie zeigt auf, wie schnell Verbrechen in Vergessenheit geraten können. Und wirft die Frage auf, ob die Fälle nochmals aufgerollt werden sollten.

Ein echter Einfluss

Weiter geht der Podcast «In the Dark» aus den Staaten: Ihm kann wohl der grösste Einfluss auf die reale Welt zugeschrieben werden. Der Podcast deckte ungeheuerliches Fehlverhalten der Staatsanwaltschaft auf, sodass die Verurteilung eines vermeintlichen Täters vom Obersten Gerichtshof der USA aufgehoben werden musste. Zu verdanken ist der True-Crime-Hype wohl «Serial»: Bereits vor fünf Jahren leistete Reporterin Sarah Koenig (50) Pionierarbeit beim investigativen Geschichtenerzählen. Denn Fälle mussten aufgrund der im Podcast zutage geförderten Informationen neu beurteilt werden.

«True Crime» ist nichts für schwache Nerven. Doch das Genre ist packend und hat grosses Suchtpotenzial. Denn angetrieben werden viele Hörer von der Frage nach dem Warum. Eine allgemeingültige Antwort wird es darauf nie geben. «Es gibt tausend Gründe, weshalb jemand zum Täter wird», erklärt Strafrechtsprofessor Mona. Und deshalb gibts wohl bald viele weitere Podcast-Folgen.