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Reportage

Alles klar?

Ob Smartphones Fluch oder Segen sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Nicht bei Sehbehinderten. Ihnen erleichtern die Handys unter anderem die Orientierung in der Stadt. Ein Selbstversuch.

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Mischa Christen
14. Oktober 2019

Die Computerstimmen reden quer durcheinander, lesen das auf dem Handy angezeigte Menü vor, manche gar mit erhöhter Geschwindigkeit. Es klingt etwas anstrengend. Aber wie soll man sich sonst auf dem Smartphone-Bildschirm orientieren, wenn man ihn nicht oder nur stark eingeschränkt sehen kann?

Das will ich heute selbst ausprobieren. Deshalb habe ich mich für einen Kurs der Apfelschule angemeldet. Der Verein bringt Menschen mit Sehbehinderung die Vorzüge des Smartphones näher. «Das Handy hebt einige behinderungsbedingte Barrieren auf und macht es so leichter, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben», erläutert Geschäftsführer Sandro Lüthi (42), der selber an einer Netzhautdegeneration leidet und deshalb nur noch 10 bis 15 Prozent sieht.

Obwohl ich zur Generation der Digital Natives gehöre, also mit moderner Technologie aufgewachsen bin, muss ich feststellen: Die anderen – meist deutlich älteren – Teilnehmenden haben mir einiges voraus. Die Funktion «Voice Over», welche hinter dem Durcheinander aus Computerstimmen steckt, war mir zum Beispiel gänzlich unbekannt. Dabei ist sie seit Jahren auf jedem Handy standardmässig installiert. «Wir arbeiten allgemein viel mit Standardfunktionen und Apps, die auch jeder andere auf dem Handy hat», erklärt Christian Huber (40), zuständig für die Kurse von Apfelschule, auch er sehbehindert.

Siri sei Dank

Wie der Name nahelegt, konzentriert sich die Apfelschule mehrheitlich auf den Einsatz von iPhones. Erst seit Kurzem gibt es auch einen ersten Android- Kurs. «Der Vorteil von Apple-Geräten ist, dass das Menü auf allen Handys gleich aufgebaut ist und sie auf dieselbe Weise bedient werden», begründet Huber. So kann er im Kurs generelle Anweisungen geben, die bei jedem Teilnehmer funktionieren, egal, welches iPhone-Modell er besitzt.

Die Befürchtung, dass die Bedienung eines iPhones für mich als Android- Nutzerin das grösste Hindernis sein wird, bewahrheitet sich allerdings nicht. Die Kursleiter haben vorgesorgt, damit auch ich, die im Alltag nicht einmal eine Brille trägt, die Tücken der Handybedienung mit Sehbehinderung erfahren kann. Als Erstes setzen sie mir eine Brille auf, mit der ich ganz verschwommen sehe. Tatsächlich sind die Strassennamen auf Apple-Maps für mich plötzlich nicht mehr lesbar, so sehr ich den Kartenausschnitt auch vergrössere. «Du kannst auch einfach so zoomen», sagt Christian Huber, als er mich angestrengt über dem Handy brüten sieht, und tippt ganz selbstverständlich mit drei Fingern gleichzeitig auf den Bildschirm. «Das klappt in jeder App, wenn die Zoom- Funktion aktiviert ist.» Schon wieder so eine Funktion, die ich nicht kenne.

«Die grösste Herausforderung ist nicht das iPhone.»

Julia Gohl

Jetzt gehts auf die Strasse. Denn dazu sind wir heute alle hier in Luzern: Wir lernen, uns mit dem Smartphone in einer Stadt zu orientieren. Mit Kopfhörern – und somit den Anweisungen der Computerstimme – im Ohr ziehen wir los. «Du startest besser ohne sichteinschränkende Brille», rät mir Sandro Lüthi.

Tatsächlich habe ich schon mit voller Sehkraft genügend Schwierigkeiten, mich nur mithilfe von Siris Anleitungen zu orientieren. Normalerweise klebt mein Blick auf dem Bildschirm, wenn ich mithilfe einer Karten-App und GPS eine Adresse suche. So sehe ich genau, wo ich langgehen muss. Doch jetzt … Wenn es in meinem Ohr sagt, ich solle «in 200 Metern rechts» oder «scharf links» abbiegen, ist für mich nicht immer klar, welche Strasse genau gemeint ist. Kommt hinzu, dass das Handy-GPS nur auf circa 5 bis 20 Meter genau ist. Mit der Sichteinschränkung, die meine Brille simuliert, wäre ich wohl längst am falschen Ende Luzerns gelandet – oder irgendwo im Gebüsch.

Luzern durchs Guckloch

Erst in der Innenstadt montiere ich deshalb wieder eine Brille. Dieses Mal eine andere: Sie verdeckt meine ganze Sicht – bis auf ein winziges Loch über dem linken Auge. «Ungefähr so sieht Sandro Lüthi», erklärt mir Bettina Jäger (33), an der ich mich für die nächste Teilstrecke festhalten darf. Die Öffentlichkeitsverantwortliche ist die einzige Mitarbeiterin der Apfelschule ohne Seh- behinderung. Zum Glück darf ich mir auch noch einen Blindenstock ausleihen. Unsicheren Schrittes gehe ich los. In kürzester Zeit hängen mich die anderen Kursteilnehmer ab; dabei habe ich sie – ohne Brille – eben noch als langsam empfunden. Es dauert einfach eine Weile, durch mein winziges Sichtfeld den Weg grob auszumachen und ihn mit dem Blindenstock nach Hindernissen abzusuchen. Auf die Orientierungsanweisungen meines Handys – der eigentliche Zweck der Übung – kann ich mich längst nicht mehr konzentrieren. Meine ganze Aufmerksamkeit und Energie gilt der Unfallverhütung.

Menschen, Baustellen, Verkehr - dabei auch noch die Orientierung zu behalten, ist eine Herausforderung.

Noch schwieriger wirds, wenn man die Szene durch ein winziges Loch in der sichteinschränkenden Brille sieht.

Auf der linken Seite klappt das relativ gut, weil ich ja noch ein kleines bisschen sehe. Rechts muss ich mich voll auf meinen Stock verlassen, der mich immer wieder vor am Strassenrand platzierten Abfallsäcken oder Pfosten warnt. Mit einem parallel zu meiner Gehrichtung parkierten Velo stosse ich trotzdem zusammen: Den Lenker, der viel weiter herausragt als die Räder, kann der Stock schliesslich nicht erfassen. Das Überqueren einer eigentlich wenig befahrenen Quartierstrasse kurz vor dem Ziel treibt mir dann endgültig den Angstschweiss auf die Stirn: Vor dem herannahenden Verkehr, den ich nicht sehe, kann mich auch Siri nicht warnen. Ich brauche eine Pause.

Ab auf den Bus

Diese kriegen auch die anderen Kursteilnehmer, die lange vor mir das Ziel erreicht haben. Danach geht es für sie weiter: Sie lernen, wie sie die SBB-App personalisieren können und welche Apps ihnen beim Reisen mit dem öffentlichen Verkehr sonst noch helfen. Mir aber hat der Vormittag schon alles abverlangt. Ich will mein Glück nicht herausfordern, habe ich ihn doch relativ unfallfrei überstanden. Während die anderen an der Bushaltestelle die Anwendung der Apps üben, verabschiede ich mich und suche auf meinem Handy die nächste Verbindung nach Basel: Wie einfach das doch ist, wenn man den Bildschirm sehen kann.