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Ein Stuhl mit Flügeln

Seine elegante Form macht ihn zum Klassiker: Der BKF Chair oder Schmetterlingssessel ist auch nach 80 Jahren immer noch ein Renner. Der Entwurf brachte seinen Designern zwar Ruhm, aber keinen kommerziellen Erfolg.

21. Oktober 2019
Das Original: Der Sessel war auch ein Symbol für ein neues Sitzen, nämlich bequem und locker statt steif und förmlich.

Das Original: Der Sessel war auch ein Symbol für ein neues Sitzen, nämlich bequem und locker statt steif und förmlich.

Das ist ein sehr vielfältiger Sessel: Es gibt ihn in allen möglichen Farben und Stoffen, passend dazu trägt er auch mehrere Namen, und es waren drei Designer, die ihn entworfen haben. Gemeint ist der Schmetterlingssessel, auf Englisch Butterfly Chair. Er heisst aber auch Fledermaussessel, Hardoy Chair, Hardoy Butterfly Chair und BKF Chair. Letztere Bezeichnung weist auf seine drei Gestalter hin, BKF sind die Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen: Antonio Bonet (1913–1989), Juan Kurchan (1913–1972) und Jorge Ferrari-Hardoy (1914–1977). Unter dem Namen BKF Chair ist er zum Beispiel im Vitra-Schaudepot in Weil am Rhein (D) zu sehen, eine der weltweit wichtigsten Design-Sammlungen. «Das starre Gerüst mit dem Lederbezug war eine Revolution», erklärt die Sammlungsleiterin des Vitra-Design-Museums Susanne Graner (46). «Damals war man andere Sitzmöbel für den Alltagsgebrauch gewohnt.»

Eine originelle Idee

Die Architekten Bonet, Kurchan und Ferrari-Hardoy haben sich zwar in Paris kennengelernt, im Architekturbüro von Le Corbusier (1887–1965), doch sie stammten aus Argentinien und Spanien. In Buenos Aires gründeten sie die Architektengruppe Grupo Austral. Dort entstand auch das Design des BKF Chairs, er kommt also aus Argentinien. Die drei arbeiteten gemeinsam daran, Jorge Ferrari-Hardoy gilt jedoch als eigentlicher Schöpfer dieses Sessels. Weshalb er eben auch Hardoy Butterfly Chair genannt wird.

Bis hierher ist das eigentlich eine ganz normale Design-Historie, die sich nicht gross unterscheidet von anderen Entstehungsgeschichten von berühmten Sitzgelegenheiten. Doch nun fangen die Verflechtungen an.

Der Entwurf war im Jahr 1938 fertiggestellt. Viele Exemplare produzierte die Architektengruppe vorerst nicht. Von der Begeisterung für den Sessel war noch nichts zu spüren. Ausgangspunkt des Designs war eine ähnliche Sitzgelegenheit, die der Erfinder Joseph Fenby (1841–1903) bereits 1881 hatte patentieren lassen. Tripolina hiess der faltbare Klappstuhl aus Holz, bespannt mit Leder. Die italienische Firma Viganò produzierte ihn im libyschen Tripolis. In Italien diente er als Campingstuhl, die britischen Truppen nahmen ihn mit auf ihre Kriegszüge. Sein Vorteil war, dass man ihn trotz seiner grossen Stabilität sehr flach falten konnte. Der Tripolina sollte der ganzen Geschichte eine unerwartete Wendung geben.

Und der grosse Absturz

Der Schmetterlingssessel hatte zwar eine ähnliche Form wie der Tripolina, sah jedoch um einiges eleganter aus. Offiziell präsentiert haben seine Designer das Werk 1940 am «Salon de Artistas Decoradores» in Buenos Aires, wo der BKF Chair schliesslich prämiert wurde. Dank dieser Ausstellung entdeckte ihn Edgar Kaufmann Jr. (1910–1989), ein reicher Warenhauserbe, der damals für das New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) als Kurator arbeitete. Er sorgte dafür, dass ein Exemplar in die Sammlung des MoMa aufgenommen wurde.

Nun begann der grosse Erfolg des BKF Chairs in den USA. Er avancierte bis in die 50er-Jahre zu einem der beliebtesten Sessel mit geschätzten fünf Millionen verkauften Exemplaren. Zunächst produzierte ihn Artek-Pascoe, danach übernahm die Firma Knoll. Leider schmälerte eine Flut von Kopien den Gewinn empfindlich. Produzent Hans Knoll (1914–1955) entschloss sich deshalb zu einer Klage. Doch er verlor. Das Gericht war der Meinung, dass der Stuhl direkt auf dem Sessel Tripolina von Joseph Fenby beruhe und keinen Urheber-Schutz geniesse. Deswegen gibt es heute so viele Interpretationen dieses Sessels.

Dennoch ist er ein Designklassiker. Susanne Graner: «Solche Stücke waren in ihrer Entstehungsperiode ihrer Zeit voraus. Das sind Möbel, die heute noch sehr modern wirken. Sie haben diesen Innovationscharakter. Man schaut sie sich heute an und ist immer noch überrascht von der Gestaltung.» Das muss nicht heissen, dass solche Entwürfe sich auch gut verkaufen wie der BKF Chair. Auch bei der Sammlung des Vitra-Design-Museums ist nicht die Beliebtheit von Designer-Stühlen oder -Möbeln ausschlaggebend: «Wenn wir Stücke in die Sammlung aufnehmen, interessiert uns besonders deren Innovationspotenzial», erklärt Su- sanne Graner. «Bei zeitgenössischen Objekten ist es natürlich schwierig abzuschätzen, ob sie einmal zu Designklassikern werden. Es ist spannend, solche Entwicklungen zu beobachten.» 

Das Vitra-Schaudepot an der Charles-Eames-Strasse 2 in Weil am Rhein (D) hat von Montag bis Sonntag, von 10–18 Uhr, geöffnet.

www.design-museum.de

Elegant in Leder

Der Sessel bei Livique

Bei Livique heisst der Sessel «Wengen». In ihm lässt es sich stylish entspannen. Und er passt zu vielen Möbelstilen. Es gibt ihn mit verschiedenen Bezügen und in diversen Farben, entweder aus Kuhleder, Ziegenleder oder aus Büffelhaut. Erhältlich im Einrichtungshaus Livique, Fr. 249.–.

 

Weitere Informationen hier: https://www.livique.ch