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REPORTAGE

Die Rettung einer wilden Schönheit

Die Frauenschuh-Orchidee war beinahe ausgestorben. Ihre Rettung ist fast ein Wunder. Ein wunderschönes.

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ZVG
01. April 2019

Frauenschuhe, die man jetzt kauft und im Halbschatten einpflanzt, blühen auch im nächsten Frühling. Im Bild: Cypripedium vintri.

Frauenschuhe

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Aus 14 Frauen­schuhsorten können Sie bei Coop Bau + Hobby Ihre bevorzugte aussuchen. Jede Pflanze ist in Holland vier Jahre lang sorgsam aufgezogen worden. Ein Frauenschuhtopf kostet Fr. 29.95.

Die Pflanze braucht Halbschatten und zieht magere Erde vor (kein Kompost). Das Wasser muss ablaufen können. Sie kann nur im April eingepflanzt werden und blüht jeweils im Mai.

Sie war zu verlockend. Deshalb wurde die Frauenschuh-Orchidee im Schweizer Jura und Mittelland fast ausgerottet. Gierige Pflanzenräuber gruben sie aus, setzten sie in den eigenen Garten – und mussten mitansehen, wie sie eingeht. Denn eine wilde Orchidee lässt sich nicht einfach versetzen. Sie überlebt nur, wenn ihre Wurzelspitzen mit Mykorrhizapilzen in Kontakt sind.

Ihr Fortblühen verdanken die Frauenschuh-Orchideen (Cypripedium calceolus) hierzulande in erster Linie dem Orchideenkenner Samuel Sprunger. Seine Verdienste um die Pflanze und die Schweizerische Orchideenstiftung SOF sind so gross, dass die Uni Basel dem Gärtner und Gewerbeschullehrer einen Ehrendoktortitel verliehen hat. Das brauche nicht erwähnt zu werden, meint der 76-jährige Jurassier. Viel lieber spricht er von den vielen freiwilligen Helfern, ohne die die grosse Schweizer Rettungsaktion nie geklappt hätte.

Das Ganze begann 2014 in Buschwiller im Elsass (F), wo Samuel Sprunger wohnt. Er pflanzte in seinem Garten 28 Frauenschuhe an. Aus Samen, die aus vier Schweizer Kantonen stammten, waren in Holland zuerst Keimlinge und dann blühfähige Pflänzchen fürs Pilotprojekt entstanden. Dem Biologen Camiel de Jong von der auf Pflanzenvermehrung und -züchtung spezialisierten holländischen Firma Anthura war dies durch ausdauerndes Tüfteln im Labor gelungen. Die 28 Pflänzchen in Sprungers Garten überlebten nicht nur, sie standen jedes Jahr in Blüte und entwickelten sogar Keimlinge! Daraufhin ging es darum, genügend Frauenschuhe für die Auswilderung in der Schweiz bereitzustellen. «Am 18. Juni 2018 war es so weit», erzählt Samuel Sprunger mit leuchtenden Augen.

Bürokratische Hürden

Bevor die 3000 Pflanzen aus Holland in die Schweiz eingeführt werden konnten, war viel Papierkram zu erledigen – «verrückt viel sogar», sagt Sprunger. Die ­geschützten Pflanzen unterliegen strengsten Vorschriften. Schon für die ­Samenkapseln, die fürs Pilotprojekt nach Holland gesandt worden waren, mussten die kantonalen Naturschutzbehörden entsprechende Papiere beibringen. Die 3000 Pflanzen sollten auf 44 Standorte in neun Kantonen verteilt werden. Jede Naturschutzbehörde musste fürs Projekt eine eigene Bewilligung ausstelllen.

Da ihre Blütenform an einen Schuh erinnert, nennt man diese Orchidee Frauen- oder Venusschuh.

Als es so weit war, instruierte Samuel Sprunger zusammen mit Werner Lehmann, seinem Kollegen von der Orchideenstiftung, die Freiwilligen, die beim Auspflanzen helfen wollten. Darunter waren nicht nur Schweizer, sondern auch Anthura-Angestellte aus Holland. Ausserdem reiste Sprungers Freund Phillip Cribb aus London an, der frühere Vizedirektor der Royal Kew Gardens. Als Orchideenkenner erster Güte hatte er in England viel dazu beigetragen, dass der dortige Cypripedium calceolus – ausgehend von einer einzigen übrig gebliebenen Frauenschuh-Pflanze! – dem Schicksal des Aussterbens entging.

Biodiversität und Gartenfreuden

Samuel Sprunger

Orchideenexperte

Samuel Sprunger (76) Orchideenexperte und Initiator der Frauenschuh-Rettungsaktion.

Jedenfalls klappte es in allen neun Kantonen mit dem Auspflanzen der angelieferten Exemplare. Wo die 44 Standorte sind, ist hochgeheim. Nur auf der Älggialp im Kanton Obwalden sind die Frauenschuhe ausgeschildert und öffentlich zugänglich. «Dass sie im Mai blühen werden, ist fast sicher», verrät Samuel Sprunger. Denn den heissen Sommer 2018 haben fast alle ausgepflanzten Orchideen prima überstanden. «Die Freiwilligen mussten sie allerdings giessen», fügt er an. Auch dies war aufwendig, waren doch etwa auf den Jurahöhen sämtliche Quellen ausgetrocknet, sodass die Helfer das Wasser in Rucksäcken heranschleppen mussten. Bei den Kontrollen im Herbst konnten sich Samuel Sprunger und Camiel de Jong davon überzeugen, dass die Wurzeln der Pflanzen gut angewachsen waren.

Das Rettungsprojekt ist somit ein Riesenerfolg, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen wird der Frauenschuh dort wieder angesiedelt, wo er ursprünglich gewachsen ist. Zum anderen sorgen das Know-how und die computergesteuerten Bewässerungs- und ­Beleuchtungssysteme in den Gewächshäusern von Anthura weiterhin für ­optimale Aufzuchtbedingungen. Die Firma kann Läden und dort einkaufende Orchideenfreunde beliefern. Und so muss auch der eingefleischteste Frauenschuh-Liebhaber nicht mehr in den Wald stehlen gehen.