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Stress und Überforderung dominieren zunehmend auch den Alltag von Kindern und Jugendlichen. Der Verein Achtsame Schulen Schweiz will diesem Umstand entgegenwirken – ein Pilotprojekt zeigt Erfolg.

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Christoph Kaminski
02. September 2019

Achtsame Klangschalen-Übung und bewusstes Hinhören.

Verein Achtsame Schulen Schweiz

Der 2017 gegründete Verein Achtsame Schulen Schweiz ist eine Non-Profit-Organisation und will die Achtsamkeitspraxis im Schweizer Schulsystem einführen. Das angebotene Training für Lehrpersonen und ganze Schulen basiert auf dem internationalen «BREATHE in Education»-Programm und wurde speziell für Schweizer Schulen entwickelt und dem Lehrplan 21 angepasst.

Folgende Institutionen unterstützen den Verein finanziell:

«Bitte nehmt jetzt eine achtsame Körperhaltung ein und schliesst eure Augen.» Die Schüler der fünften Klasse im Schulhaus Gutschick in Winterthur ZH befolgen die Anweisung von Lehrerin Anna Baumann (38) und setzen sich im Schneidersitz auf den Boden – niemand spricht ein Wort. Dann nimmt Baumann eine Klangschale zur Hand. «Hört ganz aufmerksam auf den Gong, bis er verstummt. Sobald ihr keinen Ton mehr wahrnehmt, streckt ihr langsam und ruhig die Hand auf.» Nach und nach gehen die Arme nach oben. Wie unterschiedlich lange die einzelnen Schüler den Klang wahrnehmen, respektive sich darauf konzentrieren können, ist spannend mitanzusehen.

Sich selber bewusster wahrnehmen

Das, was Anna Baumann an diesem Morgen mit ihrer Klasse macht, nennt man Achtsamkeitstraining. Sich selber bewusster wahrnehmen, einen Moment innehalten und sich den Alltagsstress aus Körper und Geist atmen – so die Zieldefinierung von Achtsamkeit.

«Lehrer berichten von mehr Ruhe und Gelassenheit.»

Anna Baumann, Gründungsmitglied von Achtsame Schulen Schweiz.

Bei der zweiten Übung bittet sie die Kinder, sich paarweise gegenüberzusetzen. Nun darf jeweils eine Person der anderen genau eine Minute lang etwas erzählen – egal was –, während die andere schweigt und zuhört. Was auffällt: Die Mädchen haben mit dem Erzählen deutlich weniger Mühe. Während diese von null auf hundert losplappern, gibt es bei den männlichen Kollegen meist einen chronologischen Abriss des bisherigen Tages. Dies jedoch nur als Randbemerkung, denn der Inhalt spielt keine Rolle.

Die Kinder müssen auf den Gong hören, bis er verstummt. Sobald sie keinen Ton mehr wahrnehmen, geben sie mit der Hand ein Zeichen.

Die Klangschale.

«Wie fühlt sich das an, wenn einem jemand so aufmerksam zuhört?», fragt die Lehrerin danach in die Runde und erntet ausnahmslos positive Rückmeldungen. Es folgen noch drei weitere Übungen und dann ist die Lektion auch schon wieder vorbei.

In den Kinderschuhen

Während für Erwachsene Achtsamkeitsseminare an beinahe jeder Ecke (online und analog) angeboten werden, steckt dieses bewusste Zur-Ruhe-Kommen bei den Kindern wortwörtlich noch in den Kinderschuhen. Zu Unrecht! Denn auch für Kinder und Jugendliche in der Schweiz scheint das Leben immer hektischer und anspruchsvoller zu werden.

Stress und Überforderung gehören bereits im jungen Alter zum Alltag und haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Gemäss einer Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden bereits Elfjährige unter typischen Stress-Symptomen wie Schlafprobleme (27 Prozent der befragten Kinder), Niedergeschlagenheit (15 Prozent), Nervosität (15 Prozent) oder Kopfschmerzen (12 Prozent). Lustlosigkeit, Selbstzweifel, Lernschwierigkeiten und weitere negative Auswirkungen bis hin zu Depressionen und Angstzuständen sind die Folge.

«Die Kinder konnten ihre Selbstwahrnehmung verbessern.»

Constanze Lullies, Präsidentin Achtsame Schulen Schweiz.

Constanze Lullies (42), Gründungsmitglied und Präsidentin des Vereins Achtsame Schulen Schweiz (siehe Box) weiss: «Viele Lehrpersonen stellen fest, dass manche Schüler weder wirklich lernbereit sind noch über grundlegende Kompetenzen wie Konzentrationsfähigkeit oder Selbstregulation verfügen.» Dies führe dazu, dass eine Lehrperson mehr Zeit mit der Klassenführung und Problemlösung verbringe, als mit dem Vermitteln und Erarbeiten von Inhalten und Kompetenzen. Um dieser Negativspirale entgegenzuwirken, gründeten Constanze Lullies, Anna Baumann und Matthias Rüst (37) im Jahr 2017 den Non-Profit-Verein Achtsame Schulen Schweiz. Dieser bietet Achtsamkeitsworkshops für Lehrpersonen an. Dabei entwickeln diese zuerst eine eigene Achtsamkeitspraxis und lernen dann, wie sie Achtsamkeitsübungen in ihren täglichen Unterricht einbauen können. «Von Oktober 2018 bis Juni 2019 führten wir im Schulhaus Gutschick in Winter- thur ein Pilotprojekt mit zehn Mal einer wöchentlichen Achtsamkeitslektion für verschiedene Klassen durch.» Das Fazit fällt durchwegs positiv aus: «Wir konnten feststellen, dass die Kinder ihre Selbstwahrnehmung verbessern konnten», freut sich Lullies. Auch habe sich das Klima innerhalb der Klasse verbessert. «Währenddem die Lehrpersonen, die an den für sie entwickelten Trainings teilgenommen haben, vor allem von «mehr Ruhe und Gelassenheit berichteten», ergänzt Anna Baumann.

Eine Aufgabe war, zu notieren, worauf sich die Kinder freuen: so etwa auf das Klassenlager oder die «Kop-Zeitung».

Bei der zweiten Übung sitzen sich die Kinder paarweise gegenüber. Jeweils ein Kind darf eine Minute lang irgendetwas erzählen, während sein Gegenüber nur zuhören darf.

Doch wie geht es nach dem Pilotversuch nun weiter? «Wir haben ein Folgeprojekt konzipiert. In diesem geht es darum, dass wir die in der Pilotphase überarbeiteten Lehrmittel und die Trainings für die Lehrpersonen in weiteren Schulen und öffentlichen Kursen anbieten», sagt Lullies. Ziel sei es, dass die Schule als Ganzes sich auf den Weg macht, eine achtsame Institution zu werden.