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REPORTAGE

Im Land der Adler

Nach jahrzehntelanger Abschottung hat sich Albanien geöffnet, auch für den Tourismus. Wilde Gebirge, einsame Strände, das kulturelle Erbe und die Hauptstadt Tirana machen das gastfreundliche Land liebenswert.

04. November 2019

Die Ruinen von Butrint lassen noch heute die Pracht der Antike erkennen.

Albaner sind stolz – das zeigen sie beim Fussball mit dem Doppeladler und in der Hauptstadt Tirana mit Denkmälern für ihre Helden. Eines sieht man gleich nach der Landung, die Statue einer gebückten alten Frau: Nach Mutter Teresa (1910–1997) ist der Flughafen benannt. «Eine Albanerin, die im heutigen Nordmazedonien zur Welt kam», erklärt der Reiseleiter Saimir Shala (28) den Schweizer Wandertouristen, denen er in den nächsten Tagen «sein» Albanien zeigen wird. Saimir, selber Kosovo-Albaner, kam während der Jugoslawienkriege vor über 20 Jahren mit seinen Eltern als Flüchtling in die Schweiz, wuchs in Greifensee ZH auf und reiste immer wieder nach Albanien, um Sprache und Kultur seiner Vorfahren zu pflegen.

Das Reisebüro von Aylin Bakir (l.) und Saimir Shala bietet diverse Kultur- und Wanderreisen in Albanien an.

Längst ist der studierte Wirtschaftsinformatiker Schweizer, wie auch seine Partnerin, die Juristin Aylin Bakir (33), mit der er vor zwei Jahren «Albanien Reisen» gegründet hat. Unüberhörbar ist Aylin ein «Berner Meitschi», doch auch sie hat Migrationshintergrund: Ihr Vater ist Türke, ihre Mutter Italienerin. «Mama war anfangs besorgt, dass wir nach Albanien gehen», erzählt Aylin. Seit ihre Eltern letztes Jahr erstmals bei ihnen in Albanien zu Besuch waren, ist die Sorge geschwunden. Nach Jahrzehnten der Abschottung unter dem kommunistischen Diktator Enver Hoxha (1908–1985) ist Albanien heute ein weltoffenes Land.

Ein buntes Gemisch

Beim Stadtrundgang in Tirana steuert Saimir als Erstes den zentralen Skanderbeg-Platz an, wo Geschichte und Gegenwart Albaniens aufeinandertreffen: umstrittene Prunkstücke aus kommunistischer Zeit neben italienisch beeinflussten Bauten wie dem Rathaus. Die Et’hem-Bey-Moschee, die derzeit mit türkischer Hilfe umfassend renoviert wird, unweit davon die 2014 eingeweihte orthodoxe Kathedrale, die von einem der neuen Hochhäuser überragt wird. Mittendrin das Reiterstandbild von Gjergj Kastrioti (1405-1468), genannt Skanderbeg, dem grössten Nationalhelden Albaniens, der im 15. Jahrhundert die Eroberung durch das Osmanische Reich verhindern wollte.

Auffallend sind viele bunt bemalte Fassaden. «Der frühere Bürgermeister und heutige Ministerpäsident Edi Rama wollte so die postkommunistische Tris- tesse vertreiben», sagt Saimir. Rama (55), ehemaliger Basketball-Nationalspieler und heute auch als Künstler anerkannt, hatte damit Erfolg: Tirana ist zu einer pulsierenden Metropole geworden mit über einer halben Million Einwohnern. Christen und Moslems leben friedlich nebeneinander. Rund um den Skanderbeg-Platz sieht man alte Männer mit dem traditionellen Filzhut Qeleshe, junge Familien, Musikanten, Studentinnen auf dem Velo und fussballspielende Buben – die Helden von morgen.

Am Mittag geht es in ein traditionelles Restaurant am neuen Basar – winzige Küche, aber grossartiges Essen. Typisch ist Ferges, zubereitet aus Schafskäse und Peperoni. Hier gibt es auch viele Zgare – einfache Grillstuben mit Cevapcici, Köfte und allen anderen Köstlichkeiten des Balkans.

Wandern im Nationalpark

Per Kleinbus – dem meistgenutzten Verkehrsmittel Albaniens – macht sich die Reisegruppe auf in den Süden. «Es gibt zwar ein paar Zugstrecken, aber sie haben keinen Anschluss ans internationale Schienennetz», erklärt Saimir. «Die Dieselloks sind uralt und sehr langsam. Meist fahren die Züge nur einmal am Tag.» Dafür kosten die Tickets nur 20 bis 30 Lek, umgerechnet ein paar Rappen. Die geplante Erneuerung des Eisenbahnnetzes ist eine der grossen Herausforderungen des Landes.

Neben den Küstenstädten wie Vlora (r.) sind einsame Buchten zu entdecken.

Obwohl die Strasse vierspurig ausgebaut ist, muss der Fahrer aufpassen: Mal ist es eine Ziegenherde am Strassenrand, mal eine von Polizei eskortierte Limousine, die Verkehrsregeln nur als Empfehlung erachtet. Vorbei an der Hafenstadt Durres, wo Saimir und Aylin während der Saison zu Hause sind, geht es durch eine fruchtbare Küstenebene. Kurz vor der Stadt Vlora erscheinen rechts strahlend weisse Halden: In der Lagune Narta, einem Naturparadies ähnlich der Camargue in Südfrankreich, wird seit der Antike Salz aus dem Meerwasser gewonnen.

Im Llogara-Nationalpark steht eine Wandertour auf dem Programm. Der Weg führt durch dichten Wald, die Bäume sind mit Moos behangen – ein romantisches Bild, das sich nüchtern betrachtet aus der Feuchte des Küstengebirges erklärt. Eine Tränke am Wegrand zeigt an, dass Schaf- und Ziegenhirten diesen Pfad heute noch nutzen. Dann erreicht die Gruppe einen Sattel mit überwältigender Fernsicht: Im strahlenden Sonnenschein liegen unten das Ionische Meer, kleine Inseln und am Horizont die Küste Süditaliens.

Strandparadies mit Piratenversteck

Am nächsten Tag geht es vom Küstenort Dhermi zur Gjipe-Bucht – der Bucht Gottes. Sie liegt am Ende eines Canyons und ist nur zu Fuss oder von See aus erreichbar. Das Flussbett ist jetzt, im Oktober, ausgetrocknet, der Strand wenig belebt, das Meer aber immer noch angenehm mild. Später steht eine Bootsfahrt auf dem Programm. An der Felsenküste sind kleine Bunkerkuppeln zu sehen – Diktator Hoxha hatte das ganze Land damit überzogen. Dann tut sich eine Höhle auf. «Hier haben sich früher Schmuggler und Piraten versteckt», erklärt der Bootsführer, als er den engen Eingang passiert hat. Auch nach oben hat die Höhle eine Öffnung – ein Notausgang.

Die Schmuggelei, heute vor allem von Drogen, ist ein Problem für die Entwicklung Albaniens und vermutlich eine der Ursachen dafür, dass die Verhandlungen zur Aufnahme des Landes in die EU vor Kurzem wieder abgesagt wurden. Sie hat auch Folgen für die Lebensplanung der Reiseleiter: «Wenn wir einmal Kinder haben, wollen wir ihnen eine gute Ausbildung ermöglichen», sagt Saimir. «Die gibt es hier in Albanien aber nur in teuren Privatschulen.» Auch Eltern, die mit dubiosen Geschäften zu Geld gekommen sind, schicken ihren Nachwuchs dorthin. «Daher ist es wohl unausweichlich, für die Ausbildung wieder in die Schweiz zurückzugehen.»

Pracht der Antike

Die Reise führt weiter in den Süden zur Ruinenstadt Butrint, Unesco-Weltkul­turerbe und Pflichtprogramm für Bildungsreisende. Über Gjirokastra und Berat, zwei weitere geschichtsträchtige Städte auf der Unesco-Liste, gehts dann wieder zurück in Richtung Tirana.

Bunt wie die Stadt, der neue Basar von Tirana.

Berat ist auch bekannt für seinen Wein, der aber ebenso wie andere einheimische Produkte – Oliven, Käse, Maulbeeren, Kornelkirschen etc. – nur auf dem Binnenmarkt erhältlich ist. Schon allein deshalb lohnt sich die immer noch abenteuerliche Reise in die aufstrebende Balkanrepublik. Hilfsbereitschaft und Improvisationstalent der gastfreundlichen Albaner überwinden alle Hürden. «S’ka problem», sagen sie, kein Problem!

TIRANA IN KÜRZE

Unbedingt sehenswert!

Wenige Schritte südlich vom Skanderbeg-Platz residierte die kommunistische Führungsriege abgeschottet im Blloku-Viertel: Dort konzentriert sich heute das Nachtleben Tiranas. Östlich des Zentrums findet man auf dem neuen Basar neben Frischprodukten auch Souvenirs. Gleich nebenan bietet Restaurant Oda (Rruga Luigj Gurakuqi) traditionelle albanische Gerichte. In einem früher hochgeheimen Regierungsbunker vor der Stadt ist heute Bunk’Art 1, ein Museum der Diktatur. Gleich nebenan steht die Talstation der Gondelbahn zu Tiranas Hausberg Dajti. Von oben reicht der Blick weit über die Stadt und bis zur Adria.

 

Der Autor weilte auf Einladung von «Albanien Reisen» in Albanien. Neben geführten Wander- und Kulturreisen bietet das Unternehmen massgeschneiderte Touren für Individualreisende und Gruppen an. Infos: www.albanien-reisen.ch