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Lifestyle anno 1900

Luxus, Tafelfreuden, Liebe zu Natur und Technik – Schloss Hünegg am Thunersee lässt das Fin de Siècle aufleben. Der Fortschrittsglaube jener Jahre beeindruckt noch heute.

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Monique Wittwer, Raffael Waldner
06. Mai 2019

Zu Gast auf Schloss Hünegg: Ein Besuch im «Museum für Wohnkultur des Historismus und des Jugendstils» vermittelt sehr lebhafte Eindrücke vom elitären Lebensgefühl um 1900.

Wer hier über die Türschwelle tritt, wird in eine Zeitenwende versetzt, in eine glanzvolle Epoche voller Zuversicht, die mit dem Ersten Weltkrieg brutal endete. Dass wir diese Lebenswelt heute wiederentdecken können, geht zurück auf einen preussischen Baron. Der hatte Mitte des 19. Jahrhunderts am rechten Ufer des Thunersees genug Land zusammengekauft, um sich einen prächtigen Wohnsitz errichten zu lassen, mit weitläufiger Parkanlage und Blick auf den Niesen – Schloss Hünegg. Als Museum, betrieben von einer Stiftung, ist es heute in der Gemeinde Hilterfingen BE öffentlich zugänglich – und erst noch schöner als damals.

Den Erben war der Unterhalt zu teuer geworden, und so kam die Anlage 1899 in den Besitz einer grossbürgerlichen Familie aus Deutschland, die ihr Vermögen der aufkommenden Elektrizität verdankte. Sie liess das Schloss im Jugendstil aufwendig renovieren und mit für jene Zeit modernster Haustechnik ausstatten, inklusive elektrischem Licht: Die Stromversorgung sicherte ein eigener Petroleum-Generator.

Betritt man Schloss Hünegg, hat man den Eindruck, die Herrschaften seien nur eben einmal kurz weg. Gehrock und Zylinder an der Garderobe sind ebenso aus der Zeit wie die ganze Einrichtung. Im Damensalon liegt die Handarbeit, nebenan ist die Tafel gedeckt, auf der feine Tropfen von Rhein und Mosel parat stehen. Doch die Weinflaschen sind leer – es ist eben doch ein Museum …

Leben in der Luxusklasse

Mit der exquisiten Inneneinrichtung hatten die neuen Besitzer den Hoflieferanten Bembé beauftragt, der unter anderem das Schloss Neuschwanstein des Bayernkönigs Ludwig II. und das Hotel Adlon in Berlin ausgestattet hatte. Im Salon steht ein Flügel mit Pianola: Der mit einem gerollten Lochstreifen gesteuerte Klavierspiel-Automat war um 1900 der Dernier Cri – das ultimative Gadget fürs Home Entertainment, wie man heute sagen würde.

Ein repräsentatives Treppenhaus führt ins Obergeschoss zu den Privatgemächern. Der Schlafraum hat separate Ankleiden für die Dame und für den Herrn, das Bett ist frisch bezogen. Höhepunkt auf dieser Etage: das Bad mit Waschtisch, WC, Bidet, Bade- und Sitzbadewanne – alles aus edlem Holz und chromglänzendem Metall gearbeitet.

Bescheidener und enger, aber ebenso modern und zweckmässig, zeigt sich die Einrichtung für das Personal, vom eigenen Speiseraum im Souterrain neben der Grossküche bis zur Sonnerie: Die elektrische Klingelanlage zeigte den Dienstboten an, aus welchem der vielen Räume sie gerufen wurden.

Haute Cuisine im Oberland

Noch ein Stockwerk weiter oben gibt das Schweizerische Gastronomiemuseum Einblicke in die Geschichte des Kochens und der Tafelkultur. Die Qualität der Schweizer Küche ist dem im 19. Jahrhundert einsetzenden Tourismus zu verdanken: Da die internationalen Gäste die Schönheit der Berge, aber auch gewohnte Tafelfreuden geniessen wollten, mussten die Hotels alles bieten, was zwischen Paris und Moskau angesagt war. Das Museum zeigt Gerätschaften und Werkzeuge aus der Spitzengastronomie, darunter als Rarität eine Entenpresse.Aber auch eine einfache Beiz mit Jasstisch ist zu sehen, oder herzige Puppenküchen. Haben sie dann genug geschaut, können grosse und kleine Museumsbesucher testen, ob ein unentdecktes Service-Talent in ihnen schlummert: beim kunstvollen Serviettenfalten oder beim Drei-Teller-Service.

Zu Gast im Schloss

Saisonstart am Muttertag

Das Schloss Hünegg ist ab Mitte Mai geöffnet, Dienstag bis Samstag von 14 bis 17 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. Zum Saisonauftakt am 12. Mai 2019 gibts ein Fest mit Konzerten, Theater, Märli für Kinder und Gratis-Kutschenfahrten im Park. An diesem Tag ist auch der Museums­eintritt frei. Sonst zahlen Erwachsene 10 Franken, Rentner, Studenten und Gruppen ab zehn Personen 8 Franken, Kids von 6 bis 16 Jahren 5 Franken. Die Jüngsten dürfen gratis ins Schloss. Wer nicht nur schauen, sondern mehr über das Anwesen und über die Gastronomie-Geschichte erfahren will, kann vorab eine Führung buchen.