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Mama will wissen, wo sie sind

Die Ortung von Kindern per GPS ist im Trend – nicht nur bei «Helikopter-Eltern». Wie sinnvoll ist die permanente Überwachung des Nachwuchses? Und welche Alternativen gibt es?

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Getty images, John Flury
07. Januar 2019

Das Mittagessen steht auf dem Tisch, aber wo bleibt Laura? Die Tochter ist sonst immer pünktlich. Sofort schiessen der Mutter die schlimmsten Befürchtungen durch den Kopf. In solchen Momenten möchte sie hellsehen können – oder durch ein unsichtbares Band mit dem Kind verbunden sein. Letzteres zumindest ist heute problemlos möglich. Mit GPS-Sendern, die in kleinen Boxen oder Armbanduhren verbaut sind, lässt sich der Nachwuchs jederzeit orten. Jetzt bereut die Mutter, dass sie sich diese Technologie noch nicht zunutze macht. Wie praktisch wäre es, die App auf dem Smartphone zu öffnen und nachzusehen, wo Laura steckt!

Zu den in der Schweiz bekanntesten GPS-Trackern für Kinder gehören das grüne Fröschli und das türkisfarbene Weenect, die an Gürtel oder Schulthek befestigt werden. Zur Zielgruppe gehören vier- bis zwölfjährige Kids, die kein eigenes Handy haben. Sind sie unterwegs, übermittelt der GPS-Sender laufend die Koordinaten an das elterliche Smartphone. Im Notfall können die Kinder per eingebautem Telefon Hilfe herbeiholen.

Der Überwachungsmarkt wächst: Neben Mini-Trackern und Kinderuhren gibt es inzwischen auch Schuhe und Schuheinlagen mit GPS-Sendern. Diese richten sich aber bisher mehrheitlich an betagte und demente Senioren. Rund 1000 Fröschli gehen nach eigenen Angaben hierzulande jährlich über den Ladentisch. Bei Weenect sollen es 1500 Geräte sein. Die Preise der Tracker liegen zwischen 70 und 100 Franken. Hinzu kommen Kosten für die Einrichtung und Aktivierung sowie ein monatliches Prepaid-Abo zwischen 4 und 13 Franken je nach Anbieter.

Geofencing – der unsichtbare Zaun

Viele der Kidstracker verfügen inzwischen über sogenanntes «Geofencing», bei dem Eltern sichere Aufenthaltszonen definieren können. Verlässt das Kind diese, erhalten sie eine Nachricht und können das Kind anrufen oder gar aufsuchen. Vorteil dieser Funktion ist, dass Eltern nicht mehr genötigt sind, permanent selber auf ihrem Handy «nach dem Rechten» zu schauen. Auch die Abfrage von historischen Bewegungen ist teilweise möglich. Wo war die Tochter vorgestern abend?

Bei Kindern, die bereits ein eigenes Smartphone besitzen, ist die Lokalisierung noch einfacher. Denn: Mit einer entsprechenden App lässt sich jedes Smartphone zu einem Tracker aufrüsten. Gemäss einer Umfrage ist diese Option sogar für Eltern einer der wichtigsten Gründe, Kindern überhaupt ein Handy zu kaufen. Viele dieser «Familien-Apps» erlauben Eltern nebenbei auch noch einen Blick auf das digitale Treiben der Sprösslinge. Wie weit Eltern hier – womöglich sogar heimlich – in die Privatsphäre der Kinder eindringen möchten, sollten sie sich allerdings gut überlegen.

«Kinder müssen wissen, wo sie Hilfe holen können.»

Daniel Süss, Psychologe

Weniger Selbstbewusstsein?

Mit Slogans wie «Sicher und frei» versuchen die Hersteller von GPS-Trackern den Nerv besorgter Eltern zu treffen. Sie sehen sich als Heilsbringer in einer Welt voller «Ängste und beunruhigender Meldungen» und möchten den Kindern «ihre verloren gegangene Freiheit» zurückgeben. Aber: Wie frei fühlt sich ein Kind, das auf Schritt und Tritt überwacht wird?

Medienpsychologen wie Daniel Süss (56), Professor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), haben Bedenken. «Studien zeigen, dass stark kontrollierte Kinder sich weniger zutrauen. Kinder müssen aber Risikokompetenz aufbauen und lernen, Situationen richtig einzuschätzen», so Süss. Elternsein sei immer mal wieder mit Unsicherheiten verbunden. Ein technisch herbeigeführtes Sicherheitsgefühl erzeuge lediglich die «Illusion einer totalen Sicherheit», glaubt der Psychologe und ergänzt: «Kinder sind dann sicher, wenn sie Verantwortung übernehmen können und wissen, wie sie Hilfe holen können, wenn sie sie brauchen.» 

Sind GPS-Tracker also nur ein Hemmschuh für die Entwicklung des kindlichen Selbstbewusstseins und ein gutes Geschäft mit der elterlichen Angst? Ganz so einseitig muss man es nicht sehen. Denn fest steht, dass Eltern ihren Nachwuchs unmöglich permanent im Auge behalten können. Chilbi, Freibad oder Supermarkt sind aber Orte, an denen sich kleine Kinder plötzlich wie in Luft auflösen können – trotz höchster Aufmerksamkeit und nötiger Vorkehrungen. Wer das erlebt hat, kann sich vorstellen, wie erleichternd es sein kann, das Kind im Notfall technisch lokalisieren zu können. Ob diese Überwachung permanent oder gar heimlich geschehen muss, ist eine andere Frage.

Ein souveräner Umgang mit Notsituationen sollten Kinder aber in jedem Fall erlernen – auch für das spätere Leben.

Das geht auch Lauras Mutter durch den Kopf, als die Tochter etwas später ölverschmiert heimkehrt. Die Fahrradkette habe sich verklemmt, erzählt das Mädchen und geht Hände waschen. 

Infos zu den GPS-Trackern und ein Interview mit Guido Honegger, CEO Tracker.ch.

Medienpsychologe

Prof. Daniel Süss (56)

«Es wirkt wie eine elektronische Fussfessel»

Was halten Sie davon, Kinder per GPS zu beobachten?

Tracking schränkt das Grundbedürfnis nach Freiheit und Autonomie ein und beeinträchtigt die Privatsphäre von Kindern. Egal, ob per Gerät oder Smartphone-App: Das permanente Orten wirkt wie eine elektronische Fussfessel. Heimlich eingesetzt, ist es besonders riskant. Fliegt es auf, kann es zum schwerwiegenden Vertrauensbruch kommen.

Viele Eltern fragen sich, wo endet die Aufsichtspflicht, wo beginnt der heikle Eingriff in den kindlichen Freiraum?

Beides sollte man nicht gegeneinander abwägen. Ein Kind ist dann sicher, wenn es auch im Notfall souverän zu reagieren weiss. Hier helfen Abmachungen, wohin es gehen darf und bis wann es zu Hause sein muss. So kann sich ein Kind schrittweise mehr Freiraum und Selbstverantwortung «verdienen».

Was ist so problematisch daran, sein Kind bestmöglich schützen zu wollen?

Wenn Eltern sich übermässig sorgen und misstrauisch sind, dann spüren das die Kinder – mit oder ohne Tracking. Überbehütung macht Kinder ängstlich und unselbstständig. Ausserdem besteht die Gefahr, dass sie später als Jugendliche in ernste Situationen geraten, mit denen sie nicht gelernt haben umzugehen.

Das Kind finden

So geht es nicht verloren

  • Befestigen Sie die Telefonnummer am Kind.
  • Kleiden Sie es mit auffälligen Kappen oder leuchtenden Accessoires ein.
  • Fotografieren Sie Ihr Kind mit dem Handy, so haben Sie notfalls ein Bild vom aktuellen Outfit.
  • Vereinbaren Sie immer einen fixen klaren Treffpunkt.
  • Besprechen Sie den Notfall vor: Was soll das Kind tun, wenn es verloren geht und den Treffpunkt nicht findet. (Zum Beispiel andere Mütter ansprechen oder im Geschäft an die Kasse gehen.)
  • Versuchen Sie, Ruhe zu bewahren.
  • Bleiben Sie stehen und rufen Sie nach dem Kind. Lassen Sie es über Lautsprecher ausrufen. Schalten Sie dann die Polizei oder Ordnungshelfer vor Ort ein.

«Die Eltern sind sehr dankbar»

Interview Guido Honegger, CEO Tracker.ch AG (Hersteller des Fröschli)

Kritiker behaupten, GPS-Tracking – besonders wenn es heimlich eingesetzt wird – könne das Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern belasten und täusche nur eine Sicherheit vor.

Einsatz und Handhabung des Fröschlis liegen im Verantwortungsbereich der Eltern. Es ist ihre Aufgabe, damit verantwortungsvoll umzugehen. Und ja, eine 100-prozentige Sicherheit kann man nie gewähren. 

Neben dem Fröschli verkauft Ihre Firma auch Schuheinlangen mit eingebautem Sender. Werden diese auch von Eltern nachgefragt?

Die Smartsole ist in erster Linie für betagte, demente Personen gedacht. Es gibt sie erst ab Grösse 37 aufwärts. Eine Nachfrage für Kinder spüren wir aber tatsächlich im Bereich Autismus.

Das permanente Bedürfnis, ihre Kinder zu überwachen, kann Eltern auf Dauer stressen...

Dagegen gibt es die Methode des Geofencings. Dabei erhalten Eltern nur dann eine Mitteilung, wenn ihr Kind einen definierten Bereich – zum Beispiel den Schulweg – verlässt. Dank Geofencing können auch kleine Kinder selbständig zur Schule gehen und müssen nicht mehr begleitet werden.

Kennen Sie Beispiele, bei denen der Einsatz eines GPS-Trackers eine lebensbedrohliche Situation verhindert hat? 

Ja, ich kenne etliche Fälle. Am stärksten in Erinnerung geblieben ist mir ein Fall, wo eine Primarschülerin beim Schlitteltag im tiefsten Winter vermisst wurde. Das Kind hat mit dem Fröschli die Eltern angerufen, woraufhin diese sie lokalisieren und die Lehrer informieren konnten. Für mich sind solche Fälle und die Dankbarkeit der Eltern die beste Bestätigung, dass das Fröschli eben nicht nur zu Kontrollzwecken eingesetzt wird.

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