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Nichts zu meckern

Im neuen Familienmusical «Heidi, wo bisch du dihei?» von Andrew Bond stehlen freche Ziegen allen die Schau.

FOTOS
Ursula Ruf
09. Dezember 2019
Die geballte Ladung «Mäh!»: Die Musicaldarsteller haben mit den sechs Geissen alle Hände voll zu tun.

Die geballte Ladung «Mäh!»: Die Musicaldarsteller haben mit den sechs Geissen alle Hände voll zu tun.

Der Vorhang ist noch geschlossen. Die Kinder in den vordersten Reihen im Kultur- und Kongresshaus Aarau AG rutschen unruhig auf ihren Stühlen hin und her und blicken gespannt zur Bühne. Geissenglocken bimmeln. Ein plüschiges Geissli steckt seinen Kopf durch einen Spalt im Vorhang, schaut nach rechts und links, zittert leicht: «Mäh!» Schallendes Gelächter. Eine zweite Geiss kommt dazu, eine dritte, grössere und etwas zottelige Ziege steckt ihren Kopf durch das Loch: «Mäh!» Dann geht der Vorhang auf.

Tournee

«Heidi, wo bisch du dihei?»

  • Das Musical «Heidi, wo bisch du dihei?» tourt noch bis 29.3.2020 durch die Deutschschweiz.
  • Coop unterstützt die Tournee als Presenting Sponsor.
  • Tickets über: www.ticketcorner.ch
  • Besitzer von Coop-Hello-Family- und -Supercard profitieren von einem Spezialpreis auf die Vorstellungen. Das Angebot ist limitiert.
Weitere Informationen hier: https://www.coop.ch/maerlimusical

«Heidi, wo bisch du dihei?» ist Andrew Bonds (54) achtes Märli-Musical. Die geheimen Stars der Produktion heissen Fuulpelz, Distelfink, Schneehöppli, Fläckli, Bäärli und Schwändli. Bevor die sechs Ziegen mit den lustigen Namen an diesem Sonntagmorgen ihren grossen Auftritt auf der Bühne haben, sind sie etwas weniger glamourös in Kartonkisten verstaut. Denn bei den Geissen handelt es sich um lebensgrosse Handpuppen, denen Schauspieler Leben einhauchen. Andrew Bond nimmt eine der Ziegen aus der Box. «Hier ist noch der Trocknungsbeutel drin, man schwitzt beim Spielen ja ganz schön», erklärt er. Bond schaut dem Tier in die Augen und bewegt den Mund mit seiner Hand auf und zu, dann schmunzelt er. «Das mit diesen Geissen, das war wirklich ein genialer Einfall», sagt er, während er die Handpuppe sorgfältig wieder in die Kiste packt.

Eine zündende Idee

Im Januar geht Andrew Bond jeweils eine Woche nach England, um dort seine Musicals zu schreiben. «Sie schwirren zwar vorher schon in meinem Kopf herum, aber dort wird es jeweils konkret.» Als er sich für den Heidi-Stoff entschied, wusste er, dass mehrere Herausforderungen auf ihn zukommen würden. Eine davon: Die Geschichte ist nicht lustig. «Schön, berührend – aber nicht lustig», wie er sagt. Doch bei seinen Musicals müsse man einfach zwischendurch lachen können. Da Bond trotzdem möglichst nah am Original bleiben wollte, kam ihm die Idee: «Die Geissen, die könnten doch witzig sein.» Doch wie setzt man das um? Mit sechs Darstellern hatte er eindeutig zu wenig Personal, um auch noch die Geissen-Rollen zu besetzen. Dann kam ihm die Idee mit den Puppen. «Da dachte ich: Bingo, das ist es!»

Er hatte den «genialen Einfall»: Andrew Bond mit zwei seiner Geissli.

Die Schauspieler Tobias Fischer, Irina Bard, Corinne Liss, Urs Rusterholz, Marisa Jüni und Anja Monn (v. l.) haben die Geissli ganz schön ins Herz geschlossen.

Das war vergangenen Januar. Im August sollten bereits die Proben beginnen. Es sei ein sportliches Unterfangen, in dieser kurzen Zeit Puppen in der entsprechenden Qualität herzustellen. Eine weitere Schwierigkeit kam dazu: In der Regel ist der Einsatz von Puppen auf kleine Theater beschränkt. «Wir spielen in Sälen, in denen bis zu 1400 Personen Platz finden.» Es sei es eine Herausforderung, mit den Puppen auch die hintersten Reihen zu erreichen. Da musste ein Profi ran. Und dieser Profi heisst in seinem Fall Mario Hohmann (46), ein Puppenkünstler aus Berlin (D). Eine gute Entscheidung, denn sonst wären die Tierchen wohl schon längst auseinandergefallen, wie Bond sagt. Die Tücke liegt im Detail. «Die Nasen und Augen eines Tieres wirken zum Beispiel immer feucht, das kann man nicht mit Stoff machen.» Das müsse man von Hand aus Latex giessen. Bis Mai habe er alle zwei Wochen jeweils rund eine Stunde lang mit Hohmann telefoniert. Aufgrund dieses Austauschs seien die Tiere dann langsam entstanden. Jede Ziege hat ihren eigenen Ausdruck, unterschiedliche Hörner – ihre eigene Persönlichkeit. Das Ergebnis eines Kunsthandwerks, das sich Bond auch ein paar Tausend Franken kosten liess.

Das hat sich mehr als gelohnt, was sich auch an diesem Sonntagnachmittag in Aarau zeigt. Immer wenn es bimmelt, die Geissen hinter den Kulissen hervorkommen, frech am Rockzipfel der Darsteller knabbern, mit dem Publikum auf Tuchfühlung gehen oder plötzlich beim Lied «Packs bi da Hörner» zu rappen beginnen, da blühen die Zuschauer auf – und das bis in die hinterste Reihe.

Eine Kunst für sich

Doch nicht nur die sorgfältig gearbeiteten Puppen an sich begeistern, es sind die Darsteller, die die Ziegen erst zum Leben erwecken. Und das ist laut Bond alles andere als einfach. «Es war uns wichtig, dass wir nicht unbedacht mit den Puppen spielen.» Deshalb liessen sich die Musicaldarsteller durch eine Fachfrau coachen. «Puppenspielen ist nicht umsonst eine Kunst für sich», sagt Bond, «deshalb bewundere ich unsere Leute sehr.» Die Koordination sei eine grosse Herausforderung, vor allem für diejenigen, die jeweils zwei Puppen führen, dazu singen und tanzen. «Das zieht ganz schön in den Armen.» Denn was so leicht aussieht, ist harte Arbeit – die sich jedoch auszahlt. «Die Ziegen sind ein Segen für die Produktion.» Dank ihnen verlasse man den Saal leicht. Auch wenn das Thema oft schwer ist.

«Papi, können wir Geissen als Haustiere haben?», fragt ein kleines Mädchen beim Rausgehen. So ähnlich geht es auch Bond, der über seine Ziegen sagt: «Wir lieben die Puppen, wie Haustiere.»

Noch bis Ende März 2020 tourt die Crew samt Geissen durch die Deutschschweiz. Was danach mit den Puppen passiert, ist unklar. «Ich habe schon Ideen, sie werden jedoch erst mal in der Kiste bleiben müssen.»