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Ein Museum mit Schwips

In Pruntrut JU steht das erste Schweizer Obst- und Brennereimuseum. Hier bewundern die Gäste historische Brennapparate, erfahren alles über den Lebenszyklus der Pflaume und – geniessen die «Damassine».

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zvg
24. April 2019

Multimedial erklärt das Museum das Prinzip des Schnapsbrennens.

Es gibt Kantone, da fühlt man sich sofort wie in den Ferien. Der Jura mit seinem frankophilen Savoir-vivre ist so ein Beispiel. Und es gibt Städtchen in diesen Kantonen, da kann man nur noch staunen. Pruntrut (französisch Porrentruy) ist so ein Beispiel: Eine charmante Renaissance-Perle mit imposanter Burg. Durch die Gassen zu gehen und in den kleinen Boutiquen zu shoppen ist eine Wonne. Allerdings verirren sich in den Hauptort der Region Ajoie, jener westschweizerischen Blase, die sich weit hinein nach Frankreich stülpt, heutzutage nur noch wenige Touristen. Das war einst anders: Vor etwa 100 Jahren machte hier der berühmte Orientexpress halt und verband den Ort mit der grossen, weiten Welt. Mittlerweile ist Porrentruy jedoch im touristischen Dornröschenschlaf versunken. Ein neues Projekt soll nun Besucher abermals anlocken: Das erste Schweizer Obst- und Brennereimuseum, das letzten Herbst nach einer achtjährigen Planungsphase seine Tore öffnete.

Das dürfte es gar nicht geben

Die Schau ist eine kleine Sensation. Denn die ausgestellten Destillen dürfte es gar nicht (mehr) geben. Die etwa 30 historischen Apparate, mit denen Bauern einst in Kellern und Scheunen heimlich ihre Obstwässerchen fabrizierten, wurden ab den 1950er-Jahren von der Eidgenössischen Alkoholverwaltung konfisziert, entgingen aber der vorgeschriebenen Zerstörung. «Zwischen 1950 und 1980 wurden insgesamt 30 000 illegale Brennereien im Kampf gegen illegale Machenschaften vernichtet», so Pierre Schaller (68), ehemaliger Mitarbeiter der Alkoholverwaltung und nun Stiftungsratspräsident des Museums. «Auch die schönsten Apparate zu zerstören, haben die Beamten dann allerdings doch nicht übers Herz gebracht.» Vor etwa acht Jahren kam schliesslich die Idee zu einem Brennereimuseum auf.

Als Standort dient der Bauernhof von Alain Perret (46) bei Pruntrut, seines Zeichens grösster Obstbauer der Region. Die Ausstellungsräume sind an die existierenden Scheunen des Hofs angegliedert. «So können die Besucher neben der Theorie auch gleich die Praxis des Obstanbaus erleben», so Perret. Die Idee überzeugt: Während auf den umliegenden Feldern Äpfel geerntet und Pflaumen eingebracht werden, lernt man im Museum alles über die wundersame Wandlung einer Frucht zum Schnaps.

Multimediale Inszenierung

Wie das funktioniert, weiss man vielleicht noch aus dem Chemieunterricht; die Museumsdesigner haben das «trockene» Thema allerdings mit allerlei Hightech aufgepeppt. So startet die Schau mit einem Schema über den Prozess der Obstbrand-Herstellung, durch Projektionen und Smarttechnologie zum Leben erweckt. Mit diesem Wissen im Gepäck gehts zum Herzstück der Ausstellung, der Präsentation der historischen Destillen. Leider wird über deren Besitzer und Erbauer nichts verraten. «Da die Apparate von staatlicher Seite konfisziert wurden, können wir über deren Ursprung nichts berichten», so Schaller. Stattdessen werden die Apparate in einer Multimedia-Show in Szene gesetzt. Erzählt wird die Geschichte der Schnapsbrennerei in der Schweiz und des Versuchs, die illegalen Aktivitäten einzudämmen. Der Mix aus Clips, Projektionen, Musik und Sprache ist kurzweilig und interessant – allerdings eher für Erwachsene. Lehrreich auch für Kinder ist dagegen der zweite Teil der Schau in der «Obst-Scheune», in welcher mit allen Sinnen der Weg von der Bestäubung, der Veredlung bis zur reifen Frucht nachgezeichnet wird.

Natürlich gehört auch ein Verkaufsladen zur Obst- und Branntwein-Erlebniswelt, in dem kulinarische Leckerbissen aus der Region angeboten werden. Da darf der lokale Damassine-Schnaps nicht fehlen – ein Wässerchen, das samtweich die Geschmacksnerven umspielt und das alleine schon den Weg in den Jura lohnt.