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Wettkampf mit dem eigenen Ich

Darf ich heute den Lift nehmen oder steht Treppenlaufen an? Wie viele Kilometer fehlen mir noch zum Wochenziel? Und überhaupt: Warum muss mir das eigentlich eine Uhr sagen?

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Getty Images, zvg
21. Oktober 2019
Es ist wissenschaftlich erwiesen: Die Datensammler am Handgelenk helfen beim Überwinden des inneren Schweinehundes.

Es ist wissenschaftlich erwiesen: Die Datensammler am Handgelenk helfen beim Überwinden des inneren Schweinehundes.

Am Handgelenk surrts und auf dem Display steht der Befehl: «Noch 150 Schritte!», «Bitte bewegen Sie sich!», oder einfach: «Go!» Die Frage, ob Lift oder Treppe ansteht, muss man sich nicht mehr selber beantworten. Die digitalen Anfeuerungsrufe von Smartwatches oder anderen Trackern nehmen uns diese Entscheidung ab. Sie spornen ihre Nutzer an – zum Erreichen des nächsten Tagesziels, des Wunschgewichts, des neuen Rekords.

Vor allem aber treiben sie die Hersteller an, immer ausgefeiltere Technologien und Gadgets zu entwickeln. Persönliches Energielevel, Atemfrequenz- oder Pulsmessung, Schlafanalyse, Stresslevel- oder Menstruationszyklustracking – eine virtuelle medi- zinische Rundumüberwachung in Form einer «Uhr».

Der Markt der sogenannten Weara- bles (Computersysteme, die am Körper getragen werden) boomt. Lag der weltweite Absatz von 2014 bis 2018 bei rund 170 Millionen Stück, soll dieser gemäss einer Prognose der IDC (International Data Corporation) bis ins Jahr 2023 auf über 300 Millionen Geräte ansteigen. Zu den führenden Herstellern von Wearables zählen Apple, Xiaomi und Fitbit. Wobei der Anteil der Marktführerin Apple bei fast 30 Prozent liegt.

Wahn oder Segen?

Die Frage, die sich aber stellt: Motiviert uns das digitale Self-Tracking tatsächlich, sodass wir uns mehr bewegen, gesünder leben? Sind die «Allesmesser» und ihr Datensatz Wahn oder Segen? Wissenschaftler aus Taiwan untersuchten in einer Studie, inwiefern Weara- bles, die das Ziel haben, die körperliche Aktivität der Nutzer zu steigern, einen positiven Einfluss auf das Gewicht der Träger haben.

In verschiedenen medizinisch-wissenschaftlichen Datenbanken suchten die Forscher nach Analysen zu diesem Thema: Und sie fanden insgesamt 19 Artikel, die sie zusammenfassend auswerteten.

Das Fazit: «Wearables, die auf eine vermehrte körperliche Aktivität der Nutzer abzielten, verringerten Körpergewicht, BMI (Body Mass Index – Masszahl zur Bewertung des Körpergewichts im Verhältnis zur Körpergrösse) und den Taillenumfang der Träger». Einen besonders positiven Effekt zeigten Personen, die übergewichtig waren oder an einer chronischen Krankheit litten. Weitere Auswertungen führten auf, dass besonders jene Studien positive Effekte zeigten, in denen die Anwender die Wearables zwölf Wochen oder länger nutzten. Abschliessend kamen die Wissenschaftler zum Ergebnis, dass Wearables eine gute Möglichkeit bieten, den inneren Schweinehund zu überwinden.

Fremdkontrolle fällt weg

Ähnlich sieht dies Hansjörg Künzli (57), Professor für Methodenlehre und Motivation an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. «Wir Menschen lieben es, uns zu messen, uns ein Ziel zu setzen und dieses zu erreichen oder gar zu übertreffen.» Dadurch würden positive Emotionen wie Stolz ausgelöst. Im umgekehrten Fall, wenn wir die Vorgabe nicht erreichen, «können die negativen Gefühle als Ansporn zur Leistungsverbesserung genutzt werden».

Jeder Schritt führt zum Ziel ? zumindest auf dem Display.

Wichtig findet Künzli auch das Feedback, das uns die elektronischen Helferlein geben. «Wir erhalten es am liebsten unmittelbar und objektiv.» Der Professor präzisiert: «Es ist von Vorteil, dass es nicht ein Mensch ist, der uns die Rückmeldungen gibt.» Der Eindruck von Überwachung und Fremdkontrolle falle damit weg. Zudem sei es ein Feedback, das man anfordern kann, aber nicht muss.

Die Revolution des Gesundheitswesens wird also direkt am Körper getragen. Doch macht uns das auch zu gläsernen Patienten bei Versicherungen und Krankenkassen – «noch» gehen diese mit den gewonnenen Daten ziemlich vorsichtig um (siehe Interview). Was aber in Zukunft damit in der schier unendlich grossen digitalen Welt passiert, ist offen.

Ebenso die Frage, welche neue Spielerei sich die Hersteller der Wearables als Nächstes einfallen lassen. 


«Wir haben keine Einsicht in Daten»

Silvia Schnidrig (56)

Leiterin Unternehmenskommunikation bei Swica.

Werden Nutzer von Fitness-Trackern bei ihren Krankenkassen zu gläsernen Patienten? Die Verarbeitung der gelieferten Aufzeichnungen ist noch immer umstritten. Coop-Krankenversicherer Swica liegt dabei nur das Punktetotal eines Fragebogens vor.

Silvia Schnidrig, verwendet Swica die Daten von Weara- bles?

Grundsätzlich nein. Mit unserem Bonusprogramm können Swica- Kunden aber von einem Prämienrabatt von bis zu 15 Prozent auf unterschiedliche Zusatzversicherungen profitieren.

Und was müssen die Versicherten dafür tun?

Als Basis dafür dient unser Deklarationsfragebogen. Dabei beantworten die Kunden Fragen zu Gesundheit und Fitness.

Dann hat die Swica also doch Einsicht in persönliche Daten.

Wir erhalten nur das Punktetotal, haben aber keine Einsicht in die Antworten und Gesundheitsdaten. Die Einbindung eines Fitness- Trackers ist somit keine Voraussetzung zur Teilnahme am Bonusprogramm.

Bietet die Swica ihren Kunden die Wearables zu vergünstigten Preisen an?

Nicht standardmässig. Aber wir haben immer mal wieder Angebote; das kann im Rahmen einer Challenge sein oder via unserer Kundenangebote in der Rubrik Sport und Fitness.