Wohltäterin mit Kamm und Schere | Coopzeitung
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Reportage

Wohltäterin mit Kamm und Schere

Coiffeuse Anna Tschannen schneidet seit zwölf Jahren Randständigen in Basel die Haare. Nun erzählt sie im Dokumentarfilm «Im Spiegel» die emotionalen Geschichten ihrer ungewöhnlichen Kundschaft – wie jene des ehemaligen Obdachlosen Markus Elhady.

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06. Januar 2020
Eine Stunde «gemeinsames Erleben»: Anna Tschannen schneidet Markus Elhady die Haare.

Eine Stunde «gemeinsames Erleben»: Anna Tschannen schneidet Markus Elhady die Haare.

«Heute Coiffeuse». Ein dezentes Schild weist im Tageshaus für Obdachlose in Basel auf eine scheinbar selbstverständliche Dienstleistung hin. Doch Anna Tschannens Einsatz ist alles andere als das. Seit 12 Jahren schneidet die 43-Jährige Randständigen die Haare: alle zwei Wochen im besagten Tageshaus und jeden Dienstag finanziell Benachteiligten in der Elisabethenkirche. «Schliesslich mache ich auch nur meine Arbeit», meint die zweifache Mutter bescheiden und wird von ihrem heutigen Kunden auf dem Stuhl vehement korrigiert: «Du machst viel mehr als nur deine Arbeit, Anna, du gibst den Leuten ihre Würde zurück. Das muss auch einmal gesagt werden!»

Der Kunde heisst Markus Elhady. «Elhady ist nicht mein gebürtiger Name, sondern der meines Stiefvaters», erklärt der 62-Jährige. «Die Namensänderung hat mich einige Mühen gekostet.» Denn mit seiner Blutsverwandtschaft hat er gebrochen – oder vielmehr sie mit ihm. «Sagen wir, wie es ist: Ich habe gefixt», meint Elhady mit entwaffnender Offenheit.

Rückkehr ins bürgerliche Leben

Als Drogenabhängiger war er das schwarze Schaf der Familie. Knapp zehn Jahre lang hatte der Basler nicht einmal ein Dach über dem Kopf und verkehrte praktisch täglich im Tageshaus für Obdachlose. «Draussen lebst du immer mit einer gewissen Angst, weisst nie, wer auftaucht», erzählt Elhady, der dank der Wohnhilfe der Stiftung für Sucht- und Jugendprobleme die Rückkehr in ein bürgerliches Leben geschafft hat. Seit sechs Jahren arbeitet er im «Jobshop» und kann sich mittlerweile eine Zwei-Zimmer-Wohnung leisten. Nun hat er nur noch einen Traum: «Einmal richtig Ferien machen.» Für ein paar Tage irgendwo die Seele baumeln lassen, das erlebte er bisher erst einmal in seinem Leben– als Kind.

Bevor Anna Tschannen zur Schere greift, nennt Elhady seine Frisurwünsche: «Hinten muss alles weg. Vokuhila (vorne kurz, hinten lang; Red.) ist out.» Zudem müsse der Bart gestutzt werden.

Improvisierter Salon: Anna Tschannen braucht nicht mehr als Stuhl und Spiegel.

Schon fallen die ersten Haarsträhnen. Die Handgriffe der Baslerin sitzen, man sieht ihr die Erfahrung an. Ihr Talent beschränkt sich allerdings nicht aufs Frisieren. Nach Abschluss der Lehre zur Coiffeuse liess sie sich auch noch zur Maskenbildnerin, zur Tänzerin und zum Clown ausbilden.

Auf die Idee des wohltätigen Haareschneidens kam Anna Tschannen, als der Leiter der Heroinabgabe bei ihr auf dem Stuhl sass. «Ich fragte einfach, ob ich mit Kamm und Schere vorbeikommen darf.» Sie durfte. Heute schneidet sie für einen Lohn in vier verschiedenen karitativen Institutionen die Haare von Bedürftigen wie den Obdachlosen. «Mir gefällt ihre Ungeschminktheit: Sie haben nichts zu verstecken», sagt sie. «Und ich kann ihnen in dieser gemeinsamen Stunde einen Haarschnitt schenken.» Entscheidend sei, dass sie den Menschen mit Mitgefühl begegne, nicht mit Mitleid.

Mutig ins Rampenlicht

Die Leute im Tageshaus mussten sich erst an das neue Angebot gewöhnen. «Einige brauchen Zeit, bis sie sich trauen», sagt Anna Tschannen. «Bis sie spüren, dass ich mich auf sie freue.» Haben sie sich einmal überwunden, kommen sie oft wieder. «Und dann sind sie meistens auch bereit für ein Gespräch», sagt die Coiffeuse, die dann zur wertvollen Zuhörerin wird. «Bei Anna kann ich besser reden als bei meiner Psychologin», erklärt Elhady und sagt mit besorgtem Blick in den Spiegel: «Gell, du lässt mir oben schon noch etwas stehen?»

Markus Elhady war sofort bereit, als einer von vier Obdachlosen im Dokumentarfilm mitzuwirken, den Anna Tschannen mit dem Filmemacher Matthias Affolter (43) realisierte. «Es ist wahnsinnig mutig, wie du dich vor der Kamera zeigst», sagt sie. Er antwortet: «Ich musste aus der Anonymität, sonst passiert nichts. Ich wollte Basel darauf aufmerksam machen, dass 200, 300 Leute auf der Strasse leben.»

Das Ergebnis ist ein berührender Blick in jene Strassenecken, an denen wir im Alltag lieber schnell vorbeigehen. «Ich habe die Geschichten meiner Kunden aufgeschrieben und suchte lange nach einer passenden Form, um sie zu erzählen», meint Anna Tschannen. Damit wir künftig nicht mehr weg-, sondern hinschauen. Über ein Jahr lang hat sich das Filmteam dem Leben ihrer Protagonisten angenähert und ihr Vertrauen gewonnen. «Wir sind ganz still und leise dabei gewesen», sagt Anna Tschannen. Der 80-minütige Dokumentarfilm kommt am 15. Januar 2020 unter dem Titel «Im Spiegel» ins Kino.

Protagonist Markus Elhady ist zufrieden: «Der Film ist recht intensiv und gefällt mir sehr gut.» So wie seine neue Frisur, die er genau in Augenschein nimmt. «So ein Haarschnitt sorgt nicht nur für Ordnung auf dem Kopf, sondern auch für Ordnung in der Psyche», erklärt er und geht wieder zur Arbeit. Er wird sich wieder auf den Stuhl setzen, wenn es heisst: «Heute Coiffeuse».

Im Kino

Im Spiegel

Filmstart: 15. Januar 2020
Land: Schweiz 2019
Länge: 80 Minuten
Regie: Matthias Affolter