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Das Freiluftzimmer

Ein Garten ist so schrecklich: schmutzige Erde überall, viel Arbeit und lauter Haustiere von den Nachbarn. Ein Balkon hingegen ist ein Königreich!

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Getty Images
24. Juni 2019

Ein Balkon, tausend Möglichkeiten: Gerade die Vielfalt der Einrichtungen macht eine Fassade mit Balkonen attraktiv.

Ob er dem Himmel ganz nahe ist oder nicht ganz so hoch im ersten Stock, das spielt keine Rolle. Denn ein Balkon ist immer ein eigener Herrschaftsbereich im Freien. Ja, auch ein Garten kann ein kleines Imperium sein. Aber der Balkon ist mehr als das. Was ihn dem Garten überlegen macht, ist der Abstand zum Boden.

Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie treten nachts um drei in den Garten. Schon ein wenig unheimlich, oder? Das Gleiche auf dem Balkon im fünften Stock: kein Problem. Es ist eben nicht so einfach, einen fremden Balkon zu betreten wie einen fremden Acker. Und trotzdem kann man den Balkon auch in ein Gemüsebeet verwandeln, wenn es sein muss. Wer auf einem Balkon steht, hat ausserdem eine erhöhte Position und somit eine bessere Sicht auf die Umgebung. Dieses bauliche Element, das wir heute als Selbstverständlichkeit wahrnehmen und manchmal stiefmütterlich behandeln, ist also eigentlich eine fantastische Erfindung!

Und wer hats erfunden? Nein, nicht die Schweizer. Auch nicht die Römer – doch die waren immerhin an der Verbreitung von Balkonen in Europa beteiligt. Damals hiessen sie Maenianum, benannt nach einem gewissen Maenius, der einen Holzbalkon im Forum Romanum, dem Zentrum von Rom, konstruieren liess. Einfach für die bessere Übersicht. Das war etwa 300 Jahre vor Christus. Die Chinesen bauten schon rund 200 Jahre früher Balkone aus Holz an ihre Häuser.

Ferien auf Balkonien, dieser Trend nahm in den Sanatorien seinen Anfang.

 

Doch wo befand sich der erste Balkon der Weltgeschichte? Das lässt sich natürlich nicht mehr ganz genau feststellen. Überall, wo mehrstöckige Häuser gebaut wurden, waren Balkone theoretisch möglich, auch der allererste. Der griechische Archäologe Panikos Chrysostomou zum Beispiel hat in der Region von Florina Häuser mit Balkonen aus der Zeit zwischen dem 6. und 5. Jahrtausend vor Christus gefunden.Wozu diese frühen Balkone dienten, ist nicht immer klar.

Im Lauf der Geschichte benutzten die Menschen sie oft dazu, ihre Macht zu demonstrieren, sich über andere zu erheben, grosse Reden zu schwingen und auch als Verteidigung von Burgen. Von dort aus wurden die Feinde ebenfalls mit Pfeilen beschossen oder auch mit heissem Öl übergossen.

Einfach mal gemütlich auf einem Stuhl sitzen und die Sonne geniessen, das tat man früher eher selten auf dem Balkon. Erst in unserer Zeit hat sich die massenhafte friedliche Nutzung dieses Fassadenelementes durchgesetzt. Nicht zuletzt dank der vielen Sanatorien. Die gab es auch in Davos GR im 19. Jahrhundert, als die Lungenkranken auf dem Balkon liegend die frische Luft einatmeten. So hat die Schweiz doch ihren Anteil an der Balkonkultur.

Pflanzen sind die halbe Miete: Ein Balkon braucht gar nicht so viele Möbel.

Mehr Balkon für alle, das war auch das Motto der neuen Architekten wie Corbusier (1887–1965), Richard Neutra (1892–1970) oder Rudolph Schindler (1887–1953). Der Balkon sollte nicht mehr nur für die Reichen und Privilegierten ein sonniger Rückzugsort sein, sondern für alle. Die Demokratisierung des Balkons begann etwa im 19. Jahrhundert. Der Begriff «Balkonien», der mit den Ferien auf demselbigen verbunden wird, stammt aus Berlin, wo er schon in den 1930er-Jahren geläufig war. Nach dem 2. Weltkrieg ging es dann richtig los mit dem Balkon zu (fast) jeder Wohnung. Manche haben sogar zwei, einen grossen, repräsentativen – und einen kleineren, meist bei der Küche, wo von den Bewohnern oft ein Abfallsack deponiert wird.

Die richtigen Möbel

Doch ein Balkon gehört geschmückt! Ausserdem darf der Vermieter bei einem unordentlichen Balkon reklamieren. Beim Einrichten hilft es, die Ausrichtung zu kennen, das lässt sich mit dem Kompass im Smartphone feststellen. Süd- und Ostbalkone brauchen Sonnenschutz und Möbel, die sich nicht zu sehr aufheizen, etwa solche aus Holz. Auf einem schattigen Nordbalkon oder einem Westbalkon mit Abendsonne können auch Möbel aus Metall stehen und Pflanzen, die eine direkte Sonneneinstrahlung den ganzen Tag lang weniger mögen. Falls Platz da ist, sind Staumöbel wie Truhen oder Schränke praktisch. Aber seien Sie vorsichtig mit Wasser: Planschbecken können schnell schwerer werden als gedacht. Die Faustregel lautet: Ein Balkon trägt 300 Kilogramm pro Quadratmeter. Doch ein ganz normales Kinderplanschbecken mit einem Fassungsvermögen von rund 500 Litern ist dann bereits zu schwer. Da bekommt der Ausdruck «dem Himmel ganz nah» plötzlich eine ganz andere Bedeutung, wenn der Balkon in die Tiefe stürzt. Am besten erkundigt man sich dazu bei der Hausverwaltung. Das viel diskutierte Aufhängen der Wäsche ist aber auf jeden Fall erlaubt – allerdings nur mit einem mobilen Wäscheständer.

Und ganz getreu dem demokratischen Motto der Balkone der Neuzeit, soll es beim Einrichtungsstil keine Regeln geben. Mit schönen Pflanzen und hübschen Kübeln ist schon viel gewonnen. Wichtig ist, dass es gemütliche Sitzplätze gibt und genug Abstellflächen für Getränke oder Glaceschalen. Erlaubt ist, was gefällt. Schliesslich ist es gerade die Vielfalt, die eine Balkonlandschaft an einem Haus so attraktiv macht.