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Wohnen

Die Zukunft des Wohnens

Viele träumen vom idyllischen Haus auf dem Land, wo man sich noch kennt und grüsst. Doch auch die Stadt muss nicht kalt und anonym sein.

03. Juli 2019

Utopien – höher, grüner, dichter

Schon immer hat man versucht, mit der Architektur Menschen und Gesellschaften zu formen. Nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Denn um sich wohlzufühlen, müssen die Bewohner ihre Lebensumgebung auch mitgestalten können. Die deutsche Stadt Jülich etwa wurde im 16.Jahrhundert nach einem Brand als Idealstadt wieder aufgebaut.

Im 20.Jahrhundert wollte der berühmte Architekt Le Corbusier mit seinem Plan Voisin Teile des historischen Zentrums von Paris abreissen und durch 18 Hochhäuser ersetzen. Statt lärmigen, dreckigen Strassen sollte die Stadt damit Licht, Luft und Grünflächen bekommen. Doch sein Entwurf wurde als unmenschlich und kalt abgelehnt.

Le Corbusier: Die Ideen des Schweizer Architekten wurden gehasst und geliebt.

Modularer Residential Complex von Vincent Callebaut, Haiti

Eine andere Wohn-Utopie mit dem originellen Namen bolobolo richtet sich gegen Geld, Grossindustrie und den Staat. Autonome Kommunen sollten demnach weltweit Grosshaushalte bilden, mit vielen geteilten Strukturen und Räumen, sogar einer eigenen Plansprache. Auch daraus ist nichts geworden. Obwohl zum Beispiel die Siedlung Kalkbreite in Zürich mit Erfolg an solche Ideen anknüpft. Ein neuer Trend ist die biotechnologische Architektur, die Hochhäuser mit viel Grün verbindet. Einer ihrer Vertreter ist der belgische Architekt Vincent Callebaut.

Zukunftsforscherin

Senem Wicki

Senem Wicki ist Kaospilotin und Zukunftsforscherin. Sie hat viele Jahre als Innovationsexpertin für Städte, Unternehmen und Think Tanks gearbeitet, um transformative Prozesse zu gestalten und Unternehmen bei der Neuausrichtung zu unterstützen. Heute ist sie Mitgründerin von MIND IN, einem zeitgenössischen Drop-in Meditation Studio, das sich auf die Ausbildung grundlegender menschlicher Fähigkeiten für die digitale Gesellschaft konzentriert.

Die Wohnung der Zukunft war in der damaligen Ausstellung «Die Zukunft ist unser» des Think Tanks W.I.R.E. sehr eng, voll und für Selbstversorger konzipiert. Weshalb?

Die Wohnung entstand in einer Kooperation mit den Elektrizitätswerken Zürich und dem Designbüro Oupas! aus Portugal. Dabei hatten wir alle das Gefühl, dass das Thema Autarkie, also das Selbstversorgertum, zu wenig kritisch hinterfragt wird. Der Trend zum Selbermachen wird aktuell rundum positiv bewertet. Wir wollten anhand einer Wohnung einmal konsequent durchspielen, wohin es führt, wenn das Ideal des Selbermachens auf die Spitze getrieben wird. Welche Dinge des täglichen Bedarfs müsste man unterbringen, um wirklich autark leben zu können? Angesichts der Tatsache, dass wir künftig tendenziell weniger Fläche pro Person zur Verfügung haben werden, hat sich dann unsere Beispielwohnung der Zukunft gefüllt und ist immer enger geworden.

Was würde man denn alles selber machen?

Um autark leben zu können, müsste man selbst Energie erzeugen, Rohstoffe sammeln und Nahrungsmittel anpflanzen, Dinge des täglichen Bedarfs im 3-D-Drucker herstellen und wieder reparieren, man müsste sich selbst medizinisch versorgen und so weiter.

Das klingt anstrengend!

Der Bewohner unserer Zukunftswohnung wäre wohl relativ einsam, denn er hätte gar keine Zeit, um mit jemandem in Kontakt zu treten vor lauter Selbstversorgung. Und auch wenn er stattdessen einen Roboter hätte, der ihm noch ein bisschen Nähe gibt am Abend ein wirklich erfülltes Leben findet in dieser Wohnung wohl eher nicht statt. Zudem stellt sich die Frage, ob das Leben darin nicht auch von einer sinkenden Qualität geprägt würde. Das selbst gebackene Brot mag emotional befriedigen. Ob es tatsächlich besser schmeckt und nahrhafter ist als dasjenige vom Profibäcker, bezweifle ich.

Aber man kann die eigenen Fähigkeiten laufend verbessern.

Die grösste Schwierigkeit, welche sich in Bezug auf die autarke Zukunftsvision stellt, ist Zeit. Denn wer gleichzeitig Landwirt, Arzt, Roboterexperte, Elektriker und Energie-Experte sein möchte, kann sich das Wissen theoretisch vielleicht sogar über das Internet oder Fern-Unis aneignen. Aber eine einzige Lebenszeit reicht dafür schlicht nicht aus.

«Wir müssen aufpassen, dass unser Leben nicht zur Kartonkulisse wird.»

Senem Wicki

Und warum war die Wohnung aus Karton gebaut?

Rezyklierbarer Karton ist leicht aufbaubar und eignete sich gut für eine temporäre Ausstellung. Zudem ist Karton auch Symbol für den mobilen, flexiblen Lebensstil, den wir heute pflegen. Und vielleicht liesse noch eine weitere Metapher daraus ableiten: Wir sollten aufpassen, dass unser Leben nicht zur Kartonkulisse wird, in welcher der schöne Schein, zusammenkopiert aus Wohnzeitschriften, wichtiger wird als die ganz persönliche Vision davon, wie und mit wem man leben und wohnen möchte.