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Charmant – und sehr fies

Eine Dame hat sich austricksen lassen. Ihr Geld ist weg. Und Sie schämt sich furchtbar.

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Illustration: Jens Bonnke
27. August 2018

Ich bin 68 und habe mich durch Internetbetrüger austricksen lassen und mein ganzes Vermögen verloren. Der Mann gaukelte mir vor, mich zu lieben. Ich habe den Vorfall der Polizei gemeldet, die waren nett, können mir aber nicht weiterhelfen. Mehr noch als meine finanzielle Not macht mir die Scham zu schaffen. Ich habe die Geschichte meinem Enkel erzählt und dieser hat mir eine hässliche Standpauke gehalten. Aus schlechtem Gewissen hat er mir dann meine Tiefkühltruhe mit feinem Essen gefüllt. Ich weiss nicht, wie ich meiner Familie gegenübertreten kann. Ich habe Angst vor weiteren Beschimpfungen.

FRAU W.

Anikó Donáth

Die Multitaskerin ist Schauspielerin, Autorin, Single Mom und berufliche Exfreundin.

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Sehr geehrte Frau W.

Die meisten Leute können sich nicht vorstellen, wie raffiniert Internetbetrüger vorgehen. «Wie kann man nur so naiv oder blöd sein» ist ein üblicher Spruch, wenn es um dieses Thema geht. Wir leben in einer gläsernen Gesellschaft und es ist Tatsache, dass nicht nur ungebildete Leute in die Fänge dieser Kriminellen geraten! Ich kriege einmal die Woche dubiose Mails, das letzte mit folgendem Inhalt: «Ich habe 3,5 Mio. gewonnen, untenrum Krebs und ich wollen dir das Geld überweisen danke.»

Ich möchte Ihren Enkel aber ein bisschen verteidigen. Seine Reaktion ist verständlich! Sie haben sich seit der lebenseinschneidenden Überweisung ihres Vermögens bis zum Aufknallen auf dem harten Boden der Realität mit ihrer Situation beschäftigt. Ihr Enkel bekam die hochdosierte Kurzfassung vorgesetzt, die er zuerst mal verdauen musste.

Die Tiefkühltruhe mit Essen füllen, heisst doch übersetzt: «Es tut mir so leid, etwas Anderes kommt mir nicht in den Sinn, aber wenigstens ist es eine Handlung!» Ich mag Leute, die handeln, wenn ein Problem unlösbar scheint!

Einem meiner Bekannten ist etwas Vergleichbares passiert. Ich fühlte mich ebenfalls hilflos. Wir haben uns immer wieder zum Kaffee trinken verabredet und aus Jux «Win4life»-Lose gekauft. Wir haben uns ausgemalt, was denn wäre, wenn er tatsächlich gewinnen würde, oder ich, oder sogar beide! Das Schöne war, wir haben uns oft gesehen und über dieses imaginäre Happy End spintisiert. 

Das tat gut! Wählen Sie einen guten Freund aus, wenn Sie die Geschichte loswerden möchten, es muss nicht Ihre Familie sein. Sie wissen garantiert auch nicht alles über Ihre Verwandten! Laden Sie Ihre Vertrauensperson zum Essen ein, kochen Sie was Feines aus der vollen Kühltruhe und laden Sie ab!

Freundschaft löst nicht alle Probleme, aber hilft – immer.

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