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Prinzessin ohne Thron

Die Ankunft des Schwesterchens verunsichert das erstgeborene Kind zutiefst. Wie sollen sich die Eltern verhalten?

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Illustration: Jens Bonnke
27. August 2018

Unsere Tochter (4) hat vor einem halben Jahr eine kleine Schwester bekommen. Zuerst lief alles problemlos, aber vor drei Monaten hat sich ihr Verhalten plötzlich geändert: Sie möchte wieder Windeln tragen, schläft nicht mehr durch, hat Trotzanfälle und ignoriert das Baby komplett. Warum verhält sie sich so und was können wir tun?

GLORIA B., ZÜRICH

Jérôme Lacourrège

Hello-Family-Blogger und Vater von zwei Kindern.

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Liebe Frau B.

Endlich ist das Kind trocken, schläft im eigenen Bettchen und hat Nuggi und Schoppen Adieu gesagt. Alles ist gut. Und nun kommt das zweite Kind. Für das, was dann passiert, gibt es in der Psychoanalyse den Begriff «Regression», das Zurückfallen in kindliche Verhaltensmuster. Auch wenn die Theorie umstritten ist, so ist das mit dem «Zurückfallen» nicht von der Hand zu weisen. Vieles, was selbstverständlich war, ist es nun nicht mehr. Statt Regression passt der Begriff «Entthronung» fast noch besser. Bis vor Kurzem war Ihre Tochter noch im Zentrum der elterlichen Aufmerksamkeit. Diese muss sie nun teilen. Das zu verstehen ist nicht leicht.

Ich nehme an, Sie haben Ihre Tochter schon vor der Geburt sorgsam an die neue Realität mit Geschwisterchen herangeführt. Dennoch ist das alles nicht einfach. Nehmen Sie Ihre Tochter und ihre Sorgen unbedingt ernst. Ihr einfach zu sagen: «Du bist jetzt ein grosses Mädchen!» wird kaum funktionieren und kann kontraproduktiv wirken. Fragen Sie Ihre Tochter, warum sie wieder Windeln tragen möchte. Binden Sie sie in den neuen Alltag mit Baby ein und lassen Sie sie etwa beim Wickeln helfen.

Ihre Tochter reagiert vielleicht frustriert, wenn sie sieht, dass sich alles nur um das Baby dreht. Beobachten Sie genau, wann sie sich ärgert. Unter Umständen können Sie ein Verhaltensmuster erkennen und eingreifen, bevor der Ärger zu gross wird. Nehmen Sie sich trotz der Baby-Hektik Exklusiv-Zeit für Ihre grosse Tochter und sagen Sie ihr, dass sie auch weiterhin ein wichtiger Teil der Familie ist. Reagieren Sie nicht mit Abweisung, sondern mit Zuneigung und Verständnis. Machen Sie weder sich selbst noch Ihrer Tochter Vorwürfe.

Kleine Kinder brauchen viel Zeit, um Veränderungen zu akzeptieren. Irgendwann wird Ihre Tochter merken, dass das Babysein doch nicht so spannend ist und wird von sich aus beschliessen, ein grosses Mädchen zu sein. Bei unserer Tochter dauerte diese «Ich will wieder ein Baby sein»-Phase übrigens etwa vier Monate. Haben Sie also Geduld!

  

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