X

Beliebte Themen

Titelgeschichte

Immer der Nase nach

Ein Hund hat, was Technik nicht hat: Instinkt und einen ausgeprägten Geruchssinn. Er jagt Verbrecher, findet vermisste Personen oder hilft Menschen mit Handicaps.

FOTOS
Heiner H. Schmitt
10. Dezember 2018

Eine fast schon bedrückende Stille hängt über dem Waldgebiet oberhalb von Seewen SO. Nur das Geräusch der eigenen Schritte widerhallt von den dicht gedrängt stehenden Baumstämmen. Es ist kalt, und die Reste des ersten Novemberschnees kleben hartnäckig an den braunen Blättern.

Marie-Sarah Beuchat (39) schaut über die kleine Talsenke zum gegenüberliegenden Hang. Ihr Blick suchend, gleichzeitig wissend. Hört sie doch das Klingeln des Glöckchens, das der Wind herüberträgt. «So habe ich eine Ahnung, wo er sich ungefähr aufhält», sagt sie. Mit «er» meint Beuchat ihren Hund Capo. Einen braunen Golden Retriever. Zuchtmerkmale: athletischer Körperbau, Temperament, hohe Lernbereitschaft. Capo ist ein Geländesuchhund – respektive war es. Heute geniesst er seine wohlverdiente Rente.

Coop schult das Verkaufspersonal

In der Schweiz gibt es rund 325 000 blinde und sehbehinderte Menschen. Ihnen will Coop schöne Weihnachtseinkaufserlebnisse ermöglichen. In Zusammenarbeit mit dem SBV (Schweizerischer Blinden- und Sehbehindertenverband) wurde das Verkaufspersonal geschult und sensibilisiert. Seit 15 Jahren arbeitet Coop mit dem SBV zusammen. Eine Partnerschaft, der auch das Projekt «VoiceNet» entsprungen ist. Dies ist eine Hörplattform, die Menschen mit eingeschränkter Sehkraft dabei hilft, sich über aktuelle Nachrichten und Coop-Aktionen zu informieren. Der Blindenführhund darf eine sehbehinderte oder blinde Person in die Coop-Verkaufsstelle begleiten.

Sein halbes Hundeleben stand der neunjährige Rüde mit seinem Frauchen im freiwilligen Einsatz. Ihr Arbeitgeber: Redog, der Schweizerische Verein für Such- und Rettungshunde (Notrufnummer: 0844 441 144). Er ist die einzige Organisation, die in allen Regionen der Schweiz Rettungshunde für die Trümmer- und Geländesuche ausbildet.

Aus reiner Leidenschaft

Das Rascheln im Geäst kündigt es an. Capo ist auf dem Rückweg und steht plötzlich vor Frauchen. Sein heutiges Suchobjekt, den roten Gummiball bei Fuss. «Für ihn ist und war das nie Arbeit, sondern Leidenschaft», erklärt Beuchat, die neben ihrem 90-Prozent-Pensum als Teamleiterin bei der Spitex seit 15 Jahren für Redog im Einsatz ist.

Als Team haben die beiden in den letzten Jahren viel erlebt und waren oft auf der Suche. «Leider häufig nach Menschen mit suizidalen Absichten, die einen Abschiedsbrief hinterlassen hatten», sagt Beuchat. Bei solchen Einsätzen seien sie immer in Begleitung der Polizei. «Capo und ich sind nur für die Ortung zuständig», erklärt sie, «den Rest überlassen wir den Beamten.» Stark zugenommen hat in den letzten Jahren das Aufspüren von Menschen, die an Demenz leiden. «Oftmals finden diese nach einem Spaziergang den Heimweg nicht mehr.»

Geländesuchhunde wie Capo verfolgen nicht explizit den Geruch der vermissten Person. «Sie spüren einfach alles auf, was irgendwie nicht in die Umgebung passt», erklärt die Hundeführerin. Sei dies ein liegen gebliebener Walkingstock oder ein verlorener Handschuh. Nicht immer haben die Hunde Erfolg. «Doch für uns ist es schon ein positives Resultat, wenn wir ausschliessen können, dass sich die vermisste Person im abgesuchten Gebiet aufhält», erklärt Beuchat.

Vielfältige und komplexe Aufgaben

Bereits um 100 v. Chr., so vermutet man, spannten indigene Völker im nördlichen Sibirien erstmals Hunde als Zugtiere vor ihre Schlitten. Und auch die Hüte- und Hirtenhunde blicken auf eine lange Tradition zurück. Es drängt sich die Annahme auf, dass diese vor rund 10 000 Jahren erstmals zum Einsatz kamen, als die Menschen sesshaft wurden. Im Laufe der Zeit traute der Mensch seinem «besten Freund» immer mehr Aufgaben zu. Heute sind die Kooperationen vielfältig und komplex. Ein Beispiel für das breite Spektrum ist Nala. Die dreieinhalbjährige Labrador-Retriever-Hündin ist ein Epidog. Im Babyalter von nur gerade zehn Wochen suchte sich Nala ihr neues Zuhause aus. Und bereichert seit Juni 2015 das Leben der vierköpfigen Familie Sgarilli aus Biberist SO. «Es war quasi gegenseitige Liebe auf den ersten Blick», erinnert sich Mutter Anita (38). «Als wir Nala kurz nach ihrer Geburt in Deutschland besuchten, war sie der einzige Hund des Wurfes, der richtig an uns interessiert war, und auch für uns war sie die absolute Wunschkandidatin.» Die Züchterin habe Nala dann in den Kinderwagen zu Noa gelegt und dieser habe sich sofort beruhigt. «Da wussten wir: Das passt!», sagt Vater Marco (41).

Seit Hündin Nala eingezogen ist, hat sich der ganze Gesundheitszustand von Noa verbessert.

Epidog Nala ist für den schwerbehinderten Noa wie auch für die ganze Familie ein wichtiger Freund und Helfer.

Noa ist der Jüngere der beiden Söhne der Sgarillis. Elia (8) besucht die dritte Klasse, Noa (5) ist seit Geburt schwerstbehindert. «Er besitzt quasi nur eine funktionierende Hirnhälfte», klärt die Mutter auf. Hinzu kommen starke epileptische Anfälle. «Zu Spitzenzeiten waren das bis zu fünfzig am Tag», sagt Vater Marco. Hat Noa einen solchen, leckt Nala ihn zwischen Nase und Oberlippe und legt sich danach zu seinen Füssen. «Dann weiss ich, dass der Krampf bald vorbei und Noa in guten Pfoten ist», sagt die Mutter. Nala zeigt auch an, wenn ein Ausbruch bevorsteht. «Sie macht dann stark auf sich aufmerksam.» Auch Noas verkrampftes Handgelenk bringe die Hündin durch Knabbern und Lecken wieder zur Entspannung. Doch nicht nur bei Anfällen ist Nala eine Hilfe. Mit dem Einzug der Hündin hat sich Noas gesamter Gesundheitszustand verbessert. Sein Immunsystem wurde stärker.

«Epilepsie-Therapiehunde haben eine gute Beobachtungsgabe», sagt Madlaina Blapp, die gerade bei Sgarillis zu Besuch ist, und erklärt: «Sie reagieren auf Zeichen wie beispielsweise erhöhte Muskelspannung oder Veränderung bei der Ausdünstung des Betroffenen, die einem Anfall vorausgehen.» Die 44-Jährige ist im Vorstand des Vereins «Epidogs for Kids». Dieser unterstützt betroffene Familien bei der Anschaffung und Ausbildung von Epilepsie-Begleithunden und finanziert bei Bedarf deren Ausbildung mit. «Denn», sagt Blapp, «IV und Krankenkasse zahlen leider nichts, da man die Wirkung der Hunde auf die Kinder nicht wissenschaftlich beweisen kann.»

Anfänge als Wach- und Schutzhund

Wie eine der neuesten genetischen Analysen im Fachmagazin «Nature Communications» bekräftigt, fand der «Übergang» vom Wolf zum Hund schon vor 20 000 bis 40 000 Jahren statt. Diverse Studien gehen zudem davon aus, dass es Jäger und Sammler waren, die einst damit begonnen haben, Wölfe zu zähmen und damit die Entwicklung zum Hund vorantrieben. Schon seit langer Zeit also, steht der Hund dem Menschen als Freund und Helfer zur Seite. Anfänglich diente er seinen Haltern als Wach- und Schutzhund und gab mit lautem Gebell an, wenn Gefahr drohte.

Romana Düring mit Schnüffelhund «Zwerg». «Er wird einmal ein ganz Grosser», ist die Polizistin überzeugt. 

Daran zweifelt auch Korporal Tobias Erzer nicht.

Diesem «Jobbeschrieb» soll auch Forrest von der Burg Schwarzsee, umgangssprachlich «Zwerg» genannt, in Zukunft nachkommen. Der sechs Monate alte Deutsche Schäferhund mit den (für seine Grösse) etwas zu langen Ohren ist ein angehender Diensthund. Bei der Sondereinheit Sirius der Polizei Basel-Landschaft wird er bald schon auf Verbrecherjagd gehen. «Aber nur, wenn er sich in der Ausbildung gut anstellt», sagt Hundeführerin Romana Düring und lächelt.

Vielseitig mit stabilem Charakter

Die 33-jährige Polizistin hat jedoch keine Bedenken. «Bis jetzt macht er es gut.» Er sei neugierig und offen und besitze die typischen Schäferhund-Eigenschaften: Vielseitigkeit bei stabilem Charakter. «Denn das Schwierige», fährt Düring fort, «ist bei einem Polizeihund, dass sein Verhalten im Dienst wie auch im Privaten ‹verhebt›.» Aus diesem Grund arbeitet sie in der Ausbildung nicht aggressiv, sondern ausschliesslich mit Belohnungen. «Goodies, Spiel und Spass stehen klar im Vordergrund», erklärt die Polizistin, während Forrest neben ihr sitzt und laut winselnd darauf wartet, dass es endlich losgeht.

Auf dem Übungsplatz bei Liestal BL steht an diesem Tag das Schutzhund-Training auf dem Programm. «Die Grundlagen-Ausbildung», sagt Romana Düring. Dabei arbeiten die Hunde an ihren Fähigkeiten zur Verfolgung von Fährten, der Suche nach flüchtender Täterschaft oder für den Einsatz bei gefährlichen Verhaftungen. Nach bestandener Abschlussprüfung dürfen einige Hunde der Sondereinheit Sirius noch in die Zusatzlehre als «Betäubungsmittelspürhund». Dort werden ihre Sinne für die Suche nach Drogen in Fahrzeugen, Gebäuden oder im Gelände geschärft. Auch Forrest von der Burg Schwarzsee ist dafür vorgesehen. Und wenn seine Nase so gut ist, wie seine Ohren lang sind, wird ihm da wohl nichts im Wege stehen.


Kurz und bündig

  • Die erste «Arbeit» von Hunden bestand im Bewachen.
  • Die Ausbildung zum Geländesuchhund dauert rund 3 bis 5 Jahre.
  • Auch im Polizeihunde-Training wird nur mit Belohnungen gearbeitet.
  • Neben den im Text vorgestellten Hunden gibt es viele weitere «Helferhunde»: Signalhunde (für Hörbehinderte), Blindenhunde, Autismus-Begleithunde sowie diverse Assistenzhunde für Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen.