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Titelgeschichte

Auf Talfahrt

Die Bedeutung des Skisports als Freizeitaktivität nimmt in der Schweiz ab. Dabei tut der Sport im Schnee Körper, Geist und Seele gut. Das weiss niemand besser als Sonja Nef. Ein Skitag mit der Riesenslalom-Weltmeisterin auf der Piste.

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Rainer Eder
28. Januar 2019

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Skilift Mittenwald am Flumserberg SG. Sonja Nef soll während der Fahrt nach oben erklären, weshalb sie auch 13 Jahre nach ihrem Karriereende immer noch bis zu fünfmal in der Woche auf den Ski steht. Die 46-jährige Appenzellerin zeigt mit dem Stock auf den Pulverschnee, der sich so üppig wie schon lange nicht mehr auftürmt. Dieser Anblick wäre schon Argument genug, doch die Riesen­slalom-Weltmeisterin von 2001 gibt sich damit nicht zufrieden. «Mit der Familie ist es besonders schön auf den Ski. Wir verbringen wertvolle Zeit miteinander und tun etwas Gutes für uns.»

An diesem Tag ist Nef mit ihrem Sohn Julian (5) und seinem Cousin Mike (8) im Wintersportgebiet unterwegs. Trotz des schönen Wetters sind nicht viele Skifahrer auf der Piste; nichts Ungewöhnliches für einen Wochentag im Januar. Im Februar, in der Zeit der Schulferien, wird es an den Hängen von Skifahrern nur so wimmeln. Und trotzdem – im Langzeitvergleich verbringen die Schweizer immer weniger Zeit auf den Ski. Vico Torrianis (1920–1998) Hit «Alles fährt Ski» von 1963 stimmt so nicht mehr. Messen lässt sich dies anhand der Ersteintritte bei den Skistationen; wenn also ein Skifahrer an einem Tag ein erstes Mal das Drehkreuz passiert. Der diesjährige Winter begann zwar sehr gut, und auch die vorherige Saison war mehr als ordentlich, aber im Zehnjahresvergleich hat die Zahl der Ersteintritte um ein Fünftel abgenommen – von 29 Millionen (Saison 2008/2009) auf 23,4 Millionen (2017/2018) Skitage.

Die Konkurrenz ist gestiegen

 Es gibt verschiedene Szenarien, wie es mit dem Skisport weitergehen wird - eines sieht vor, dass er sich neu erfindet.

Sonja Nef und Julian.

  Hoher Spassfaktor: Skilehrerin Cynthia Gäumann mit den Skikids.

Wirtschaftsprofessor Pietro Beritelli (51) von der Universität St. Gallen kann diesen Trend aufgrund einer Nachfragestudie nur bestätigen. Er selber ist ein begeisterter Skifahrer. Trotz aller wissenschaftlichen Objektivität, die er an den Tag legen muss, stellt er fest, «dass sich meine Befürchtungen in der Umfrage bewahrheitet haben. Der Wintersport in den Bergen verliert an Bedeutung». Aus mehreren Gründen: Die Auswahl der Freizeitbeschäftigungen hat enorm zugenommen, gleichzeitig werden viele von ihnen als weniger aufwendig wahrgenommen. Wer Ski fahren geht, muss die Ausrüstung kaufen oder mieten, er muss Ski schleppen, anreisen, am Lift warten, manchmal garstiges Wetter ertragen. «Da fragen sich natürlich viele», so Beritelli, «ob sie nicht lieber an eine warme Badedestination reisen, erst recht, da diese Fernreisen immer billiger werden.»

«Skifahren sollte man ärztlich verschreiben können.»

Hans Flatscher, 50

Beritellis Analyse kommt auch zur Erkenntnis, dass die breite Sozialisierung von Kindern und Jugendlichen mit dem Skifahren bis in die späten 1980er-Jahre stattgefunden hat; das waren die Zeiten, als man mittags nach Hause rannte, um Skirennen zu schauen. Danach schwindet das Interesse zunehmend. Bei den Skifahrern ab Jahrgang 2000 und jünger ist die Bedeutungsabnahme gar überproportional. Beritelli: «Wenn diese Jahrgänge einmal selber Kinder haben, gehen sie nicht mehr automatisch in die Skiferien, so wie dies die Familien früher getan haben.» Gerade die Familie aber ist absolut zentral, damit die Kinder mit dem Skifahren in Kontakt kommen und diesen Sport weiter ausüben.

Sonja Nef erinnert sich, dass sie als Kind von November bis März jeden Tag gleich vor der Haustür in Grub AR den Skilift nehmen konnte. Heute fällt besonders in den tieferen Lagen weniger Schnee; gemäss einer Studie von Credit Suisse wird wegen des Klimawandels 2035 nur noch ein Drittel der Skigebiete schneesicher sein. Die Skibegeisterten müssen weiter fahren, um zu ihrem Spass zu kommen.

Beliebteste Sportarten

So viele machen mit

  • Wandern, Bergwandern: 44,3 %
  • Radfahren: 38,3 %
  • Schwimmen: 35,8 %
  • Skifahren: 35,4 %
  • Jogging, Laufen: 23,3 %
  • Fitnesstraining, Aerobics: 15,4 %
  • Turnen, Gymnastik: 8,8 %
  • Fussball: 7,8 %
  • Tanzen: 7,8 %

Statistik: Bundesamt für Sport

«Nicht jeder ist bereit dazu», sagt Nef, die in Mörschwil SG wohnt und mit dem Auto bis Flumserberg eine Stunde benötigt. Sie selber nimmt den Aufwand gerne in Kauf. Die Familie Flatscher-Nef lebt den Skisport. Ihre beiden Töchter Sophia (12) und Anna (11) trainieren in einem Club, ihr Mann Hans Flatscher, langjähriger Chef der Schweizer Ski­frauen, ist für den Nachwuchs von Swiss-Ski ebenfalls viel im Schnee unterwegs.

Der 50-jährige Österreicher weilt gerade in Adelboden BE. Nun sagt er am Telefon: «Die grosse Herausforderung wird sein, wie man die nächsten Generationen zum Skifahren bringt.» An fehlenden Bemühungen der Bahnen kann es nicht liegen. «Da wird extrem viel getan, es gibt heute Sessellifte mit Sitzheizung, die Gondeln werden bequemer, die Pisten immer besser präpariert.» Vielleicht müsse man zuerst beim Skisport als Gesundheitsfaktor ansetzen; die richtige Work-Life-Balance ist ja das grosse Thema unserer Zeit. Wer täglich stundenlang im Büro sitze, so Flatscher, der könne sich nichts Besseres gönnen, als am Wochenende auf den Ski die Sonne zu geniessen. Skifahren sei ein wunderbares Mittel, damit es einem besser gehe. «Vielleicht», meint er, ohne dass auch nur ein bisschen Ironie herauszuhören ist, «vielleicht sollte man das Skifahren ärztlich verschreiben können.»

Was Flatscher andeutet, haben Studien der österreichischen Universitäten Innsbruck und Salzburg wissenschaftlich erhärtet. Skifahren ist gut für Seele, Geist und Körper.

Glückshormone werden ausgeschüttet. Zudem verbessert der Skisport durch das Multitasking – man muss auf den Ski mehrere Handlungen gleichzeitig ausführen – die motorischen, koordinativen und kognitiven Fähigkeiten, was bei Kindern besonders wichtig ist. Auch das Herz-Kreislauf-System sowie Muskeln und Gelenke profitieren vom Gesamtkörpertraining auf den Ski. Eine Skiwoche soll zudem das Risiko eines erhöhten Cholesterinspiegels bei Männern um bis zu 30 Prozent senken. Alles Argumente, um bei der nächstbesten Gelegenheit auf die Ski zu stehen.

Den Gegentrend einleiten

Die Skigebiete und Schweiz Tourismus unternehmen ihrerseits einiges, um Skifahrer anzulocken. Maurice Rapin (40), Leiter Tourismus bei Seilbahnen Schweiz, erwähnt als Beispiel die flexiblen Preise, auf die einzelne Skigebiete vermehrt setzen. Oder Aktionen wie «GoSnow»: Diese will den Schneesport in der Schweiz fördern, indem sie die Organisation von Schneesportlagern vereinfacht; in den letzten Jahren nahm deren Zahl stetig ab, «GoSnow» soll einen Gegentrend einleiten.

Mit «Kids for free» und 13 000 verschenkten Wochentickets versuchte Schweiz Tourismus in den letzten Monaten speziell Kinder auf die Piste zu locken. Bei einer anderen Aktion zusammen mit den SBB soll das Gepäck direkt zu Hause abgeholt und an den Skiort transportiert werden. Wie sehr solche Initiativen nützen, wird sich zeigen. Maurice Rapin will nicht schwarzmalen. «Ein Szenario ist laut Avenir Suisse, dass Skifahren sich neu erfindet und ein Comeback feiert.» So wie das Langlaufen, das nach Jahren des Kriechgangs dank der neuen Skatingtechnik quasi vom Totenbett wieder auferstand.

Laut dem Think Thank ist aber auch ein gegenteiliges Szenario möglich: der schleichende Niedergang des Skisports. Mit unangenehmen Folgen: Die Tourismusinfrastruktur erodiert in diesem Fall zunehmend – nach Unterschreitung der kritischen Masse beschleunigt sich der Zerfallsprozess. Die Berggebiete verlieren ihre Haupteinnahmequelle; heute wird jeder fünfte Franken im Berggebiet durch den Tourismus generiert, jede vierte Person arbeitet direkt oder indirekt für ihn.

«Das Gesellige ist sehr wichtig beim Skisport.»

Sonja Nef, 46

Zurück auf die Piste, weg von möglichen Problemen. Hier am Flumserberg scheint die Welt noch in Ordnung. Beeindruckend, wie flott Sonja Nef immer noch auf den Ski unterwegs ist. Neun Knieoperationen hatte sie sich während ihrer Karriere unterziehen müssen. Mitte der Neunzigerjahre rieten ihr die Ärzte zum Karriereende. Mit einem eigenen Betreuerteam und einem auf sie ausgerichteten Trainingsprogramm konnte sie weiter Ski fahren – 2001 wurde Nef Weltmeisterin. Heute spürt sie das Knie hin und wieder, was sie nicht daran hindert, dass sie Gruppen zu Skiausflügen begleitet. Das Interesse sei gross, sagt sie, «die Begeisterung im Schnee und nachher beim Après-Ski riesig». Das Gesellige sei sehr wichtig beim Skisport.

Auf viel Abwechslung achten

Die Kids in der Skischule beim Tannenboden sind währenddessen ganz mit sich selbst beschäftigt – und mit der rutschigen Unterlage. Hier wird wertvolle Basisarbeit geleistet. Je besser ein Kind das Skifahren erlernt, desto grösser die Chancen, dass es später dabeibleibt. «Aber nur, wenn es Spass auf den Ski hat», sagt Cynthia Gäumann, angehende Primarlehrerin aus Arboldswil BL. Die 22-Jährige arbeitet bis Ende März als Skilehrerin am Flumserberg. Sie ist eine blendende Verkäuferin ihres Sports. Voller Enthusiasmus nennt sie eine Vielzahl an einfachen Rezepten, wie man die Kleinen fürs Skifahren begeistert. In den Skikursen gehöre viel Abwechslung – Fahrten durch Wäldli, über einen Parcours oder kleine Schanzen – dazu und sicher ein Skirennen. «Skifahren bedeutet Adrenalin. Die Kinder wollen die Ski laufen lassen. Das soll man, bei aller Sicherheit, ruhig zulassen.» Gute Erfahrungen hat Gäumann mit dem Erzählen von Geschichten gemacht, in die sie das Skifahren verpackt. «Da sind der Fantasie und Kreativität keine Grenzen gesetzt.» Hauptsache, wiederholt sie ein weiteres Mal, «die Kinder freuen sich, wenn sie auf die Ski stehen dürfen».

Julian braucht keine Skischule, bei diesen Eltern. Nun ist ihm Sonja Nef allerdings mehrheitlich hinterhergefahren. Er bestimmt, wo’s lang geht. Keine Frage, Julian wird in Zukunft noch viele Stunden auf dem Berg verbringen. 


Kurz und bündig

  • Die Schweizer stehen weniger oft auf den Ski als vor zehn Jahren: ein Minus von 21 Prozent.
  • Skifahren ist sehr gesund, wie mehrere Studien nachgewiesen haben.
  • Skifahren verbessert die koordinativen, motorischen und kognitiven Fähigkeiten.
  • Auch das Herz-Kreislauf-System profitiert, ebenso Muskeln und Gelenke.
  • Die Zukunft des Skisports: Alles ist möglich – schleichender Niedergang oder Comeback.