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Titelgeschichte

Der Hüter der Zeit

Zeit ist unfassbar. Zeit ist unaufhaltsam. Das Einzige, was Zeit für uns konkret macht, ist die Uhr. Dass die berühmteste Uhr der Schweiz immer pünktlich geht, dafür sorgt Markus Marti, der Uhrrichter des Zytglogge-Turms in Bern.

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FOTOS
Heiner H. Schmitt, Alamy, Keystone, ZVG
16. September 2019

Um die Zeit zu korrigieren, hält Marti die 149-Kilo-Mörserkugel an und schiebt sie später wieder an.

Tick, tick – im Herz des Zytglogge-Turms herrscht nur ein Geräusch. Es ist das Geräusch, das für uns die Zeit symbolisiert. Aber nur für die zivilisierte Welt. Die Naturvölker orientieren sich immer noch am Sonnenstand – genau wie die erste bekannte Uhr, die Schattenstäbe der Sumerer und Ägypter um 3000 v. Chr. Schon früh war es das Bedürfnis der Menschen, Zeit abzubilden. Inzwischen ist die Uhr in der westlichen Gesellschaft dermassen dominant geworden, dass Zeitforscher Ivo Muri (60) sagt: «Wir kennen den Unterschied zwischen der Zeit und der Uhr nicht mehr.» 

Draussen hat sich eine Menschentraube von beachtlicher Grösse gebildet. Es geht auf elf Uhr zu, die Touristen warten mit gezückten Handys auf das Figurenspiel der berühmtesten Uhr der Schweiz. Dann plötzlich gerät das Uhrwerk in Bewegung, ein Blasebalg lässt den Hahn krähen, dreieinhalb Minuten vor elf Uhr. «Er kündigt an, dass bald wieder eine Stunde des Lebens abgelaufen ist», sagt Markus Marti. Der 75-Jährige kennt das Wahrzeichen von Bern wie kein Zweiter: Seit 41 Jahren amtet er als Zytglogge-Richter.

Der Kalender des 15. Jahrhunderts

Kurz und bündig

  • Die Geschichte der Zeitmessung geht auf die Sonnen- uhren der Ägypter vor rund 3000 v. Chr. zurück.
  • Weltweit richten sich seit 1972 alle Uhren nach der koor- dinierten Weltzeit UTC.
  • Die Uhr im Berner Zytglogge-Turm von 1405 ist eine der letzten Turmuhren mit einem Astrolabium, das die Himmelsbewegung abbildet.
  • Die Wissenschaft ist sich nicht einig, ob die Zeit absolut (Quantenphysik) oder relativ (Relativitätstheorie) ist.

Schon im Jahr 1405 versammelten sich die Menschen am Zytglogge-Turm und schauten staunend auf die mächtige, neu installierte astronomische Monumentaluhr mit dem Astrolabium, das den sich drehenden Himmel abbildet. Aber nicht, um das Schauspiel zu filmen und auf den sozialen Medien zu posten. Sie informierten sich darüber, wie sich der Sonnenstand entwickelt und wann die Jahreszeiten wechseln. Da der Buchdruck erst um 1450 erfunden wurde, gab es noch keine Kalender. So orientierten sich die Bauern beim Besuch des Markts vor dem Zytglogge-Turm am Astrolabium darüber, wann sie ihr Saatgut aussäen oder die Ernte einholen sollen.

Solches können wir uns heute, da wir kurz aufs Handy schauen, um die Zeit oder gar die Wetterprognose zu checken, kaum vorstellen. Doch trotz allen Fortschritts haben wir eines mit jenen mittelalterlichen Menschen immer noch gemeinsam: Wir können die Zeit weder anhalten noch speichern. Mit jedem «Tick» läuft eine Sekunde unserer Lebenszeit ab. Unaufhaltsam.

Vielleicht hat die Zeit deshalb die Menschen schon immer fasziniert. Während sie in der Physik ganz nüchtern als Grösse «t» behandelt wird und in der Zwickmühle zwischen Quantenphysik und Relativitätstheorie steckt, sehen die Philosophen sie als eine Abfolge von Ereignissen, so wie in Isaac Newtons (1643–1727) simpler Aussage: «Zeit ist, und sie tickt gleichmässig von Moment zu Moment.»

Ein Teil Menschheitsgeschichte

Ebenso unaufhaltsam wie die Zeit ist der Fortschritt – heute wie auch schon im 15. Jahrhundert. Denn kurz nach dem Umbau des Zytglogge von Käfig- zu Uhrturm waren Astrolabien schon nicht mehr gefragt. Und so beherbergt der Zytglogge eines von nur wenigen existierenden Exemplaren, worauf Markus Marti entsprechend stolz ist: «Nur in Prag gibt es noch eine vergleichbare Uhr. Es ist eine Ehre für mich, dass ich einen Teil Menschheitsgeschichte betreuen darf.»

Das tut er nun schon seit 1978. Damals war der Elektroingenieur bei jener Firma angestellt, die für den Unterhalt des Zytglogge-Uhrwerks zuständig war und einen Nachfolger für den pensionierten Uhrrichter suchte. «Ich meldete mich, weil ich geschichtlich interessiert war und auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag unter dem Zytglogge hindurchging», erinnert sich Marti, der heute mit seiner Frau fünfzig Meter unterhalb des Turms in einer Altstadtwohnung lebt.

Die dritte Aufgabe des Uhrrichters besteht in der regelmässigen Pflege des Uhrwerks. Rechts: Der Zytglogge-Turm mit der grossen Uhr und dem kleineren Astrolabium sowie dem Figurenspiel darunter.

Seither spaziert er mindestens drei Mal pro Woche die kurze Strecke zum Turm und waltet seines Amtes. Das Uhrwerk im Zytglogge-Turm gehört zu den mechanischen Uhren, die um das Jahr 1300 von christlichen Mönchen, den ersten mitteleuropäischen Uhrmachern, erfunden wurden. Das ehrwürdige Alter von über 600 Jahren erklärt auch, warum das Zytglogge-Uhrwerk täglich aufgezogen werden muss. «Die Uhr hat etwa eine Laufzeit von 28 Stunden, also müssen wir sie nicht jeden Tag zur gleichen Zeit aufziehen», sagt Marti. «Wir», das sind er und zwei Vertretungen, die sich die Wochentage sowie die Ferien aufteilen.

Die Arbeit ist nicht schwer oder zeitraubend, aber sie muss getan werden, sollen die Touristenscharen nicht vergebens auf das Figurenspiel warten. Der Uhrmechanismus besteht aus einem Gehwerk für die Tageszeit und vier Schlagwerken: je einem für die Glockenschläge, den Hahn, die Bären und die Figur von Chronos, dem Gott der Zeit. Jedes Werk wird angetrieben von einem Gewicht in maximal 14 Metern Höhe, das eine Seilrolle im Takt des grossen Pendels Zahn für Zahn abwickelt – daher das Ticken. Ist das Gewicht unten angekommen, steht die Uhr still. «Das ist in meinen 41 Jahren als Uhrrichter höchstens drei, vier Mal passiert», betont Marti.

Maximal 30 Sekunden Abweichung

Die Zeit, nach der sich alle Uhren richten, war lange die «Greenwich Mean Time» (GMT). Der Grund dafür? Reine Willkür. 1884 machte man an der «Internationalen Meridian-Konferenz» den Längengrad, der durch das Observatorium Greenwich im Süden Londons verläuft, kurzerhand zum «Null-Meridian», an dem sich alle Längengrade und Zeitzonen rund um den Globus ausrichten. Wie ein Treppenwitz liest sich dann der Messfehler, den im GPS-Zeitalter jeder Tourist mit seinem Smartphone feststellen kann: Der Null-Meridian verläuft exakt 102 Meter neben der Sternwarte in Greenwich.

Erst 1972 wurde die GMT dann durch die koordinierte Weltzeit (UTC) abgelöst, welche die Atomzeit mit der astronomisch gemessenen Zeit abgleicht. Und nach dieser richtet sich auch die Zytglogge-Uhr. Weil deren eiserne Bestandteile sich bei Wärme ausdehnen und bei Kälte zusammenziehen, muss sie regelmässig gestellt werden – nicht nur bei der halbjährlichen Sommer-/Winterzeitumstellung. Dazu hält Marti die Pendelkugel aus dem 17. Jahrhundert an, korrigiert die Zahnräder und schwingt die Kugel dann wieder an. «Ich habe mir selbst auferlegt, dass die Uhr nie mehr als 30 Sekunden von der richtigen Zeit abweicht», verrät Marti.

«Für mich stellt die Zeit die Vergänglichkeit des Lebens dar.»

 

Nach dem letzten Glockenschlag kräht der Hahn erneut. «Eine neue Stunde des Lebens hat begonnen», sagt Marti. Zumindest im Zytglogge-Turm ist der gebürtige Seeländer der Herrscher über die unfassbare Grösse Zeit. Doch auch für ihn läuft sie nicht schneller oder langsamer. «Für mich stellt die Zeit die Vergänglichkeit des Lebens dar: Ein Ereignis folgt auf das andere und ergibt schlussendlich ein ganzes Menschenleben», meint Marti. «Aber ich bin nicht besonders philosophisch.» Dabei zitiert er quasi den Philosophen Isaac Newton. 

Interview

Was macht eigentlich ein Zeitforscher?

Ivo Muri (60), einst Unternehmer, heute Zeitforscher erklärt, was Zeit wirklich ist. Hier geht's zum Interview

 

Die Entstehung der Uhr

3000 v. Chr. Sonnenuhr
Die erste Sonnen- bzw. Schattenuhr war der ägyptische Obelisk. Im Bild: eine ägyptische Treppenuhr.

500 v. Chr. Wasseruhr
Die griechische Klepsydra: Aus dem oberen Behälter fliesst Wasser langsam in den unteren – der Pegel zeigt die vergangene Zeit an.

996 n. Chr. Mechanische Uhr
Die erste vermerkte Uhr wird in Magdeburg (D) errichtet. Christliche Mönche waren die ersten mitteleuropäischen Uhrmacher.Und täglich grüsst der Zytglogge: Uhrrichter Markus Marti muss die vier Uhrwerke spätestens alle 28 Stunden einzeln von Hand aufziehen.

1920  Automatik-Armbanduhr
Das 1770 entwickelte Prinzip der rotierenden Schwungmasse setzte sich dank der Armbanduhr durch.

1868 Armbanduhr 
Weil die um den Hals hängenden Uhren beim Kochen störten, entwickelte der Brite John Webber eine Armbanduhr für Frauen. 

1475 Erste Erwähnung von Minuten- und Sekundenzeigern
Die ersten Uhren mit Minuten- und Sekundenzeigern gab es in Deutschland, doch sie waren ungenau. Erst mit der Entwicklung des Pendels änderte sich dies. 

1338 Sanduhr
Auf einem Fresko von Ambrogio Lorenzetti (1290–1348) in Siena (I) erscheint die erste Sanduhr. Bis 1750 bestanden sie aus zwei einzelnen Glaskolben. 1206 Astronomische Uhr/Astrolabium Der muslimische Astronom Al-Jazari (1136–1206) entwickelte ein wassergetriebenes Gerät, das die Zeit anzeigte und zur Navigation diente.

1927 Quarzuhr
 47 Jahre nach Entdeckung der Eignung des Schwingquarzes als Taktgeber für eine Uhr wurde im Bell-Telefon-Labor in Kanada die erste Uhr mit Quarzwerk gebaut.

1949 Atomuhr 
Der US-Physiker Isidor Rabi (1898–1988) entwickelte die Zeitmessung aufgrund der Drehbeschleunigung von Atomen. Die Atomuhr weicht über Tausende von Jahren nur wenige Sekunden ab.

1972 Digitaluhr 
Die Schweizer Firma Longines entwickelte die erste Digitaluhr mit Flüssigkristall-Anzeige (LCD), die bis zu 30 000 Mal weniger Strom verbrauchte als herkömmliches LED.

2003 Smartwatch 
Microsoft-Gründer Bill Gates (63) stellte zehn Jahre nach der Handyuhr mit eigener SIM-Karte die erste Uhr vor, die Informationen aus dem Internet visualisieren konnte. Die «SPOT»-Uhr setzte sich aber nicht durch, sondern wurde von der Konkurrenz überholt.

Der Mayakalender – ein bemerkenswerter Zugang zum Thema Zeit

Die Mayas haben nicht nur beeindruckende Bauten und Städte hinterlassen, sondern auch ein unglaublich komplexes Kalendersystem – Sie waren wahre Meister der Zeit. Mit ihrem zyklischen Zeitverständnis ermöglichen sie uns auch in unserem Alltag unsere Zeit mit ganz neuen Augen zu betrachten. 

 

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