X

Beliebte Themen

Titelgeschichte

Die Macht der Farben

Sie sind so viel mehr als einfach nur die optische Aufpeppung unserer Umgebung. Farben beeinflussen unser Denken und unser Handeln ebenso wie unsere Gefühle.
 

FOTOS
Heiner H. Schmitt
01. April 2019

Pinker Härdöpfelstock mit blauem Seeli! Niemand käme auf die Idee, so etwas zu essen. Denn der Mensch hat gelernt, dass Kartoffelbrei nicht pink ist und die Sauce nie im Leben blau. Die ungewöhnlichen Farben machen misstrauisch, legen den Schluss nahe, dass mit dem Gericht etwas nicht stimmt. Bereits für unsere Urahnen waren Farben auf der Nahrungssuche eine wichtige Informationsquelle. Dank diesen lernten sie – zusammen mit ihrem Geruchs- und Geschmackssinn – Geniessbares von Ungeniessbarem zu unterscheiden. Das Auge isst also aus gutem Grund mit.

Farben beeinflussen uns nicht nur beim Essen. Sie finden sich überall in unserer Umgebung – und wirken permanent bewusst oder unbewusst auf uns ein. «Sie sind identitätsstiftend», sagt Marcella Wenger (58), Co-Leiterin des Instituts für Gestaltung in Handwerk und Architektur am Haus der Farbe in Zürich. «Eine Farbwahl verrät einiges über unsere Absichten.» Darüber hinaus sind Farben Werkzeuge. «Sie werden gezielt eingesetzt, um eine bestimmte Wirkung zu generieren», erklärt Marcella Wenger. Es gebe «laute» Farben wie Giftgrün oder Grellgelb, die auffallen. Die Farbe fungiert hier also als Signal. Ein giftgrüner oder leuchtoranger Post-it-Zettel ist zwar nicht gefährlich, soll aber Aufmerksamkeit erregen.

Heilende Farben

In der Farbtherapie (Chromotherapie) wird den Farben eine Heilwirkung zugeschrieben. 

  • Rot: Regt den Stoffwechsel an und fördert die Durchblutung
  • Orange: Wirkt stimmungsaufhellend und appetitanregend
  • Gelb: Gut fürs Nervensystem, wirkt stimmungsaufhellend
  • Grün: Wirkt harmonisierend und hilft bei psychischen Belastungen
  • Blau:  Hilft bei Entzündungen, Sonnenbrand, Schmerzen und Bluthochdruck zum Einsatz
  • Violett: Wirkt geistig und seelisch anregend
  • Braun: Wirkt besänftigend und vermittelt Halt
  • Schwarz: Vermittelt seelischen Halt und Stärke
  • Grau: Wirkt depressiv und energieraubend
  • Weiss: Verfügt über nur wenig eigene Wirkung, kann andere Farben abmildern

Vor allem aber befasst sich Marcella Wenger mit der Farbgebung in der Architektur. «Es ist ein grosser Unterschied, ob ich ein Farbkonzept für private oder öffentliche Innenräume entwickeln muss», sagt sie. Private Räume können alle nach ihrem Geschmack gestalten – es kann so bunt, so schrill, so dunkel oder so langweilig sein, wie die Bewohner es möchten. «Die Hausfassade hingegen betrifft immer die Öffentlichkeit, deshalb muss sich die Farbgebung in die Umgebung einfügen.»

Besonders in öffentlichen Innenräumen wird Farbe zur Strukturierung eingesetzt. Sie hat oft eine bestimmte Funktion, soll die Menschen leiten, sie auf Dinge aufmerksam machen, etwas in den Hintergrund rücken oder aber in den Vordergrund stellen.

Bei Firmen und Produkten ist die Farbgebung Teil des Marketings. Coop etwa entschied sich 1960 für ein oranges Logo. Warum damals gerade diese Farbe gewählt wurde, lässt sich nicht mehr eruieren. In der Farbpsychologie wird Orange jedoch Eigenschaften wie «jung» oder «frisch» zugeordnet.

Farben werden gezielt eingesetzt, um eine bestimmte Wirkung zu erzeugen.

Ebenfalls kein Zufall ist der Name einer Farbe. «Er hat grossen Einfluss darauf, wie sie wahrgenommen wird. Man kann denselben Braunton Kakao oder Kacke nennen oder den gleichen Orangeton Apricot oder Lachsrot», erklärt Wenger. Bei manchen Farben weist der Name sogar auf ihre Funktion hin: beispielsweise «Cool Down Pink», «Energy Red» oder «Relaxing Blue». Nur ein guter Werbe-Kniff? «Es ist funktionierendes Marketing, das heisst, die geschickte und gezielte Anwendung des Potenzials, das in den Farbtönen steckt», erklärt der Farbpsychologe Prof. Harald Braem (74). «Natürlich muss man dem Kind einen Namen geben, der das Produkt magisch auflädt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass diese Farbtöne hervorragend funktionieren, wie viele Studien beweisen.»

Sehen und gesehen werden

Genau genommen existiert Farbe überhaupt nicht, es handelt sich vielmehr um elektromagnetische Strahlung. Ihren sichtbaren Anteil, der im Wellenlängenbereich von etwa 400 bis 750 Nanometer liegt, nennen wir Licht. Die unterschiedlichen Farben von Objekten gehen meist auf das Aussenden sowie auf die Reflexion von Licht zurück. Dass der Mensch Farben sieht und unterscheidet, fusst auf drei lichtempfindlichen Farbsehpigmenttypen in der Netzhaut. Diese nehmen die unterschiedlichen Lichtwellenlängenbereiche wahr, und das genügt, um jeden Farbton «zusammenzumischen» und dem Hirn über den Sehnerv den Sinneseindruck «Farbe» zu vermitteln. Ein weiteres Pigment ermöglicht das Hell-Dunkel-Sehen bei Dämmerlicht.

Genau genommen existiert Farbe überhaupt nicht, es handelt sich vielmehr um elektromagnetische Strahlung.

 

Etwa fünf Prozent der Menschen in der Schweiz oder circa 420 000 sind farbenblind. Weltweit sind es 180 Millionen. Es gibt verschiedene Arten: Bei totaler Farbenblindheit nimmt das Auge nur Schwarz, Weiss und Graustufen wahr. Bei teilweiser Farbenblindheit erkennen Betroffene nur eine Farbe oder es werden zwei Farben verwechselt: Bei Rotblindheit sind dies Rot und Grün sowie Blau und Grün, bei Grünblindheit Grün und Rot und bei Blaublindheit Hellblau und Grau, Dunkellila und Schwarz, Mittelgrün und Blau sowie Orange und Rot. Meist sind Farbsehstörungen angeboren und erblich.

Farben steuern uns

Wie sehr Farben unsere Gemütslage beeinflussen – und auch umgekehrt – zeigen verschiedene Studien. Einer Untersuchung der Universität Rochester (USA) zufolge können traurige Menschen Gelb- und Blautöne nicht mehr korrekt identifizieren, bei Rot und Grün hatten sie jedoch keine Schwierigkeiten. Die Ursache dafür ist noch unklar, es gibt jedoch Vermutungen, denen zufolge es im Neurotransmitterhaushalt der Betroffenen Veränderungen gibt, denn bei der Unterscheidung von Gelb und Blau scheint der Botenstoff Dopamin eine wichtige Rolle zu spielen. Harald Braem: «Die Macht der Farben über unsere Gefühle ist grösser, als wir denken. Wir haben über Jahrmillionen Erfahrungen mit Farben gesammelt, als archetypische Urbilder auf uralten CDs im Gehirn gespeichert. Die steuern unser Verhalten unbewusst.»

Farben können auch einen Lebensstil ausdrücken.

Eine ganz andere Art der Farbwahrnehmung ist das Phänomen der Synästhesie. Es gibt verschiedene Ausprägungen und Arten dieses Talents. Wer darüber verfügt, für den sind beispielsweise Musiktöne farbig oder geschriebene beziehungsweise gesprochene Wörter und/oder Zahlen lassen Farben erscheinen. Wie das funktioniert, ist unklar. Man vermutet, dass im Gehirn der Betroffenen ungewöhnliche Verbindungen existieren, welche die Sinne miteinander koppeln. Das Phänomen tritt bei zwei bis vier Prozent der Menschen auf. Weil es rund sechsmal mehr weibliche als männliche Synästhetiker gibt, oft auch mehrere in derselben Familie, wird angenommen, dass sich diese Veranlagung über die Mutter vererbt. Bekannte Synästhetiker sind der Maler Wassily Kandinsky (1866–1944), der Komponist Leonard Bernstein (1918–1990), die Sängerin Lady Gaga (33) oder ihre Schweizer Berufskollegin Lea Lu.

Steinalte Farbe

Die mit 1,1 Milliarden Jahren älteste Farbe fanden Forscher der Australian National University in einem Bohrkern aus der marinen Schieferlagerstätte im Taoudeni-Becken in Mauretanien. Als sie das zu Pulver verriebene Sahara-Gestein analysierten, leuchtete die Flüssigkeit im Reagenzglas pink. Die leuchtend rosa Pigmente sind die Überreste von Chlorophyll, das von Cyanobakterien produziert worden war und der Fotosynthese diente.

Der Mensch kopiert gerne die Natur. Ein südamerikanischer Vogel namens Veilchenkehlkotinga hat ein besonders schönes blaues Gefieder, das durch sogenannte Netzwerk-Strukturfarben zustande kommt. Ein internationales Forscher-Team, dem auch Wissenschaftler der ETH Zürich angehörten, kopierte dieses Prinzip, um verschiedenfarbige Beschichtungen für Metalle herzustellen. Diese sind einfacher und grossflächiger anzuwenden als vergleichbare Farben, zudem intensiver und enorm kratzfest. Dieselbe Beschichtung weist je nach Dicke der Aluminiumoxid-Schicht unterschiedliche Farben auf. Bei 12 Nanometern ist sie grün, bei 24 gelb, bei 28 orange, bei 48 blau und bei 53 violett. Die Farbe entsteht durch die Wechselwirkung des Umgebungslichts mit den Materialschichten.

Gleich und doch nicht dasselbe

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, besagt ein Sprichwort. Haben also dieselben Farben unterschiedliche Effekte auf unterschiedliche Personen? «Auf jeden Fall», sagt Marcella Wenger. «Die Menschen verknüpfen dieselbe Wahrnehmung mit unterschiedlichen Assoziationen und Empfindungen. Beachtenswert sind auch kulturelle Traditionen. So ist in Indien das Weiss roher Baumwolle Trauerfarbe und nicht Schwarz.»  

Was die Lieblingsfarbe über uns verrät

Prof. Harald Braem lüftet das Geheimnis

  • Blau: Spricht Menschen an, denen Einklang und Harmonie viel bedeuten. Darüber hinaus neigen sie zum Nachdenken und suchen anstelle von Hektik Ruhe und die Freiheit zum Träumen.
  • Rot: Damit wollen sich selbstbewusste, leidenschaftliche Menschen dynamisch durchsetzen. Viele von ihnen setzen daher bewusst den Eyecatcher Rot ein.
  • Grün- und Blautöne: Diese Menschen drücken so ihre Naturverbundenheit aus.
  • Orange: Diese Personen drücken damit fröhliches Smiley-Vergnügen aus – sie sind also aktive, lebensfrohe und körperbewusste Menschen.
  • Gelb: Steht für sonnige Menschen. Diese Farbe polarisiert aber auch leicht, besonders, wenn es in den sauren Grünbereich übergeht. Mit Gelb fällt man auf und das stört mitunter andere Leute.
  • Lila und Violett: Werden von Frauen bevorzugt, die sich damit eine sinnliche Schutzzone schaffen.
  • Schwarz: Dieser Mensch grenzt die Persönlichkeit gegen äussere Einflüsse ab und neigt zu Dominanz.
  • Weiss: Passt zu jugendlich-sportlichen Menschen, gleichgültig welchen Alters.
  • Türkis: Steht für sensible und empfindsame Menschen.
  • Grau: Hierbei handelt es sich buchstäblich um graue Mäuse, die sich im Grau verstecken und auf diese Weise unsichtbar werden.

Farbtheorie nach Johannes Itten

Es gibt mehrere Farbtheorien. Eine weit verbreitete – wenn auch nicht unumstrittene – ist jene des aus Süderen-Linden BE stammenden Malers, Kunsttheoretikers und Kunstpädagogen Johannes Itten (1888-1967). Er war in den Jahren 1919-1923 Lehrer am Bauhaus Weimar sowie 1938-1953 Direktor der Kunstgewerbeschule Zürich. Am Bauhaus entwickelte Itten einen grossen Teil seiner Farbtheorie, in der er grundlegende Ansätze anderer Denker verarbeitet, darunter jene des deutschen Dichters Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832).

In Ittens Farbkreis liegen Komplementärfarben diametral gegenüber. Mischt man zwei Komplementärfarben, entsteht dem Berner zufolge Grau. Die Farbtheorie des Schweizers kennt drei Grundfarben: Blau, Gelb und Rot. Aus diesen lassen sich drei Sekundärfarben herstellen: Grün (Gelb + Blau), Violett (Blau + Rot) sowie Orange (Rot + Gelb). Tertiärfarben entstehen durch die Mischung einer Sekundärfarbe mit einer Grundfarbe: Blaugrün, Blauviolett, Purpurrot, Orangerot, Dunkelgelb und Hellgrün.