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Goldene Zeiten

Der Sommer ist vorbei. So ein Frust! Oder etwa doch nicht? Wer genau hinschaut, hinhört, hinfühlt und hinriecht, für den oder die verwandelt sich der Herbstfrust bald in Herbstlust.

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Tobias R. Dürring
23. September 2019

O du wunderschöner Herbst, Wie du die Blätter golden färbst, Deiner reinen Luft so klar und still, Noch einmal ich mich freuen will.

 

Der hier so schwärmt, ist der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane (1819– 1898). Die Zeilen bilden die erste Strophe seines Gedichtes «Herbst». Eine der herausragendsten Eigenschaften dieser Jahreszeit sind die atemberaubend schönen Farben der Wälder. Es mutet an, als würden die sich verfärbenden Blätter die Bäume in Brand setzen. Kommen dann noch milde Temperaturen dazu, lässt sich der Altweibersommer erst recht geniessen. Mit alten Frauen hat dieser allerdings herzlich wenig zu tun, sondern vielmehr mit Spinnen: Im September und Oktober weben fliegende Spinnen lange Fäden, an denen sie durch die Luft segeln. Der Begriff «Altweibersommer» leitet sich von «weiben» ab, dem veralteten Ausdruck für weben.

Regula Gehrig Bichsel

Phänologin bei Meteo Schweiz.

Ennet dem grossen Teich heisst der Altweibersommer Indian Summer. Seine unvergleichliche Pracht zieht jährlich Millionen von Touristen in die Neuengland-Staaten der USA sowie in den Süden Kanadas. In der indianischen Mythologie stehen die gelben Blätter für die Feuer der Geister, während die roten Blätter vom Blut des grossen Bären getränkt sind, den der himmlische Jäger erlegt hat. Die Indianer nutzten die Zeit des Indian Summer für die Jagd, um sich für den herannahenden Winter zu wappnen.

Auch in der Schweiz kommt im Herbst Wildfleisch auf den Tisch. Ob Reh, Hirsch oder aber Wildschwein – Liebhaber dieser Gerichte gibt es genug. Ebenso wie Marroni-Freunde. Teilweise stammen die Marroni aus den legendären Tessiner Kastanien-Selven. Galt die Kastanie in vergangenen Zeiten als Arme-Leute-Essen, werden heute die noch verbliebenen Kastanienwälder in der Südschweiz wie ein Schatz gehegt und gepflegt. 

Frische, saftige Äpfel und Birnen gehören ebenfalls zu den Freuden des Herbstes. Obstbäume werden neben anderen Pflanzen wissenschaftlich beobachtet, denn Meteo Schweiz, das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie, verfolgt nicht nur das Wetter, sondern auch das Klima und die Jahreszeiten. Im Fachjargon heisst die Jahreszeitenforschung Phänologie. «Wir haben seit 1951 ein phänologisches Netz und verfügen über rund 160 Stationen», erklärt Regula Gehrig Bichsel (58), Phänologin bei Meteo Schweiz. «26 verschiedene Pflanzenarten werden beobachtet, um die Vegetationsentwicklung zu beschreiben. Notiert werden dabei die Eintrittstermine der sogenannten Phänophasen wie Blattentfaltung, Blüte, Fruchtreife, Blattverfärbung und Blattfall.» 

Dank dieser Daten können beispielsweise im Frühling und Sommer Pollenprognosen erstellt werden, die für Allergiker wichtig sind. «Die Resultate der pflanzenphänologischen Untersuchungen machen aber auch die Auswirkungen des Klimawandels auf die Vegetation sichtbar. So beobachten wir im Frühling eine deutliche Verfrühung der Vegetationsentwicklung», erklärt die Wissenschaftlerin. «Im Herbst dagegen sehen wir kaum langfristige Veränderungen, denn den Zeitpunkt der Blattverfärbung beeinflussen viele verschiedene Faktoren – vor allem die Temperatur, die Trockenheit und die abnehmende Tageslänge.» 

 Hagebutten gehören zu den herbsttypischen Wildfrüchten.

Mit dem deutlich früheren Frühlingsbeginn und dem leicht späteren oder gleich gebliebenen Herbstbeginn hat sich die Vegetationszeit in der Schweiz verlängert. Stephan Bader (59), Klimatologe bei Meteo Schweiz: «Grundsätzlich ist es in der Schweiz wärmer geworden. Darauf reagiert unsere Umwelt, vor allem die Pflanzen.» Typisch dafür sei etwa der frühere Eintrittstermin der Kirschblüte in der Region Basel. «Seit 1894 wird dieser in der Messstation Liestal BL registriert, und ab etwa 1990 lässt sich ein Trend zu früheren Eintrittsterminen feststellen», so Bader.

Mehr Sonnenstunden

Im Gegensatz zum Frühling hat sich der Beginn des Herbsts und des Winters kaum verändert. Dennoch ist nicht alles wie früher. «Der Herbst ist verglichen mit der Zeit vor 1980 um 0,6 Grad Celsius milder geworden», so Bader. «Zudem scheint seit dem Jahr 2000 auf der Alpennordseite die Sonne länger. Die Zunahme der herbstlichen Sonnenscheindauer liegt bei 10 bis 20 Prozent.»

Stephan Bader

Klimatologe bei Meteo Schweiz.

Mehr Sonne und Wärme und damit auch weniger Nebel und Kälte. Der Herbstblues wird also zumindest vertagt. Trotzdem ist dies keine wirklich gute Nachricht. Bader: «Ohne Klimaschutz werden sich alle Jahreszeiten weiter erwärmen, wobei die grösste Temperaturzunahme voraussichtlich im Sommer, die zweitgrösste im Herbst erfolgt.»

Ein Grund mehr, jetzt den klassischen Herbst zu geniessen. Jeder und jede auf seine beziehungsweise ihre Art. Das ist bei den beiden Experten nicht anders. «Für mich sind die Herbstfarben am schönsten. Es sind aber nicht nur die Blätter, denn auch die Beeren der Sträucher verfärben sich – der Schlehdorn zum Beispiel dunkel-blau, das Pfaffenhütchen orange und pink und die Wildrosen zeigen ihre roten Hagebutten», schwärmt Regula Gehrig Bichsel. Derweil freut sich Stephan Bader vor allem auf das, was nach dem Herbst kommt: «Es ist toll, zu spüren, wie sich die Natur nach der produktiven Sommerperiode langsam zur Ruhe legt und sich die kalte Jahreszeit ankündigt. Ich bin ein Winterfan und liebe Schnee und Eis.»


30 Möglichkeiten, den Herbst zu geniessen

Sauna
Regelmässige Saunabäder bringen das Immunsystem in Schwung, halten die Gefässe jung und elastisch, trainieren das Herz und entschlacken den Körper. 

Thermalbad
Thermalbad-Besuche bereiten den Organismus perfekt auf die nasskalte Jahreszeit vor: Sie stärken die Abwehrkräfte und kurbeln die Durchblutung an. Und: Es macht einfach Spass, im warmen Wasser zu sitzen, wenn die Luft schon kühl ist.

Sternschnuppen
Im Herbst gibts besonders viele Sternschnuppen zu beobachten – und man darf sich dabei etwas wünschen. Zu den sichtbaren Meteorströmen gehören:

  • die Tauriden (sichtbar vom 1. Oktober bis 25. November)
  • die Orioniden (sichtbar vom 2. Oktober bis 7. November)
  • die Draconiden (sichtbar vom 6. bis 10. Oktober)
  • die Leoniden (sichtbar vom 14. bis 21. November)
  • die Geminiden (sichtbar vom 7. Oktober bis 17. Dezember)
  • Mehr Infos zu den alltäglichen Aktivitäten auf www.astronomie.info 

Spaziergänge und Wanderungen
Der Herbst bringt oft perfektes Tourenwetter. Ob durch Weinberge, Wälder, über Alpen oder am See entlang: Spazieren und Wandern im goldenen Herbstlicht wärmen Herz und Seele. 

In Laubhaufen springen
Zuerst die gefallenen Blätter zusammenrechen und auftürmen – und dann mit kindlicher Freude in den Haufen springen und sich im raschelnden Laub suhlen. Da fühlt man sich in die Kindheit zurückversetzt.

Kastanientierchen basteln
Die wunderschönen Früchte der Rosskastanie sammeln und sich bei schlechtem Wetter hinsetzen und fantasievolle Tierchen daraus basteln. Oder aber aus den Kastanien und anderen Herbstboten ein kunstvolles Arrangement herstellen.

Nüsse sammeln
Weck das Eichhörnchen in dir, sammle Nüsse und freue dich während des ganzen Winters an den Knabbereien.

Pfützenspringen
Es hat wieder einmal aus Kübeln gegossen? Super! Gummistiefel montieren und voller Wonne in den Pfützen rumspringen. Macht Spass und bringt erst noch Bewegung ins Leben.

Drachen steigen lassen
Über die Wiese rennen und das Ding zum Fliegen bringen. Beim Spiel mit den Elementen den Kopf lüften, die Alltagssorgen vergessen und lachen.

Pilze sammeln
Im Wald wachsen jetzt kulinarische Schätze heran. Doch Achtung: Wer sich seiner Sache nicht absolut sicher ist, muss seine Ausbeute dem Pilzkontrolleur zeigen!

Dem Nebel entfliehen
Ins Auto, den Zug, das Postauto oder aufs Velo springen, vielleicht sogar die Wanderschuhe schnüren, auf einen Berg fahren, die Aussicht und die Sonne geniessen – und denen unter der Nebeldecke die Zunge herausstrecken.

Faulenzen
Ohne schlechtes Gewissen den ganzen Tag im Pyjama bleiben, lesen oder einen Film schauen. Wenn es draussen regnet, verpasst man eh nix.

Einkuscheln
Kuschelsocken hervorholen, sich in die Kuscheldecke einrollen und in seinem Kokon vor Wonne zergehen.

Zugvögel beobachten
Im Spätsommer und Anfang Herbst sammeln sich die Zugvögel, um gemeinsam in den Süden zu fliegen. Ein Spektakel! Wann sich welche Arten auf den Weg machen, erfährt man auf www.vogelwarte.ch/herbstzug 

Morgentau bewundern
Raus aus den Federn und sich frühmorgens auf die Pirsch machen, denn der Morgentau verwandelt die Landschaft in eine Zauberwelt. Und es kommt noch besser, denn die Bauernregel lautet: «Liegt am Morgen Tau, wird der Himmel blau.»

Beeren sammeln
Im Herbst beschenkt uns die Natur unter anderem mit Him-, Brom-, Heidel- und Preiselbeeren.

Einen Kürbismarkt besuchen
Diese Farben! Diese Formen! Kürbismärkte sind ein sinnliches Erlebnis. Aus den Kürbissen lassen sich für Halloween Fratzen schnitzen und das Fruchtfleisch zu herrlichen Suppen verarbeiten.

Konfi kochen
Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Pflaumen, Quitten, Beeren oder Trauben zu Konfitüre verarbeiten. Das ist zwar viel Arbeit, lässt einen aber die Verbindung zur Natur spüren.

Marroni braten
Die Früchte der Edelkastanien gibts nicht nur beim Marroni-Mann, sondern auch zu Hause im Cheminée oder am Lagerfeuer im Wald. 
Herz- und händeerwärmend.

Panoramazug
Im Panoramazug durch die Schweiz reisen und die herbstliche Landschaft bewundern.

Wein, Museum und Genuss
Das Weinmuseum im Schloss Aigle VD liegt inmitten einer fantastischen Weinberge-Landschaft. Und wo es Weinberge gibt, ist auch der Rebensaft nicht weit.

Fernsicht geniessen
Im Herbst herrscht oftmals die beste Fernsicht des Jahres. An einem guten Tag reicht der Blick 50 oder sogar 100 Kilometer weit. 

Plagegeister ade
Keine Mücken, Wespen und Fruchtfliegen mehr. An kühlen und kalten Tagen ist die Luft im doppelten Sinn rein.

Raclette & Co.
An Volksfesten gibt es jetzt wieder Raclette, Fondue und Glühwein statt Glace und eisgekühlte Drinks. Und zu Hause natürlich auch.

Wildtiere beobachten
Mit professionellen Guides Steinböcke, Hirsch, Bartgeier oder Biber beobachten. Mehr darüber bei Schweiz Tourismus.

Feuer und Flamme
Man kann endlich wieder ein Cheminée-Feuer anzünden, ohne gleich den Hitzetod zu sterben. Das ist nicht nur warm, sondern erst noch romantisch. Kuschelalarm!

Ausschlafen
Wenn es draussen länger dunkel ist, fällt das Ausschlafen umso leichter. 

Abtauchen
Es ist wieder kalt genug, um stundenlang bei Kerzenlicht in der Badewanne zu liegen.

Nebel geniessen
Eigentlich ist der Nebel ja ein Ärgernis. Doch alles eine Frage der Perspektive, denn er zaubert unglaubliche Bilder und Stimmungen in die Landschaft.