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Titelgeschichte

Segensreiches Kräuterfüllhorn

Als grosser Kenner unserer Heilpflanzen bekehrt einen Kevin Nobs spielend zum Heilkräutertum.

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Peter Mosimann; Herbarien der Universität Basel und der Basler Botanischen Gesellschaft
03. Juni 2019

Unterwegs mit Heilpflanzenspezialist Kevin Nobs (rechts) wird der Wald zur Open-Air-Apotheke.

Kurz und bündig

  • Von den 3000 in der Schweiz wachsenden Pflanzenarten finden gut 250 als Heilmittel Verwendung.
  • Ganz normale, bekannte Pflanzen wie die Brennnessel werden schon am längsten als Arzneimittel eingesetzt.
  • Wissenschaftlich gut belegt ist, dass Johanniskraut stimmungsaufhellend und Baldrian schlaffördernd wirken.
  • Arzneipflanzen können äusserlich oder innerlich angewendet werden, sind somit oft auch kulinarisch interessant.

Welche Palette aus Grüntönen: tausendfach abgestuft! Und der Wind, der durch die Blätter raschelt und der Duft … Doch bevor man sich anschickt, die Schönheit des Frühlingswalds womöglich in Poesie zu verwandeln, reisst einen Kevin Nobs (27) aus der meditativen Versunkenheit. «Wo man auch ist, es gilt immer zu wissen, wo der nächste Spitzwegerich wächst», sagt er. Denn ja, genau, es geht hier um einen Heilkräuterkurs. Pflanzenexperte Kevin Nobs führt seine Gruppe durch den Könizbergwald, unweit von Bern. Er schrieb schon seine preisgekrönte Maturaarbeit über Heilpflanzen. Das Pharmaziestudium brach er ab, da Pflanzen eine zu kleine Rolle spielten. So sattelte er um auf Biologie und Germanistik.

In seinem Buch «Heilpflanzen an der Emme» finden sich bei den Kräuterporträts auch kulinarische Anregungen. Als Kursteilnehmer lernen wir nicht nur, wie die Wildkräuter zu heilsamen Umschlägen oder Tees werden, sondern verarbeiten sie auch zu Speisen.

Und wieso sollten wir nun wissen, wo Spitzwegeriche wachsen? Die Erklärung des Spezialisten lautet: «Wenn man beim Spazieren von einer Biene oder Wespe gestochen wird, pflückt und zerdrückt man ein Spitzwegerichblatt so, dass Saft austritt und zerreibt es über dem Einstichloch». Wenn man das sofort macht, gibt es weder Rötungen noch Schmerzen: «Es ist dann, als wäre nichts passiert!», sagt Kevin Nobs. Wie viele Heilpflanzen enthält Spitzwegerich nicht nur ätherische Öle, Vitamine und Enzyme, sondern eben auch natürliche Antibiotika.


Spitzwegerich
(Plantago lanceolata): Frische Spitzwegerichblätter helfen sehr gut bei Insektenstichen. Das Kraut findet auch in Hustentees Verwendung. Kräuterexperte Pfarrer Künzle (1857–1945) soll damit während der Spanischen Grippe 1918 grosse Heilerfolge erzielt haben.


Rote Taubnessel
(Lamium purpureum): Die Blüten der Taubnesseln mit siedendem Wasser übergiessen, nach fünf Minuten absieben und mit Honig gesüsst trinken. Die Blüten der Roten Taubnessel sollen bei Frauenleiden und bei Entzündungen der Rachen- und Schleimhaut Abhilfe schaffen.

Tückische Brennnesseln

Die Brennnessel entlarvt sich als Wunderkraut par excellence. «Dank ihres Rufs, gegen Rheuma zu helfen, gab es schon immer Leute, die sich nackt in ein Brennnesselfeld legten», berichtet Nobs. Diese Therapie bleibt uns erspart.

Die Pflanze, die jedes Kind nach der ersten Begegnung kennt, pflückt unser Kursleiter von unten, wie wenn nichts wäre. Denn die gefürchteten Brennhaare wachsen vor allem auf der Oberseite und am Rand der Blätter. Diese Haare sind so spitz und hart, dass sie unsere Haut durchbohren und beissende Ameisensäure und Histamin injizieren können.

 
Wallwurz (Symphytum officinale): Der Tee-Aufguss aus dem blühenden Kraut oder den Wurzeln wird bei Verletzungen von Muskeln, Sehnen, Gelenken und Knochen äusserlich angewendet. Wallwurz, auch Beinwell genannt, wirkt abschwellend und schmerzlindernd.

 
Echtes Johanniskraut (Hypericum perforatum): Die im Juni blühende Pflanze trocknen und mit kochendem Wasser übergiessen. Der Tee wird bei gedrückter Stimmung, Unausgeglichenheit und 
Stimmungsschwankungen verwendet. Das Johanniskrautöl lindert Blutergüsse. 

Eine Frühlingskur mit Brennnesseltee ist laut unserem Experten sehr zu empfehlen. Die Pflanze hilft aufgrund von Flavonoiden, Kalium und von Stoffen, die die Eisenaufnahme begünstigen, beim Ausschwemmen, regt also die Nieren- und Blasentätigkeit an. «Doch mehr als ein paar Wochen lang darf man den Tee nicht trinken, sonst schwemmt man zu viel aus», verrät Nobs. Die Blätter kann man von April bis August pflücken und essen. Die getrockneten Wurzeln hingegen wirken gegen Prostatabeschwerden, wenn sie gemahlen und in Kapseln abgefüllt werden. So etwas macht Kevin Nobs aber nicht im Rahmen seiner Kurse oder botanischen Reisen, sondern in einer Apotheke in Burgdorf BE, deren Labor er leitet.

Kräuterobsession

Die heilsamen Pflanzen, die wir im Wald sammeln, sind laut Nobs zwar oft sehr aromatisch und sättigend, man muss sie aber sehr gut kennen und genau wissen, welche wie wirken. Falsch angewendet kann es zu Vergiftungen kommen. Als Beispiel nennt der Experte Bärlauch, der etwa mit Maiglöckchen oder der Herbstzeitlose verwechselt wird. Beim Sammeln ist es auch wichtig, nicht zu nah bei den Spazierwegen zuzugreifen, denn Hundemarkierungen vermeiden wir lieber. Da die meisten Hunde an der Leine sind, reicht es, einen Zehn-Meter-Abstand zum Weg einzuhalten. Und so oder so wäscht man natürlich jedes Kraut, das man pflückt, gründlich.

Nicht zu übersehen sind im Wald die Löwenzahn-, auch Mai- oder Kuhblumen genannten, späteren Pusteblumen. Über 50 Wirkstoffe enthalten sie, darunter speziell wichtig die Bitterstoffe, Vitamin C und D und Mineralien. (Zur Löwenzahn-Heilwirkung siehe links). Auch dem Giersch oder Geissfuss begegnen wir hier. Er enthält ätherisches Öl und Flavonoide und soll bei Gicht gut wirken. Man isst ihn als Salat oder trinkt ihn als Tee.


Löwenzahn
(Taraxacum officinale): Als Tee wird Löwenzahn zur Anregung des Stoffwechsels und als mildes Abführmittel eingesetzt. Zwei Teelöffel der fein geschnittenen Blätter, Stiele und Wurzeln mit kaltem Wasser aufsetzen, aufkochen, 10 Minuten ziehen lassen und absieben.


Schwarzer Holunder
(Sambucus nigra): Die getrockneten Blüten ergeben einen guten Erkältungstee. Roh sollten die Beeren nicht verzehrt werden (sie enthalten Blausäure). Doch gekocht, etwa als Gelee oder Sirup, werden den Vitamin-C-haltigen Beeren viele gute Eigenschaften nachgesagt. 

 

ALLES RUND UM

Wildkräuterdrinks

Aus der Essenz der Wildkräuter entstehen leckere Säfte und Drinks für viel Power im Alltag.

  • Mit dem Grundrezept von Carmen von Däniken gelingt der Wildkräuter-Trank auch bei ihnen. Hier geht es zum Rezept.
  • In seinem Buch «Pflanzen.Power.Drinks.» gibt Michael Isted Einblick in die Rezeptur der pflanzlichen Power-Säfte.

 

Je mehr Namen von segensreichen Pflanzen wir im Kopf haben, desto schwieriger erscheint die Abgrenzung zwischen Heil- und Nahrungspflanzen. «Die Inhaltsstoffe sind unterschiedlich, doch die Übergänge sind oft fliessend», meint die Ethno-Botanikerin Maja Dal Cero, 49 (siehe Interview weiter unten). Sie ist besonders angetan von der Arznei-Engelwurz, die einst gegen die Pest eingesetzt wurde. Sie stärkt die Verdauung und hilft bei Infektionen. Wie viele Heilpflanzen enthält auch sie ätherische Öle und Bitterstoffe. Die Engelwurz-Samen verwendet die Expertin als Gewürz.

Kevin Nobs verweist auf den Schwarzen Holunder: «Der gilt als eine Art Hexenpflanze, die von Waldgeistern bewohnt ist». Mit ansteckender Begeisterung schildert er, wie sowohl dessen weisse Blüten wie die dunkelvioletten, reichlich Vitamin C und Antioxidantien enthaltenden Holunderbeeren gleichzeitig Gaumenfreuden und Linderungen bereiten. Fortan ist klar: Ein Gang durch den Wald ist nicht nur ein Eintauchen in ein betörend grünes Farbenmeer, sondern eine Gelegenheit, ein Füllhorn voller köstlicher Pflänzchen und heilsamer Kräutchen zu pflücken.

Der hoch wirksame Spitzwegerich übrigens sorgt für weitere Überraschungen. Nobs hatte uns ja anfangs ausgeschickt, unter den jungen Blättern möglichst feine zu pflücken. Mittags zerreiben wir diese zu einem Pesto, werden vom Experten allerdings vorgewarnt: «Jeder fünfte Mensch bildet im Magen ein Enzym, das bewirkt, dass die Blätter für ihn viel zu bitter sind». Wir, die zu den anderen 80 Prozent gehören, sind vom herben Pesto-Geschmack umso faszinierter.

Mehr zu den Kursen von Kevin Nobs unter: www.skepping.ch


In der Naturapotheke von Phytologin Sarah Zehnder 

Vom Gänseblümchentee für bessere Haut bis zum Notfall Desinfektionsmittel verrät uns Phytologin und Heilpflanzenpädagogin Sarah Zehnder, was wir (sogar in unmittelbarer Stadtnähe) alles finden können, wenn wir nur die Augen offen halten.

 

Maja Dal Cero

Maja Dal Cero, (49). Die Ethno-Botanikerin befragte für ihre Doktorarbeit über «Schweizer Medizinalflora im Wandel der Zeit» 90 Phytotherapeuten. So fand sie heraus, welche Pflanzen wann wie verwendet wurden.

Mehr zu Maja Dal Cero unter: www.majadalcero.ch

«Pflanzen werden breiter eingesetzt»

Wie viele Medizinalpflanzen kennt man heute?

Die Flora Helvetica listet total mehr als 3000 Pflanzenarten auf. Davon dienten in den letzten 2000 Jahren etwa 800 als Arzneimittel, in jeder Epoche etwa 400. Es kam immer wieder zu Verschiebungen. Heute kennt die Phytotherapie gut 250 Schweizer Medizinalpflanzen. Das sind weniger als früher. Dafür werden die Pflanzen teilweise breiter, also gegen mehr Leiden, verwendet als in früheren Dokumenten beschrieben.

Welches sind die ältesten Heilpflanzen?

Aufzeichnungen gibt es seit der Antike, doch wir gehen davon aus, dass schon die Bronzezeitmenschen Pflanzen wie etwa die Schafgarbe verwendeten, die bei Verletzungen hilft. Auch ganz normale, bekannte Pflanzen wie die Brennnessel haben eine lange Tradition.

Bei welcher Heilpflanze ist die Wirksamkeit wissenschaftlich besonders gut belegt?

Beim Johanniskraut, das stimmungsaufhellend, und bei Baldrian, der schlaffördernd wirkt.

Wann verloren die Heilkräuter an Bedeutung?

Bis Ende 19. Jahrhundert gab es fast nur die auf Pflanzen basierenden Arzneimittel. Als die Forscher in Labors einzelne Inhaltsstoffe und immer mehr Moleküle entdeckten, begann man, Medikamente chemisch herzustellen.

Für die Herstellerfirmen war und ist das finanziell interessant …

Sicher. Synthetische Medikamente wirken oft auch sehr rasch. Heute sind Heilpflanzen eine Möglichkeit unter vielen.

Testen Pharmafirmen weiterhin Heilpflanzenextrakte in grosser Menge?

Ja, vor allem in China und auch in Indien.

Sucht man denn auch aktiv nach den Kenntnissen lokaler Heiler?

Ja, und es gibt heute internationale Vorschriften, dass die einheimischen Wissensträger dafür finanziell entschädigt werden müssen.

Wann vertrauen Sie persönlich besonders auf natürliche Heilmittel, wann auf synthetische?

Ich bin zum Glück gesund und setze deshalb bei kleinen Beschwerden ausschliesslich auf Pflanzen. 

KOMBINIEREN IST IN

Natürlich und synthetisch

Viele ihrer Kunden sind offen dafür, klassische Hausarztmedikamente mit pflanzlichen Arzneimitteln zu kombinieren, sagt Apothekerin Amanda Caprez (32). Die Coop-Vitality-Geschäftsführerin in Würenlingen AG stellt fest, dass ganzheitliche Lösungen im Trend sind. «Es ist in erster Linie wichtig, dass man bei Beschwerden eine kompetente Beratung in Anspruch nimmt», fügt sie an. Und in vielen Fällen sei es tatsächlich gut, sowohl chemische als auch natürliche Heilmittel anzuwenden.

Besonders beliebt sind in den Coop-Vitality-Apotheken pflanzliche Entspannungs- und Schlafdragees, die neben Baldrian auch Hopfen oder Melisse enthalten können. Zur Immunabwehr setzen Schweizer Kunden gern auf Echinacea-Präparate und zur Stimmungsstabilisierung würden Heilmittel mit Rosenwurz oder Johanniskraut nachgefragt. «Vielmals denken Kunden, dass pflanzliche Präparate frei von Nebenwirkungen sind. Doch das ist ein Irrglaube», erklärt Amanda Caprez. Durch Johanniskraut etwa könne eine erhöhte Photosensibilität entstehen. «Das heisst, die Haut reagiert schneller auf die Sonne», fügt sie an und betont nochmals die Bedeutung von Beratung.

Die Pflanzenfotos wurden zur Verfügung gestellt von den Herbarien der Universität Basel und Basler Botanischen Gesellschaft, online: www.herbarium.unibas.ch