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Titelgeschichte

In der Höhe liegt die Kraft

Wer suchet, der findet sie hier –  Ruhe und Erholung. Fernab des Massentourismus thronen die Schweizer Berghotels zwischen majestätischen Gipfeln und laden zur Musse ein. 

FOTOS
David Birri, Pino Covino, François Fumex, Médiathèque Valais - Martigny, Keystone, Gian Andri Govandi, 3100 Kulmhotel, Gornergrat
18. Februar 2019

Tief verschneit bettet sich das Grimsel Hospiz in die alpine Landschaft des Berner Oberlandes ein. Ruhig ist es hier oben auf 1980 Metern über Meer. Nur das Knirschen der eigenen Schuhe im Schnee dringt durch die Stille. Drinnen sitzt eine kleine Gruppe von Freunden vor dem knisternden Kamin und am Nebentisch sind zwei Paare in ihr Kartenspiel vertieft. «Im Sommer ist die Gegend gut besucht: Es gibt viel Verkehr auf der Strasse zum Grimselpass und viele Touristen kommen hierher», erklärt Hospiz-Direktorin Ursula Monhart (48). Im Winter sei das aber ganz anders. «Wir sind isoliert und es herrscht eine heimeligere Atmosphäre.» Und tatsächlich; wer Jubel und Trubel sucht, ist im Alpinhotel zu dieser Jahreszeit fehl am Platz – nur Schnee und Frieden. «Viele unserer Besucher sind Stammgäste. Sie kommen hierher, um vom hektischen Alltag abzuschalten», erklärt Monhart. «Winter-Ruheoase» nennt sich das Grimsel Hospiz, das erste urkundlich erwähnte Gasthaus der Schweiz. 1142 war das – also vor fast 900 Jahren. Doch nicht nur diesen Rekord hält der historische Bau: 1932 machte er zudem Furore, als er als erstes elektrisch beheizbares Haus Europas in die Geschichte einging.

Aushängeschild für den Tourismus

Hochgebirgshotels wie das Grimsel Hospiz gehören zur alpinen Visitenkarte der Schweiz wie Johanna Spyris «Heidi» oder die Legende um «Barry», den heldenhaften Berhardiner Rettungshund (* 1800 auf dem Grossen Sankt Bernhard; † 1814 in Bern). «Sie sind symbolisch sehr wichtig und ein Aushängeschild für den Schweizer Tourismus», sagt Rafael Matos-Wasem (57), Professor an der Tourismusfachschule Sierre VS.

«Im Winter sind wir hier isoliert – es ist heimelig.»

Ursula Monhart

Mit dem Slogan «Dem Himmel ganz nah» wirbt unter anderem das Kulmhotel am Gornergrat VS. Auf einer Höhe von 3100 Metern über Meer ist es das höchstgelegene Hotel in den Schweizer Alpen. Die Aussicht aufs Matterhorn ist atemberaubend – für manche Personen gar wortwörtlich (siehe Interview unten). Ende des 19. Jahrhunderts – noch vor dem Eisenbahnanschluss – sei hier ein kleines Hotel mit etwa zehn Zimmern entstanden, weiss Matos-Wasem. «Das Baumaterial musste auf Männer- und Maultierrücken hochgeschleppt werden.» 1910 neu erbaut, zieht es heute Touristen aus aller Welt an.

Um in die Ursprungszeit dieser alpinen Unterkünfte zu gelangen, muss man in der Geschichte aber weit zurückblättern. «Es ist schwierig, ein genaues Datum für deren Entstehung anzugeben», sagt der Touristiker. Vor den Hotels habe es Gasthöfe und Hospize gegeben. «Diese dienten vor allem der Aufnahme von Pilgern, in gewisser Weise die Vorläufer der heutigen Touristen.» Im Hospiz auf dem Grossen St. Bernhard VS seien die Wallfahrer schon im Jahre 1050 empfangen worden.

Die Engländer waren es

«Die eigentlichen Hotels entstanden dann aber erst mit der Geburt des modernen Tourismus im frühen 19. Jahrhundert», erklärt der 57-Jährige. Es sind die Engländer – wer sonst? –, die dann mit ihrem (fast schon zwanghaften) Drang, Neues zu entdecken, in die noch heile Schweizer Gebirgswelt eindringen. Von lokalen Reiseleitern begleitet, steigen sie immer höher und höher, erkunden zuerst die Pässe und besteigen dann die Gipfel. Die Wanderungen und Bergbesteigungen werden immer länger, und so wird es sinnvoll, Zwischenstationen zu bauen. Die ersten Hotels schiessen aus dem Boden – zuerst am Alpenrand, wie in den Städten Luzern und Interlaken BE, dann in den Bergdörfern, wie in Saas-Fee und Zermatt VS, und schliesslich auch auf den Gipfeln. Übrigens waren es auch die Briten, die den Alpine Club gegründet haben.

Im Winter ist die Anreise ins Grimsel Hospiz fast schon abenteuerlich.

Die Bergkapelle Grimselhospiz wurde erstmals 1397 erwähnt.

Das Hospiz selbst leitet Ursula Monhart.

Bereits Anfang des 20. Jh. wurde das Kulmhotel Gornergrat erbaut.

Von den Gipfeln zurück zum Grimsel Hospiz. Hier neigt sich ein herrlicher Nachmittag dem Ende entgegen. Ein kleiner Schwarm Alpendohlen dreht eine Runde über das imposante Steingebäude mit den roten Fensterläden, ruht eine Weile auf dessen Fassade aus, bevor er seinen Flug fortsetzt. Die Gäste, die sich entschieden haben, an die frische Luft zu gehen, betrachten nochmals die eindrückliche Landschaft und machen sich dann auf den Rückweg – die Füsse versinken dabei im Schnee. Andere wollen es lieber noch gemütlicher: Wellness steht auf dem Programm, im kleinen Badebottich auf der Terrasse im Freien.

Und wem dieses süsse Nichtstun irgendwie doch Probleme bereitet ... das Grimsel Hospiz verfügt auch über Seminarräumlichkeiten. Dort lässt es sich ungestört denken und Strategien entwickeln. Genau so, wie es die Pioniere am Berg auch gemacht und damit Schweizer Geschichte geschrieben haben. 

Kurz und bündig

  • Früher dienten Gasthöfe in den Bergen der Aufnahme von Pilgern.
  • Pro 1000 Höhenmeter nimmt unsere Leistungsfähigkeit um 10 Prozent ab.
  • Der Alpine Club wurde 1857 in London gegründet.
  • Das Kulmhotel Gornergrat ist mit 3100 m ü. M. das höchstgelegene Hotel in den Schweizer Alpen.

Ferienträume für alle, die hoch hinaus wollen

Kulmhotel Gornergrat: für alle, die Rekorde lieben

Mit seiner Lage auf 3100 Metern über Meer ist es das höchstgelegene Hotel in den Schweizer Alpen. Der Blick aufs Matterhorn ist grandios. Erreichbar ab Zermatt mit der Zahnradbahn. Doppelzimmer ab: Fr. 365.–.

Weitere Informationen hier: https://www.gornergrat-kulm.ch

 

Hotel Pilatus-Kulm: der Charme der Belle Époque

Auf 2132 m ü. M. bietet der historische Bau Aussicht auf die Zentralschweiz. Das Hotel wurde 1890 erbaut und 2010 saniert. Erreichbar mit der Bergbahn ab Kriens. Doppelzimmer inkl. Bahn, 4-Gang-Dinner und Frühstück: Fr. 180.–/p. P.

Weitere Informationen hier: https://www.pilatus.ch

 

Grimsel Hospiz: für Ruhesuchende

Das Hospiz befindet sich auf 1980 Metern über Meer, eingebettet in eine einzigartige Landschaft. Schon nur die Anreise ist etwas Besonderes. Aufgrund von Bauarbeiten am Staudamm bleibt das Hotel in der Sommersaison 2019 geschlossen. Doppelzimmer ab: Fr. 330.–.

Weitere Informationen hier: https://www.grimselwelt.ch

 

Berghaus Diavolezza: für Sportler

Von seiner Lage auf der Diavolezza, 2973 m ü. M. , bietet das Berghaus einen Panoramablick auf den Piz Bernina und den Piz Palü. Wenn die letzte Seilbahn ins Tal fährt, haben die Gäste des Hotels die Aussicht ganz für sich allein. Doppelzimmer ab: Fr. 130.–/p. P.

Weitere Informationen hier: https://www.diavolezza.ch

«Bergluft verursacht Höhenkrankheiten»

Sportarzt Urs Hefti erklärt, wie sich die Höhe auf unsere Gesundheit auswirkt und wie man seinen Körper darauf vorbereiten kann.

Urs Hefti (50)

Chefarzt der Swiss Sportclinic in Bern und Co-Autor des Buches «Gebirgs- und Outdoormedizin»

Herr Hefti, viele Menschen klagen bei einem Aufenthalt in den Bergen über Schwierigkeiten beim Einschlafen. Wie wirkt sich die Höhe auf unseren Schlaf aus?
Die Schlafschwierigkeiten können verschiedene Ursachen haben. Der Mensch muss sich bei einer Reise in die Berge erst einmal an die neue Umgebung gewöhnen. Die Bergluft ist deutlich trockener als die im Flachland. Aufgrund des sinkenden Barometerdrucks nimmt der Sauerstoffgehalt im Körper ab. Um diesen Mangel auszugleichen, beschleunigt unser Körper Atmung und Herzschlag. Daraus erfolgen Schwierigkeiten beim Einschlafen. Was uns in der Höhe ebenfalls von einem tiefen Schlaf abhält, ist unsere Blase. Durch eine natürliche Druckveränderung in unserem Körper müssen wir in den Bergen viel öfters aufs stille Örtchen.

Wie wirkt sich die Höhe auf die Gesundheit eines Menschen aus?
Ab einer Höhe von ungefähr 2500 Metern über Meer nimmt die Menge an Sauerstoffdruck in der Lunge ab. Dadurch nimmt auch die Sauerstoffsättigung im Blut ab. Dazu kommt, dass die Atemfrequenz steigt und der Blutdruck ansteigt. Durch diesen Mangel entstehen dann körperliche Beschwerden.

Sie meinen die Höhenkrankheiten?
Genau. Die häufigste Form ist die akute Bergkrankheit. Der Mensch klagt plötzlich über Kopfschmerzen, Antriebslosigkeit, Übelkeit oder es kommt sogar zur Bewusstlosigkeit. Um sich davon zu kurieren, braucht es dann erst einmal einen Ruhetag. Wenn das nichts nützt, hilft nur noch der Abstieg.

Wie kann man seinen Körper auf eine Bergtour vorbereiten und sich vor der Höhenkrankheit schützen?
Damit sich der Mensch gut an das veränderte Klima gewöhnt, braucht es eine Akklimatisation. Um sich an die Luft in den Bergen vorzubereiten, sind Pausen und Ruhetage wichtig. Experten raten davon ab, direkt mehrere Tausend Höhenmeter an einem Tag zurückzulegen, sondern Schritt für Schritt das Ziel zu erreichen. Wichtig ist dabei vor allem, Zwischenetappen über Nacht einzulegen. Eine kurze Mittagspause bringt nicht viel.

Während der Ruhetage hat man dann noch genügend Zeit für eine Runde Joggen, oder?
Besser nicht. Ab einer gewissen Höhe sollte man keine anstrengenden Sport- aktivitäten ausüben, bis man akklimatisiert ist. Unsere Leistungsfähigkeit nimmt pro tausend Höhenmeter um zehn Prozent ab. Deshalb reizt Joggen den Sauerstoffmangel nur noch mehr aus.

Frauen, Männer, Kinder, Alte – Wer ist besonders betroffen?
Grundsätzlich sind Menschen, die bereits einmal an der Höhenkrankheit gelitten haben, stark betroffen. Das Risiko, wieder daran zu erkranken, ist hoch. Viele dieser Betroffenen haben aber auch die Akklimatisation ignoriert und leiden deswegen an Beschwerden. Kinder werden auch höhenkrank. Da ein Kind aber noch nicht so gut Symptome beschreiben kann, wird die Höhenkrankheit häufig gar nicht als solche erkannt.

Wem würden Sie von einem Aufenthalt in der Höhe abraten?
Personen mit einer Vorerkrankung müssen gut überlegen, ob eine Bergtour wirklich das Richtige für sie ist. Vor allem Herz- und Lungenpatienten raten wir, ihr Vorhaben ausführlich mit ihrem Arzt zu besprechen. Zur Risikogruppe gehören auch Menschen mit einem hohen Blutdruck.

Welche Massnahmen ermöglichen Betroffenen trotzdem einen schönen Aufenthalt in den Bergen?
In der Regel müssen Betroffene bei einer Reise mehr Zwischenetappen einlegen als gesunde Menschen. Eine andere Möglichkeit ist die Fahrt mit einer Gondelbahn. Nach ein paar schönen Stunden in den Bergen können die Personen dann wieder ganz gemütlich runterfahren, wo sie garantiert genügend Sauerstoff zur Verfügung haben.

Nochmals zurück zum Joggen. Spitzensportler trainieren gerne in der Höhe. Weshalb ist das so?
Der Sauerstoffmangel in den Bergen regt die Bildung von roten Blutkörperchen an. Mehr rote Blutkörperchen bedeutet einen besseren Transport von Sauerstoff. Der Sportler erhofft sich so mehr Leistung im Mittelland zu erbringen.