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Titelgeschichte

Mit der Kuh auf Du und Du

Die Schweiz ist das Kuh-Land schlechthin. Trotzdem wissen wir im Allgemeinen wenig über dieses Tier, das so eng mit dem Menschen verbunden ist.

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12. August 2019

Milch bei Coop

  • Milch bei CoopJede zweite bei Coop gekaufte Past-Milch ist eine Bio-Milch von Naturaplan. 
  • Bio-Kühe ernähren sich fast ausschliesslich von Gras und Heu. Der Kraftfutteranteil macht gemäss den Richtlinien von 
  • Bio Suisse maximal zehn Prozent aus, ab 2022 nur noch fünf Prozent.  
  • Regionale Bio-Milch ist unter dem Label Miini Region erhältlich. 
  • In grösseren Coop-Läden gibt es unter Naturaplan auch Demeter-Milch. Sie wird nicht homogenisiert und rahmt deswegen auf, das Fett setzt sich oben ab. Die Tierhaltung richtet sich nach den biodynamischen Grundsätzen von Rudolf Steiner. 
  • Für Heumilch wird kein Silofutter gefüttert. Im Sommer grasen die Kühe auf saftigen Wiesen, im Winter erhalten sie Heu. Der Kraftfutteranteil liegt bei maximal zehn Prozent. 
  • Von Kühen aus dem Berggebiet stammt die Pro-Montagna-Milch. Ein Teil des Verkaufspreises fliesst via Coop Patenschaft für Berggebiete zurück an die Bergbauern. 
  • Für die Milch der Eigenmarken Prix Garantie und Qualité & Prix gilt das Coop-Milchprogramm: Die Bauern haben im Vergleich zum Standard ein höheres Einkommen, die Tiere fressen einheimisches Gras und Heu und bekommen weniger Kraftfutter. Auslauf auf die Weide ist ihnen garantiert. Das Programm fördert Freilaufställe. 
  • Einige Studien deuten darauf hin, dass ein höherer Grünfutteranteil zu einem höheren Gehalt an Omega-3-Fettsäuren in der Milch führt. 

Es ist ein friedliches Bild, wie die Kuhherde im zürcherischen Rheinau in der Abendsonne auf der Weide grast. Alle Kühe schauen in die gleiche Richtung – so verlangt es der Herdentrieb. Unter ihnen sind auch ein paar Kälber sowie ein mächtiger Muni. Dieser interessiert sich im Moment für eine Kuh besonders. «Sie ist stierig und er total verliebt», erklärt Martin Ott (64), Leiter der Biodynamischen Ausbildung Schweiz. Schon einige Tage wirbt der Stier um sie. «Er hat ihre Nähe gesucht, gefressen, wenn sie gefressen hat, mit ihr in die Ferne geschaut, wenn sie es getan hat, obwohl er vielleicht gar nicht wusste, was sie dort sah», berichtet Ott. Jetzt, beim Grasen, stellt sich der Stier ruhig, aber bestimmt zwischen seine Auserwählte und die Herde und separiert sie so für sich. Sie scheint ihn langsam auch interessant zu finden und legt ihren Kopf auf seinen Rücken. So geht also Flirten und Erobern bei Herrn und Frau Kuh.  Damit und mit Kühen im Allgemeinen kennt sich Martin Ott aus. Bis 2016 war er Betriebsleiter auf dem Hof «Zum Pflug» in Rheinau. Er wird als Kuhflüsterer bezeichnet und ist Autor des Buchs «Kühe verstehen – Eine neue Partnerschaft beginnt». Was die Kuh angeht, so nimmt er eine zunehmende Distanz zwischen ihr und der Gesellschaft wahr. Höchste Zeit also, das Tier etwas genauer anzuschauen. 


Komplexes Verdauungssystem

Die Kuh gehört zur Schweiz wie die Berge. Das merkt man in den Souvenir-Shops, aber auch, wenn man durch die Schweiz fährt oder wandert. «Hierzulande ist das Weiden für Milchkühe auf Biobetrieben vorgeschrieben und bei Nicht-Biobetrieben wird es zumindest finanziell gefördert. Darum sind Kühe viel mehr draussen als zum Beispiel in Deutschland, wo nur die Bio-Kühe Weidegang haben, wenn überhaupt», erklärt Ott. 
Für ein Land wie die Schweiz, dessen Landwirtschaftsflächen zu zwei Dritteln aus Grasland bestehen, das sich für Ackerbau nicht eignet, ist die Kuh besonders wertvoll. «Was sie am besten kann, ist fressen und scheissen», macht der Experte deutlich. Was einfach und salopp klingt, ist in Wirklichkeit ein ausgeklügeltes System. 

Die Kuh wählt sich auf der Weide jene Gräser und Kräuter aus, die ihr guttun. Später holt sie sie wieder hervor und käut wieder. «Sie kann sozusagen in zwei Richtungen schlucken und hat so den Genuss gleich zweimal» sagt Ott. 
16 Stunden pro Tag frisst und kaut eine Kuh. Das brauche ihre volle Aufmerksamkeit, daher sei sie «immer zur Hälfte nach innen gerichtet». In ihrem Bauch rumort es von Zeit zu Zeit gewaltig. Vier Mägen sowie unzählige Bakterien und Kleinlebewesen helfen beim Verdauen. Würde die Kuh nicht wiederkäuen, würden die Gase, die bei der Zersetzung der Nahrung entstehen, sie explodieren lassen. Der leicht basische Speichel ist wichtig, um die Säure der Nahrung im Pansen – im ersten Magen – zu puffern. 

Rund drei Tage dauert es, bis die Nahrung einmal durch die Kuh hindurch ist und wieder hinten rauskommt. (Zum Vergleich: Beim Menschen dauert es je nach Nahrung etwa 24 Stunden.) Der Kuhdung fördert die Humusbildung und sorgt so für eine ideale Bodenqualität und somit -fruchtbarkeit. Es kann jetzt da etwas Neues wachsen, das die Kuh wiederum fressen kann. Ein stetiger Kreislauf. «Das ist genial», findet Ott. 

Die Kuh kann also an einem Ort bleiben und muss nicht weiterziehen. Davon profitiert auch der Mensch: Mit dem Grasland allein kann er nicht allzu viel anfangen. Martin Ott drückt es so aus: «Der Mensch braucht die Kuh, damit sie für ihn das Gras übersetzt in etwas, das er nutzen kann.» Also in Milch, aus der weitere Produkte hergestellt werden können, und in Fleisch. Ausserdem unterstützt die durch den Kuhdung verbesserte Bodenfruchtbarkeit den erfolgreichen Ackerbau. Als sich Menschen vor etwa 7000 Jahren als sesshafte Bauern in Europa ausbreiteten, gehörte das domestizierte Hausrind auf vielen Höfen dazu. Allerdings kommt mit dem Zusammenleben auch die Fürsorge für den anderen. «Der Bauer ist auch integriert in die Herde und beeinflusst die soziale Dynamik darum enorm», weiss Ott. Bei Milchkühen ist er der gemeinsame «Verwandte» aller Tiere und übernimmt gewissermassen die Funktion des Kalbs, dem sie täglich ihre Milch geben. Daher sei es seine Aufgabe, für das Wohlergehen der Tiere zu sorgen. «In einer Partnerschaft ist es wichtig darauf zu achten, dass es dem anderen gut geht, und ihm das zu geben, was er dazu braucht.» Bei der Fütterung, der Haltung und im täglichen Umgang übernimmt der Bauer für das Dasein der Kuh Verantwortung. 

Zufall? Nicht in der Kuhherde! 

Für das Leben im Verbund mit Artgenossinnen ist die Kommunikation entscheidend. «Alles wird mit feinsten, meist stillen Bewegungen laufend neu ausgehandelt und gegenseitig abgesichert», sagt Martin Ott. Auch wenn es von aussen so aussehen mag, als lägen die Kühe auf der Weide wild durcheinander: Bevor eine Kuh sich hinlegt, «fragt» sie alle anderen, ob sie sich genau hier niederlassen darf. «Es ist wie ein dauerndes Geflüster zwischen den Tieren», so der Experte. Wenn eine Herde grast, so ist es nie zufällig, wer wo seinen Platz einnimmt: Die stärkeren Kühe und die Kälber sind eher innen, die schwächeren aussen. Verändert ein Tier seine Position, bewegen sich die anderen sofort mit, damit die Ordnung erhalten bleibt. Alles auszuhandeln, gehört zur Kuh. «Wenn man ihr das nicht ermöglicht, etwa durch zu wenig Platz, nimmt man ihr einen Teil ihres Wesens.»  Untereinander gehen Kühe sehr tiefe Freundschaften ein. Diese bestehen auch über Hierarchien hinweg. Eine stärkere Kuh setzt sich dann ein für ihre schwächere Freundin. Diese Freundschaften haben auch Bestand, wenn die Tiere über längere Zeit hinweg getrennt sind. «Freundinnen, die sich im Sommer auf der Alp gefunden haben und im Herbst getrennt werden, kennen sich im Folgejahr noch: Es dauert nur kurze Zeit, bis sie wieder unzertrennlich sind», konnte Kuh-Kenner Ott beobachten. 

Auf der Weide in Rheinau hat sich mittlerweile eine Kuh gedreht. Sie schaut somit in die Gegenrichtung zu allen anderen. «Das ist ziemlich frech», findet Martin Ott. «Dass sie das darf, zeigt, dass sie einen relativ hohen Rang hat.» Und der Muni? Der hat die Seite gewechselt und steht nun zwischen seiner Liebsten und der Strasse. «Jetzt hat er uns wahrgenommen und sieht uns als grössere Gefahr für seine Pläne als den Rest der Herde», vermutet Ott.  Auch ein Stier will seine Angebetete eben nicht mit anderen teilen. Und schon gar nicht beim Flirten gestört werden. 

Wissenswertes zur Kuh

Lebensdauer: In der Schweiz werden Milchkühe etwa fünf Jahre alt.  In diesem Alter haben sie schon zwei- bis dreimal gekalbt.

Milch: Eine Kuh gibt zwischen 20 und 35 Liter Milch pro Tag. Es gibt aber auch Kühe mit bis zu 80 Liter Tagesmilch. Die Menge ist unter anderem abhängig von der Haltung, der Fütterung, der Rasse und dem Abstand von der letzten Kalbung.

Sensibel: Kühe sind sehr wetterfühlig: Bevor Schnee kommt, fressen sie mehr. Dies, obwohl sie ja auch im Winter vom Bauern gefüttert werden. 

Kopfsache: Die Stirn der Kuh ist Kampfzone. Hier sollte man sie nicht streicheln. Hebt sie den Kopf, so kann man ihr den Hals kraulen. 

Speiseplan: Der Verdauungstrakt der Kuh ist auf Heu und Gras ausgelegt. Soja und Mais gehören eigentlich nicht auf ihren Speiseplan. Sie verdaut diese relativ ineffizient.

Rind vs. Kuh: Ein Rind ist ein weibliches Jungtier, das noch nicht gekalbt hat. Die erste Abkalbung ist mit zwei bis drei Jahren. Danach sagt man «Kuh». 

Neugierde: Kühe sind nur bedingt Fluchttiere und sehr neugierig. Weil geborgen in der Herde, erweckt alles, was aus dem Raster fällt, ihr Interesse.