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Titelgeschichte

Mut zur Wut tut gut

Schmollen oder schreien, diskutieren oder weggehen – wie wir streiten, haben wir zum grossen Teil von unseren Eltern gelernt. Aber es ist noch nicht zu spät, einen anderen Umgang mit Konflikten zu lernen und selber ein besseres Vorbild zu sein.

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Shutterstock, Tobias Dürring
10. Juni 2019

Kurz und bündig

  • Den eigenen Streitstil lernt man von den Eltern, anderen Bezugspersonen und Vorbildern aus den Medien.
  • Darum dürfen sich Eltern auch vor den Kindern streiten – aber richtig.
  • Schweizer Paare kriegen sich vor allem beim Thema Kindererziehung in die Haare.
  • Mit Ich-Botschaften hat man im Streit mehr Erfolg als mit Vorwürfen.

«Für Kinder ist es ganz schwer auszuhalten, wenn sich ihre Eltern streiten», weiss Kinder- und Jugendpsychologin Binia Roth (55). «Deshalb gehen sie dann oft dazwischen oder werden ganz in sich gekehrt.» Trotzdem ist es möglich, Konflikte vor den Kindern auszutragen – vorausgesetzt, man streitet sich in konstruktiver Art und Weise: «Eltern sind Vorbilder, auch für Konfliktsituationen. Sie können ihrem Nachwuchs zeigen, wie man für seinen Standpunkt einsteht, Kompromisse schliesst und sich wieder verträgt.»

Die Eltern nehmen da eine wichtige Rolle ein. «Studien zeigen, dass sich der Konfliktstil in einer Familie auf die nächste Generation überträgt», sagt Guy Bodenmann (57), der an der Uni Zürich über Paare forscht und darüber Bücher wie «Was Paare stark macht» geschrieben hat. «Die Art und Weise, wie Paare Konflikte austragen, ist zum Grossteil durch Modelle der Eltern, anderer wichtiger Bezugspersonen oder durch Vorbilder in den Medien gelernt.» Das Temperament einer Person beeinflusst den Streitstil weiter.

«Studien zeigen, dass sich der Konfliktstil in einer Familie auf die nächste Generation überträgt.»

Guy Bodenmann, Paarforscher

Wer eine ungesunde Streitkultur geerbt hat, muss jedoch nicht verzagen: Richtiges Streiten kann man üben. Und eine richtige Art gibt es durchaus. Um sie zu erlernen, gibt es Kurse – auch Bodenmann selbst hat unter dem Namen «Paarlife» einen entwickelt. «In solchen Kursen wird Paaren aufgezeigt, wie man sich im Konflikt verhalten kann, welche Fehler man vermeiden sollte und welche Verhaltensweisen zu einem günstigen Verlauf des Gesprächs beitragen», erläutert der klinische Psychologe und Paar- therapeut. Der Einsatz lohnt sich: Gemäss Studien kann man die richtige Art zu streiten innerhalb kurzer Zeit erwerben.

Und streiten, auch das lernt man bei Guy Bodenmann, gehört zu einer gesunden Beziehung. «Wenn zwei Menschen auf engem Raum mit ihren unterschiedlichen Biografien, Einstellungen, Bedürfnissen und Ansprüchen leben, kommt es zwangsläufig zu Spannungen», sagt er. «Sich nie zu streiten deutet auf ein problematisches Harmoniebedürfnis und eine Konfliktscheu hin, welche sich früher oder später destruktiv auf die Beziehung auswirken muss.»

Mehr als ein Viertel der Schweizer Paare streiten sich wegen Geld - besonders wenn sie Kinder haben.

Harmonie oder Resignation?

Richtig streiten

Dos und Don'ts

DON’T

  • generalisierende Vorwürfe
  • Abwertungen, Provokationen und andere Verletzungen

DO

  • Gefühle und Bedürfnisse mitteilen
  • konkrete Situationen oder konkretes störendes Verhalten ansprechen
  • das Verhalten kritisieren, nicht die Person
  • bei sich bleiben statt Vorwürfe zu machen und dem Gegenüber mitteilen, was die Situation für einen bedeutet (Ich-Botschaften)
  • aktives, interessiertes Zuhören
  • als Zuhörer offene Fragen stellen
  • zusammenfassen, was man vom Gegenüber verstanden hat
  • für Fehler entschuldigen
  • Kompromissbereitschaft
  • wenn die Kommunikation aus dem Ruder zu laufen droht, sich zum Beruhigen zurückziehen, und erst danach das Gespräch wieder aufnehmen

Diese Erfahrung macht auch Paartherapeut Peter Würsch (41). «Am Anfang einer Beziehung hat man die Tendenz, zu verschmelzen, sich als eins zu fühlen», sagt er. Aber dieser Zustand könne nicht für immer halten. «Eine Beziehung besteht aus zwei Menschen mit eigenen Bedürfnissen. Aus Harmoniebedürftigkeit nicht zu streiten bedeutet, diese Bedürfnisse nicht anzumelden. Das ist keine Harmonie, das ist Resignation.»

Ständiger Streit ist für eine Partnerschaft aber ebenfalls schädlich. Laut Bodenmann sollten positive und negative Interaktionen in einem Verhältnis von mindestens 2:1 stehen – der bekannte Beziehungsforscher John Gottman (77) spricht sogar von 5:1. «Studien zeigen, dass Paare, welche zwar oft Konflikte austragen, sich jedoch mindestens doppelt so häufig zuvorkommend, unterstützend und liebevoll zueinander verhalten, eine höhere Zufriedenheit und Stabilität aufweisen», so Bodenmann.

Bei Herr und Frau Schweizer ist es gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) vor allem die Kindererziehung, die zu Konflikten führt. 42 Prozent der Befragten geben an, sich darüber zu zoffen. Danach folgt mit 37 Prozent die Hausarbeit. Ebenfalls häufig ist Krach über die Freizeitgestaltung, Geld oder die Beziehung zu den Eltern oder Schwiegereltern.

«Man glaubt, Paare gehen mit den grossen Fragen zur Therapie: Sollen wir Kinder haben? Wandern wir aus?», sagt Würsch. «Aber bei den meisten geht es um Schwierigkeiten in der Kommunikation, um Diskussionen über die Socken auf dem Boden oder den falsch beladenen Geschirrspüler.» Auch diese scheinbar unwichtigen Konflikte dürfe man nicht unterschätzen. «Oft verstecken sich dahinter existenzielle Ängste. Man fühlt sich einsam oder nicht gehört.»

Immer mit der Ruhe

Wer Kinder hat, streitet sich häufiger als Kinderlose. Auch das hat das BfS untersucht, genauso wie die Art und Weise, wie Schweizer Paare Konflikte austragen. Der Grossteil diskutiert die Angelegenheit meistens ruhig aus. 87 Prozent geben an, diese Variante häufig oder zumindest manchmal zu wählen. Oft behalten die Befragten ihre Meinung auch einfach für sich – Männer häufiger als Frauen. Mit 14 Prozent geben eher wenige Personen an, im Konfliktfall einfach wegzugehen. Immerhin 28 Prozent der Paare reagieren manchmal oder oft mit Schreien und Zorn. Leben Kinder im Haushalt, ist dieses Verhalten häufiger als in kinderlosen Beziehungen.

Kinder können von streitenden Eltern vieles lernen - auch wie man sich wieder versöhnt.

Kinderpsychologin Binia Roth versteht das gut. Häufig sei es in einem Haushalt mit Kindern sowieso schon laut und chaotisch, erläutert sie. «Da startet man emotional schon auf einem anderen Level.» Sind die Konflikte allerdings sehr laut und heftig, fallen schwere Vorwürfe, ist Feindseligkeit, Entwertung oder sogar Gewalt im Spiel, dann sollten Eltern den Streit an einem Ort austragen, an dem das Kind nichts mitbekommt, rät Roth.

Übertrieben feindselige Streite können auch unter Geschwistern vorkommen. «Dann sollten Eltern dazwischen gehen. Bei kleineren Streitigkeiten können sie auch zuwarten.» Wenn Einmischen doch nötig ist, dann sollte man die Kinder idealerweise nur beim Lösen des Konflikts unterstützen. Roth: «Hören Sie beide Kinder und ihre Lösungsvorschläge an. Helfen Sie ihnen dann, einen Kompromiss auszuhandeln.»

Sorgen, dass sich Geschwister zu oft streiten, sind laut Roth meist unbegründet. «So lange sie auch positive Momente miteinander haben, ist alles in Ordnung.» Auch wenn Kinder später als Jugendliche vermehrt an ihre Eltern geraten, sei dies kein Grund zur Sorge. «In der Pubertät kracht es manchmal einfach.» Auch dafür hat sie einen Tipp: Regeln muss es zwar geben, aber wenn Eltern autoritär auf ihrem Standpunkt beharren, fühlen sich Jugendliche ohnmächtig. «Nehmen Sie ihre Argumente ernst und stellen Sie sich als Debattierpartner zur Verfügung. Schaffen Sie eine Diskussionskultur.» Damit erspart man nicht nur sich eine Menge Ärger – auch die künftigen Partner, Arbeitskollegen und Freunde werden es einem bestimmt danken. 


«Vieles spielt sich im Unterbewusstsein ab»

Rolf Münch und Katja Windisch führen fürs Meditations-Team Basel oft gemeinsame Meditationen durch. Sie erklären, wie sich damit Konflikte lösen lassen und ob das auch ohne Mediator klappt.

Katja Windisch (42) ist Soziologin, Mediatorin und Geschäftsführerin des Ausbildungs-instituts Perspectiva.

Rolf Münch (68) ist Mediator und selbstständiger Coach mit therapeutischem Hintergrund.

Zu Ihnen kommen Leute oft, wenn die Fronten verhärtet sind. Ist eine Lösung dann noch möglich?
Rolf Münch: Es gibt Leute, die einfach gerne streiten und nicht wirklich an einer Lösung interessiert sind. Aber die meisten finden zu uns, weil sie trotz aller Schwierigkeiten einen gemeinsamen Weg finden möchten …

Katja Windisch: … was nicht heisst, dass die Fronten nicht sehr verhärtet sein können. Aber die Beteiligten lassen sich dann meist von einer Kooperation überzeugen, weil sie bei uns eine individuelle Lösung finden. Vor Gericht wird einfach entschieden und am Schluss ist möglicherweise niemand richtig zufrieden. Wir glauben, dass die Beteiligten die Experten für ihre Schwierigkeiten sind und deshalb selbst auch die beste Lösung finden. Wir mischen uns inhaltlich nicht ein, sondern zeigen nur die Schritte auf, die zur Lösung führen.

Welches sind diese Schritte?
Katja Windisch: Erst wird herausgearbeitet, was jedem in Bezug auf das Konfliktthema grundsätzlich wichtig ist – und zwar im Hier und Jetzt. Wir ar- beiten nicht vergangenheitsbezogen. Diese Interessen und Bedürfnisse drückt jeder für sich selbst aus. Das Gegenüber kommentiert nicht. Wir fassen jeweils zusammen und fragen allenfalls nochmals nach. Von da aus überlegen die Beteiligten, wie man den Interessen und Bedürfnissen gerecht werden kann. Jeder macht Angebote, was er zur Lösung beizutragen bereit ist. So entsteht schliesslich eine Lösungsvereinbarung.

Rolf Münch: Oft ist einem anfänglich selber nicht klar, was genau einen an einer Situation stört. Vieles spielt sich im Unterbewusstsein ab und muss erst herausgearbeitet werden. Wenn man sich selber versteht, versteht einen auch das Gegenüber besser – wobei das nicht heissen muss, dass es die Position teilt.

Geht das auch ohne Mediator?
Katja Windisch: Bei grösseren Streitigkeiten oder wenn eine Lösung gefunden werden muss, ist jemand Aussenstehendes hilfreich. Bei kleineren Auseinandersetzungen kann man selber handeln. Wenn man zu nörgeln beginnt, sollte man fragen: Was stört mich wirklich?

Hilft Mediation bei jedem Konflikt?
Katja Windisch: Grundsätzlich ja. Von Alltagskonflikten bis hin zu den grossen politischen Querelen liesse sich damit oft mindestens ein nächster konstruktiver Schritt finden. Bei vielen Konflikten, etwa auf der Arbeit, ist es wichtig, eine Person und ihre Rolle zu trennen. Sie haben einen Konflikt mit Ihrem Chef – nicht mit der Person, die Ihr Chef ist.

Führt Mediation immer zu einer Lösung?
Rolf Münch: In etwa 75 bis 80 Prozent der Fälle. Es kann aber auch ein Erfolg sein, wenn keine Lösung gefunden wird, der Angestellte etwa am Schluss kündigt, man aber im Guten auseinandergeht. Nach einer Mediation passiert so ein Schritt mit einem anderen Gefühl. Ziel sollte immer sein, sich zumindest wieder in die Augen sehen zu können.