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Titelgeschichte

Nach Art des Mundes

Anglizismen, Anpassungen ans Hochdeutsche, in Vergessenheit geratene Dialektwörter: Unsere Mundart wandelt sich stetig. Zum Glück, sagt Schriftsteller Franz Hohler.

25. März 2019

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Im Zürcher Kantonsrat gingen die Wellen hoch. Zur Debatte stand die Frage, ob im Kindergarten Hochdeutsch oder Dialekt gesprochen werden soll. Ein Votant, der sich für die Mundart einsetzte, zeigte sich bestürzt darüber, dass sein Enkel nicht mehr «tschuutet» und dabei «es Goal schüüsst», sondern «Fuessball spilt» und dabei «es Toor erziilt».

Vermutlich ohne sich dessen bewusst zu sein, zeigte der frühere Sekundarlehrer auf, wie lebendig die Schweizer Mundart ist und wie – teils widersprüchlich – deren Entwicklung verläuft.

Erstens: Die betrauerten Wörter «tschuute» und «Goal» stammen aus dem Englischen (to shoot = schiessen, goal = Ziel), sind also Anglizismen, die Eingang in unsere Alltagssprache gefunden haben und uns nicht (mehr) als Fremdwörter erscheinen.

Zweitens: Neue Phänomene, wie vor über hundert Jahren das Fussballspiel, verlangen nach neuen Wörtern.

Drittens: Im Dialekt findet eine Parallelisierung zum Hochdeutschen statt, hochdeutsche Begriffe werden eingeschweizert.

Doch der Reihe nach.

«Eine Sprache, die sich nicht bewegt, ist tot.»

Franz Hohler (76), Schriftsteller und Kabarettist

«Es ist sicher gut, wenn man die Sprache pflegt und ein sprachliches Bewusstsein entwickelt», sagt Hans Bickel (62). «Aber dass man sich gegen jede Veränderung wehrt, ist völlig sinnlos.» Der Germanistik-Professor aus dem Seeland ist seit Februar dieses Jahres Chefredaktor des Schweizerdeutschen Idiotikons, des Wörterbuchs der schweizerdeutschen Dialekte; er ist wohl einer der Letzten, dem man nachlässigen Umgang mit der Mundart vorwerfen könnte. Noch etwas drastischer formuliert es Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler (76), auch er für einen bewussten und reflektierten Umgang mit der Mundart bekannt: «Eine Sprache, die sich nicht bewegt, ist tot.»

Wörter kommen und gehen

Auffälligstes Merkmal des Wandels der Mundart ist das Auftauchen und Verschwinden von Wörtern. «Ums Englische kommt man heute nicht herum, das ist klar», sagt Franz Hohler. «Und Wörter, die mir gefallen, übernehme ich. – Warum nicht?», fragt er. «Googeln», zum Beispiel, findet er lustig, «das tönt wie etwas zwischen jodeln und jubeln». «Cool» dagegen verwendet er nicht, höchstens zum Parodieren, und «liken» sei ausgesprochen hässlich.

Seine Offenheit gegenüber neuen Wörtern ändert nichts daran, dass Hohler den Dialekt liebt und ältere Wörter lustvoll einsetzt. Kürzlich habe er sein Kinderbuch «Die Nacht des Kometen» ins Schweizerdeutsche übersetzt und sei am Wort «flüstern» hängen geblieben. «Klar, ich hätte ‹flöschtere› schreiben können, aber ‹chöschele› gefällt mir schon noch besser.» Überhaupt die Verben mit der Endung «-ele» oder «-le»: zechele, bäschele, chräschle, kommissiönle, chüderle, bibäbele, gänggele, grümschele, chosle. Wunderschöne Wörter, die die meisten Schweizerdeutsch Sprechenden noch verstehen, aber immer seltener aktiv verwenden.

Generell stelle man im Dialekt eine Parallelisierung zum Hochdeutschen fest, sagt Christoph Landolt (53), Redaktionsleiter beim Idiotikon. Will sagen: «Dialekt-Wörter, die das Hochdeutsche nicht kennt, verschwinden. Lediglich solche, die nur umständlich übersetzt werden können, überleben.» «Hinke» bleibt, aber «hülpe» verschwindet, obwohl es das Gleiche bedeutet. «Butter» bleibt, «Anke» und «Schmalz» verschwinden, «Treppe» und «Pferd» bleiben, «Stääge» und «Ross» verschwinden. Im schaffhausischen Wörterbuch gebe es 20 Begriffe für einen Suff: «Blooter», «Stüüber» usw. «Diese Differenzierung braucht es nicht mehr, diese Wörter verschwinden», prophezeit Landolt. Der Konsum von Radio- und Fernsehsendungen in der Standardsprache treiben diese Parallelisierung voran.

«Alles, was mit der Sprache passiert, ist Ausdruck der sozialen Verhältnisse», sagt Idiotikon-Chef Bickel. «Früher heiratete man über den Miststock, und die Leute kamen kaum über die Dorfgrenze hinaus», erklärt er. «Da verändert sich ein Dialekt kaum.» Heute sind die Leute mobil. Was früher das Dorf, ist heute Europa. «Unsere kommunikative Reichweite muss grösser sein.» Die Leute wollen verstanden werden, meiden extrem dialektspezifische Wörter, die Dialekte nähern sich an. «Emotional mag man diese Verflachung bedauern», sagt Bickel, «doch die Sprache hat nur einen Zweck: Kommunikation.»

«Alles, was mit der Sprache passiert, ist Ausdruck der sozialen Verhältnisse.»

Hans Bickel, Chef Idiotikon

Viele Wörter verschwinden, aber es kommen auch neue dazu. Viel mehr sogar. Etwa im Zuge der technischen Entwicklung. Fernseher, Plastik, Tastaturen, Kugelschreiber, Rolltreppen oder Atomkraftwerke gab es vor 100 Jahren noch nicht. Und dann sind da noch die Sprachmoden, Verstärkungswörter zum Beispiel, die sich ein paar Jahrzehnte halten und dann untergehen. Was früher «schampar» oder «schuurig» war, ist heute «super» oder «mega». Unter dem Strich ist der Mundart-Wortschatz des Einzelnen 2019 bedeutend grösser als 1919 – aber die Dialekte sind deutlich weniger farbig.

Wider die Verständnislosigkeit

Städte sind Schmelztiegel – auch was die Sprache betrifft. Wo sich Leute mit verschiedensten Dialekten und Sprachen treffen, kommt es zwangsläufig zu Anpassungen. Andernfalls droht Verständnislosigkeit. Aber auch das Umgekehrte ist möglich: Dass der Dialekt einer Stadt auf das Umland ausstrahlt. Christoph Landolt nennt als Beispiel das Wort «zügle» im Sinne von umziehen. «Vor 100 Jahren war das Wort auf die Region Bern beschränkt, heute braucht es die ganze Deutschschweiz.»

Der Wandel eines Dialekts zeigt sich nicht nur in der Veränderung des Wortschatzes, sondern auch in der Beugung der Wörter und der Lautanpassung. Für Ersteres zieht Landolt Beispiele aus dem Stadtzürcher Dialekt heran. Hiess es vor 50 Jahren noch «zwee Berg» und «zwee Fründ», sagt man heute «zwee Berge» und «zwee Fründe», aus «föif Chile» wurden «föif Chilene». Und «s chlii Chind» ist zu «s chliine Chind» mutiert. «Offenbar existiert das Bedürfnis, gewisse Unterschiede stärker zu verdeutlichen.» Die Lautanpassung wiederum zeigt sich etwa in den Ostschweizer Dialekten, wo die «Laatere» zur «Läitere» und der «Bomm» zum «Baum» wurde.

 

Kurz und bündig

  • Die Mundart wandelt sich. Muss sich wandeln, sonst droht Verständnislosigkeit.
  • Die Dialekte werden sich immer ähnlicher.
  • Viele Wörter verschwinden, aber noch viel mehr treten neu in Erscheinung.
  • Der Wortschatz jedes Einzelnen hat in den letzten Jahren massiv zugenommen.
     

Allen Anpassungen zum Trotz: «Ich sehe keine Anzeichen, dass man in der Schweiz plötzlich nur noch Hochdeutsch sprechen würde», sagt Idiotikon-Chefredaktor Hans Bickel. Im Gegenteil. Die Mundart ist beliebter denn je. Vor allem bei den Jungen. 83 Prozent der Leute in der Schweiz geben an, SMS- und Whatsapp-Nachrichten in Mundart zu schreiben. Auch bei Mails an Freunde (54 Prozent), Notizen (39) und persönlichen Briefen (26) feiert Dialekt Urständ, wie eine Umfrage der Coopzeitung zeigt. «Es ist erstaunlich, dass in der Zeit der Globalisierung, wo man annehmen müsste, das Schweizerdeutsch sei gefährdet, Mundart derart beliebt ist», sagt Franz Hohler. Auch in der Kultur. Dabei denkt er nicht nur an Schriftsteller wie Pedro Lenz. «Auch Musiker wie Kuno Lauener oder Endo Anaconda, Rapper Greis oder Slam-Poetin Lara Stoll schreiben grossartige Texte.»

Umfrage: Bei welchen Gelegenheiten schreibt man hierzulande Schweizerdeutsch.

Überhaupt wundert er sich über das Beharrungsvermögen der Mundart. «1862, zur Zeit des Eisenbahntaumels, sahen die Germanisten den Dialekt bereits gefährdet, weil man nun so unheimlich mobil war», weiss der Doyen der Mundart-Literatur. Doch die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet. «Dass sich in der Schweiz auf so engem Raum so viele Dialekte halten können, ist ein Phänomen», freut er sich. 

Die Sache mit dem Schwiizerdüütschen

Manchmal tun sie einem fast ein bisschen leid, unsere Nachbarn, die aus Deutschland in die Schweiz gezogen sind: Jahrelang üben sie den Dialekt ihres neuen Wohnortes und nach dem ersten Satz unsere Frage: «Und von wo in Deutschland kommen Sie?» Die Unterschiede zwischen Schweizer Mundart und Standardsprache sind oft minim.

Wortschatz: Viele Wörter der Mundart sind spezifisch schweizerisch und in Deutschland unbekannt. Einige davon gehören aber zum Schweizerhochdeutsch und dürfen im Schriftverkehr gebraucht werden: Schwingbesen, Abwart, Ziger, Retourgeld, Glace, Stube, Hühnerhaut usw. Viele Dialektwörter gibt es aber nur im Mündlichen.

Geschlecht: das statt die Tram, das statt der Jogurt, der Gerümpel statt das Gerümpel, der statt das Match, die Omelette statt das Omelett, das statt der Kies, das statt der Bikini.

Zeiten: In der Mundart gibt es ursprünglich kein Futur (Zukunft) und schon gar kein Imperfekt (Vergangenheit), sondern nur Präsens (Gegenwart) und Perfekt (Vorgegenwart). «Ich werde um zwölf Uhr essen» heisst «eg ese am zwölfi», «ich ass» heisst «e ha gässe».

Präpositionen: «E goh uf Bärn» statt «ich gehe nach Bern», «är esch am Konzärt» statt «er ist beim Konzert».

Relativpronomen: Der, die und das sowie welcher, welche und welches gibt es als Relativpronomen in der Mundart nicht. Es heisst immer «wo». «Der Maa, wo» statt «der Mann, welcher», «s Huus, wo» statt «das Haus, welches».

Diphtong: In der Mundart gibt es Diphthonge (Doppellaute aus zwei verschiedenen Vokalen), die es im gesprochenen Hochdeutsch nicht gibt, zum Beispiel ue, ie, üe in «Gruess», «Lieder», «üebe».

 


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Das Idiotikon ist nichts für Idioten

Die Redaktion des Schweizerdeutschen Idiotikons ist in Zürich zuhause, Chefredaktor ist seit Februar 2019 Hans Bickel, Titularprofessor im Fachbereich Germanistik an der Universität Basel, Christoph Landolt ist Redaktionsleiter. 

Haben Sie ein schweizerdeutsches Lieblingswort?
Bickel: Uh, das habe ich mir noch nie überlegt. Ich sage eigentlich ganz gerne: Nein, ich habe keines. Wir beschäftigen uns mit so vielen Wörtern, da treffe ich immer wieder welche, die mir gefallen. Ich habe kürzlich einen Artikel verfasst über den «Zaaggi». Der kommt auch bei Mani Matter im Lied «Dr Hansjakobli und dr Babettli» vor: 

«Da isch zum Bischpel zersch ds Babettli, druf gchlätteret uf ds Taburettli, u Hansjakobli, wo süsch zaagget, isch tifig, tifig drunder gschnaagget.»

Wenn Sie eines brauchen, dann ernenne ich hiermit den «Zaaggi» zu meinem aktuellen Lieblingswort. 

Und die Übersetzung?
Bickel: Ich würde es mit «zaudernder Mensch» umschreiben.

Wenn Sie im Idiotikon blättern, lernen Sie da auch ab und zu ein neues Wort kennen? 
Landolt: Dauernd! Bedenken Sie: Das Idiotikon bildet 700 Jahre Schweizer Sprachgeschichte ab, vom 13. Jahrhundert bis heute. Einen Grossteil der Wörter kennt man heute nicht mehr oder nicht mehr in dieser Bedeutung. 

Der erste Band des Idiotikons erschien 1881, bis 2026 soll endlich der 17. und letzte Band erscheinen. In dieser Zeit hat sich die Sprache stark gewandelt. Fangen Sie dann wieder vorne an?
Bickel: Nein, tun wir nicht. Die Druckversion hat einen grossen Nachteil: Man arbeitet sich in der Regel von A bis Z durch und veröffentlicht fertige Bände. Nun soll das Idiotikon ein digitales Nachschlagewerk werden. So können wir dort anfangen, wo die grössten Lücken sind und diese füllen. Und für den Benutzer wird es einfacher, ein bestimmtes Wort zu finden.

Als Oltner habe ich in der Online-Version das Wort «Möuch» gesucht – und nichts gefunden. 
Landolt: Das Idiotikon ist kein Dialektbuch, sondern ein Wörterbuch. Da muss man bei der Suche manchmal eine etwas standardisierte Form verwenden. Verhochdeutschungen gehen auch, selbst wenn es das Wort in der Standardsprache nicht gibt: zum Beispiel «bibäbelen» oder «hudeln». Oder eben Milch. Sie suchen ja nicht die Lautung, sondern das Wort. Das Idiotikon umfasst heute 160000 Stichwörter. Wenn man zu jedem noch alle regionalen oder gar lokalen Aussprachen nehmen würde, wären dies Millionen.

Hat das Idiotikon auch einen praktischen Nutzen oder nur einen nostalgischen? 
Landolt: Das Idiotikon hat einen sehr grossen praktischen Nutzen: Sie finden darin jedes Wort, jede Bedeutung und jede Wendung, die es in den letzten 700 oder 800 Jahren gegeben hat in der Schweiz.

Wozu brauche ich das im Alltag?
Landolt: Um beispielsweise Mundart-Literatur oder eine Urkunde aus dem 15. Jahrhundert zu lesen. Ältere, vielleicht 600-jährige Texte werden Sie ohne Idiotikon kaum lesen können. Zudem hat es im Idiotikon viele Angaben zum Brauchtum.

Viele Leute blättern auch heute noch gern in einem Buch. Aber das Idiotikon ist etwas teuer: 17 Bände à 565 Franken. Wäre eine entschlackte, quasi volkstümliche Version nicht wünschbar? 
Landolt: Sie haben recht, Sachbücher laufen recht gut. Deshalb denken wir tatsächlich an einer Art Handwörterbuch herum. Ob sich das realisieren lässt, ist aber vor allem eine finanzielle Frage.

Das Schweizerdeutsche Idiotikon ist das Wörterbuch der schweizerischen Dialekte und damit das umfassendste Wörterbuch im deutschen Sprachraum. Seine Ursprünge gehen zurück auf die 1860er-Jahre. Das ganze Werk erscheint heute beim Schwabe Verlag in Basel. Bisher sind 16 Bände erschienen, der 17. folgt bis 2026 Ein Band kostet Fr. 565.–. Betrug die Auflage eines Bandes vor 20 Jahren 1200 Exemplare, sind es heute noch 700. Das Werk hat traditionell zwei Abnehmergruppen: Bibliotheken, Germanisten, Historiker, Volkskundler, aber auch Pfarrer und «alte» Familien.

Die Herkunft des Titels hat übrigens nichts mit dem landläufigen Gebrauch des Wortes «Idiot» zu tun, sondern geht zurück auf das griechische Wort «ídios» = eigen, eigentümlich und meint heute ein «Verzeichnis der einer bestimmten Mundart eigenen Besonderheiten». Auf das Idiotikon kann man aber auch kostenlos digital zugreifen.