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Titelgeschichte

Schweiz ist überall

Auslandschweizerinnen und -schweizer sind unsere Stimme in der Welt und der Beweis für die Anpassungsfähigkeit unseres Landes. 

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Pino Covino
13. Mai 2019

Glücklich in der grünen Oase: Serena Wiederkehr und Mathias Britos mit ihren drei Kindern Benicio, Ramiro und Cielo in Uruguay.  

Kurz und bündig

  • Aktuell leben 760 200 Schweizer im Ausland, das sind rund ein Zehntel der Gesamtbevölkerung.
  • 24 Prozent aller Auslandschweizer wohnen auf dem amerikanischen Kontinent.
  • In Chile leben rund 5300 Schweizer, nach Argentinien und Brasilien die drittgrösste Gemeinschaft von Auslandschweizern in Südamerika.
  • Das Interview mit Ignazio Cassis über Diplomatie und Südamerika.


Reisen plant man Tage, Monate oder sogar Jahre im Voraus. Es gibt auch Reisen, von denen man träumt und die man trotzdem fürchtet. Denn es sind Wege in die Freiheit und gleichzeitig in die Ungewissheit einer neuen Heimat. Das sind die Erfahrungen von Menschen, die ihr Zuhause verlassen haben, um ins Ausland zu ziehen, auf der Suche nach einem neuen Lebensstil. Derzeit sind es 760 200 Schweizerinnen und Schweizer,  die diese Wahl getroffen haben, etwa ein Zehntel der Gesamtbevölkerung. Sie werden auch als die Fünfte Schweiz oder der 27. Kanton bezeichnet. Früher wanderten aus der Schweiz vorwiegend Söldner aus, die sich von ausländischen Legionen anheuern liessen, sowie Menschen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten waren oder sich der Verbreitung des Christentums verschrieben hatten. Heute begegnet man Schweizerinnen und Schweizern überall: von Botswana bis Grönland und von Indonesien bis Panama. Auf dem amerikanischen Kontinent leben 24 Prozent der Auslandschweizerinnen und -schweizer. Wir begleiten Bundesrat Ignazio Cassis auf seiner ersten Reise als Aussenminister durch Südamerika. Dabei treffen wir mehrere Schweizer Bürgerinnen und Bürger, die sich in Uruguay, Chile und Brasilien niedergelassen haben.  


Nueva Helvecia – die neue Schweiz

«Die Schweizer? Sie leben alle in Colonia!», so lautet überall die Antwort der Uruguayer, als wir ihnen erzählen, dass wir auf der Suche nach unseren Landsleuten sind. Colonia oder Colonia Suiza ist der frühere Name von Nueva Helvecia, einer Kleinstadt mit 10 500 Einwohnern in Uruguay. Sie wurde 1862 vorwiegend von Schweizer Auswanderinnen und Auswanderern gegründet. Nueva Helvecia befindet sich 120 Kilometer von der Hauptstadt Montevideo entfernt, inmitten der für Uruguay typischen berglosen Agrarlandschaft mit Feldern und Weiden. «Unsere Vorfahren sind den Tätigkeiten nachgegangen, die sie am besten beherrschten: Milchviehzucht und Käseproduktion», erläutert Martin Strub, Botschafter von Uruguay und Paraguay. Die Einwohner dieser Stadt sind stolz auf ihre Herkunft. Das zeigen sie bei der Begrüssung des Bundesrates im historischen Archiv, als sie in Tracht gekleidet den Psalm singen. 

Die Kinder spielen auf der Farm, während ihr Vater Mathias Britos seine Pflanzen hegt und pflegt. Am Sonntag verkauft er die Ernte mit Stefano auf dem Markt.

«Die Auswanderinnen und Auswanderer der heutigen Zeit leben nicht mehr nur in Colonia und verwenden seltener nationale Symbole», so Martin Strub. Schätzungsweise knapp 2 Prozent der Uruguayer haben Schweizer Wurzeln, beim Konsulat sind jedoch nur 1030 Personen registriert.
Zu diesen gehört auch das Tessiner Ehepaar Serena Wiederkehr (39) und Mathias Britos (41), die Montevideo zu ihrer Wahlheimat gemacht haben. Mit dem Umzug nach Übersee haben sie sich ihren grossen Traum erfüllt: ihre Kinder Benicio (11), Ramiro (8) und Cielo (2) in der Natur grosszuziehen. Sie ist Ethnobiologin mit Wurzeln im Tessin und im Aargau; er Schauspieler, Sohn einer Schweizerin und eines Uruguayers. Sie begrüssen uns auf ihrem Bauernhof und servieren uns Mate, das lokale Nationalgetränk. «Die Farm ‹La Orientala›, auf der wir seit fünf Jahren leben, wurde von meinem Vater gegründet, einem Pionier für ökologische Landwirtschaft in Montevideo», erzählt Mathias. «Als er das Grundstück kaufte, befand es sich mitten auf dem Land. Heute ist es eine Oase, umgeben von der Stadt.» Die uruguayische Hauptstadt beherbergt beinahe die Hälfte der insgesamt 3,4 Millionen Einwohner des Landes, das viermal so gross wie die Schweiz ist. Das Verhältnis des Ehepaars zu seinen Nachbarn ist freundschaftlich, es gibt jedoch auch unangenehme Zwischenfälle: «Einmal wurde uns ein Pferd gestohlen und in der Nacht vor Weihnachten 40 Hühner. Für Südamerika ist es ein ziemlich sicherer Ort. Das einzige Mal, als wir auf offener Strasse ausgeraubt wurden, war in der Schweiz», erzählt Serena schmunzelnd. Hier mangle es an Komfort und jedes Problem sei komplizierter, es existieren aber auch weniger Regeln. «Die Uruguayer fragen uns zum Beispiel, ob es in der Schweiz wirklich Zeitpläne für das Wäschewaschen gibt, ob es wahr ist, dass man sonntags nicht staubsaugen darf, und dass Menschen sich aufregen, wenn ein Zug zehn Minuten zu spät kommt. Für Südamerika ist das absurd! Seit wir in Montevideo leben, achte ich nicht mehr auf Pünktlichkeit, aber ich weiss nicht, ob es an Uruguay oder den drei Kindern liegt», gesteht sie lachend.

Die Familie ist das Wichtigste

Uruguay ist ein in mehrfacher Hinsicht teures Land, das Durchschnittseinkommen ist jedoch gering. Dieser Aspekt wird von den Schweizerinnen und Schweizern betont, die Herr Cassis in der Botschaft begrüsst, und auch von Stefano Tononi bestätigt, den wir auf dem Bio-Markt von Montevideo treffen. Der 42-Jährige hilft Mathias Britos gelegentlich, am Sonntagmorgen, Gemüse zu verkaufen: «Ich bin Regisseur und unterrichte Marketing und Kommunikation an einer Hochschule, aber ich muss auch kleinere Jobs annehmen, um meine Familie unterstützen zu können.» Stefano spricht sowohl Spanisch als auch die vier Schweizer Landessprachen perfekt. Er wurde im Tessin als Sohn einer Bündnerin und eines Deutschschweizers geboren. 

Stefano geniesst es, hier zu leben: Das Meer ist nahe, die Leute freundlich und es gibt mehr Freiheiten als in der Schweiz.

«Hier können die Kinder beim Spielen ruhig Lärm machen.»

Stefano Tononi (42)

Als er neun Jahre alt war, zügelte seine Familie nach Genf und später nach Zug. 2004 zog er mit seiner uruguayischen Ex-Frau, ebenfalls Regisseurin, nach Südamerika. Ihre Kinder, Léon (8) und Nina (6), wurden hier geboren und die Zukunft dieser Nation bereitet ihm zuweilen Sorgen. Während wir vor dem Río de la Plata sitzen, fragen wir Stefano, ob er die Schweiz nicht vermisse: «Manchmal», gesteht er. «Aber auch hier ist die Natur wunderschön. Die Kinder wachsen sorglos auf und können beim Spielen ruhig Lärm machen. Das sind die Vorteile, die ich nicht aufgeben möchte», sagt Stefano abschliessend. 


Die Schweizer Schule

Auf der Strasse zu spielen ist undenkbar für Kinder, die im modernen Stadtzentrum von Santiago de Chile aufwachsen, einem Ballungsgebiet mit sechs Millionen Einwohnern. In Chile leben rund 5300 Schweizerinnen und Schweizer, das macht diese Gemeinschaft zur drittgrössten in Südamerika – nach Argentinien und Brasilien. In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre engagierten sich in Santiago lebende Deutschschweizer für die Einrichtung einer Schule. Der erste Unterricht fand im April 1939 für sieben Schweizer Schüler statt. 

Die Schweizer Lehrerin Esther Weller lebt und unterrichtet seit 30 Jahren in Santiago. Sie bewundert die Musikalität ihrer Schüler.

«Ich kehre nur noch zurück, um Verwandte zu besuchen.»

Esther Weller (54)

Wenige Jahrzehnte später, während der Diktaturzeit, suchte die Schule nach einer Lehrerin. Eine junge Frau aus Zug meldete sich auf die Stellenanzeige. Ihr Name war Esther Weller. Bevor sie nach Chile zog, fragten sie alle: «Was denkst du dir dabei? Was ist so besonders an Chile?» Und sie antwortete: «Wenn ich es nicht sehe, werde ich es nicht wissen.» Danach kehrte die junge Frau nur noch zurück, um ihre Verwandten zu besuchen. Ihr Verlobter und zukünftiger Ehemann, der ebenfalls aus der Schweiz kommt, folgte ihr zwei Jahre später nach Übersee. «Ich bin meinem Heimatland ebenso verbunden wie meiner Wahlheimat», erklärt Esther, die seit 30 Jahren in Santiago lebt. Die 54-Jährige unterrichtet Grundschüler mit Begeisterung und lobt deren Musikalität. Sie spricht  mit ihnen Deutsch und verknüpft dabei die Kultur des indigenen Volks Mapuche mit Schweizer Prinzipien wie Respekt und Toleranz. Dank dieser Erfolgsformel kann die vom Kanton Basel-Land unterstützte Schule nun ihr 80-jähriges Bestehen im Beisein von Ignazio Cassis und zahlreichen einflussreichen Persönlichkeiten aus der Schweiz feiern.

Die Botschaft, die vereint

«Integration ist natürlich ein Schulfach, aber auch ein kultureller Faktor», erzählt Cornelia Casotti. Die energische 60-Jährige arbeitet als Assistentin des Botschafters in Brasilien. Die Botschaft in Brasilia beschäftigt rund zwanzig Mitarbeitende, sowohl Schweizer als auch Einheimische. Cornelia arbeitet dort seit 19 Jahren und lebt mit ihren Töchtern Alessia und Antonietta – heute 34 Jahre alt – seit gut 25 Jahren in der Hauptstadt. Sie verliess Malders bei Chur wegen «einer fixen Idee», wie sie es beschreibt. Heute kann sie sich nicht mehr vorstellen, woanders zu leben, auch wenn Europäer und Brasilianer sehr unterschiedliche Einstellungen haben. Wenn zum Beispiel ein Brasilianer zum Abendessen eingeladen wird, kann es geschehen, dass er Stunden später oder in Begleitung anderer Personen erscheint oder erst gar nicht kommt. Das sind die Dinge, an die man sich nicht gewöhnt.» Ihr Partner Stephan Gähwiler (60) kommt aus Hausen am Albis ZH.

Lernten sich in der Schweizer Botschaft kennen: Cornelia Casotti und Stephan Gähwiler. Er besitzt gut dreissig Braunviehkühe.

 

«Es gibt auch Dinge, an die man sich nicht gewöhnt.»

Cornelia Casotti (60)

Die beiden lernten sich in der Botschaft bei einem Fest anlässlich des 1. August kennen. Auch Stephan zog als junger Mann ins Ausland. Sein Vater war Metzger, die Mutter half beim Verkauf, er jedoch wollte Landwirt werden. «Nach einem kurzen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten fand ich 1982 in Brasilien einen Job als Kuhhirte», erinnert er sich. Einige Zeit später gelang es ihm, 165 Hektar Land zu kaufen. Heute besitzt er gut dreissig Braunviehkühe. «Im Jahr 1992 begann ich mit der Käseherstellung.» Zu seinen Kunden zählen Privatpersonen, Feinkostläden, Gourmetrestaurants sowie die Schweizer Botschaft, die den Käse ihren Gästen an offiziellen Anlässen serviert. «Ich musste jahrelang Opfer bringen und jede Ersparnis in den Bau des Betriebs und der Käserei investieren.» 

Auf der Suche nach der Freiheit

Die Geschichte jeder Auswanderin und jedes Auswanderers ist einzigartig, etwas haben sie jedoch alle gemeinsam: die Suche nach der Freiheit. «Ich bin stolz auf das Bild, das sie von unserem Land im Ausland vermitteln: Sie fühlen sich weiterhin wie Schweizer, erneuern ihre Pässe und bewahren die Traditionen und Ideale, mit denen sie aufgewachsen sind. Sie meistern jedoch auch die Schwierigkeiten», stellt Bundesrat Cassis fest. Zwei Drittel sind Doppelbürger mit zwei Pässen, oder einfach Schweizer Weltbürger, wie Esther Weller es zum Ausdruck bringt, «mit einem Herzen und zwei Seelen.» 

Anteil der Auslandschweizer pro Kontinent: Fast elf Prozent der Schweizer Bevölkerung wohnt im Ausland. Frankreich ist mit rund 197 400 Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern das beliebteste Land, gefolgt von Deutschland und Italien.

Begeisterung für den Bundesrat: Die Schülerinnen und Schüler der Schweizer Schule schwenken die Fähnchen für Ignazio Cassis.

 

Spannende Geschichten

Zwischen zwei Heimatstaaten

Im Schweizerischen Nationalmuseum in Schwyz wurde soeben eine Ausstellung über die Auswanderung aus der Schweiz in den letzten zwei Jahrhunderten eröffnet. Sie zeigt auch eine Reihe interessanter Porträts, wie etwa Cäsar Ritz aus dem Wallis, der das Konzept der Luxushotels revolutionierte. Mehr unter: www.forumschwyz.ch.