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Titelgeschichte

Von Monstern und Menschen

Feen, Teufel, Ungeheuer: Sagen und mythische Stoffe faszinieren uns seit Jahrhunderten. Hauptverantwortlich für die überaus reiche Sagenlandschaft der Schweiz sind unsere Berge. Feen, Teufel, Monster: Sagen und mythische Stoffe faszinieren uns seit Jahrhunderten. Hauptverantwortlich für die überaus reiche Sagenlandschaft der Schweiz sind unsere Berge.

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zvg, Illustrationen Denis Kormann
25. November 2019

Kurz und bündig

  • «Sage» kommt vom Verb sagen: Jemand hat etwas erlebt und erzählt davon.
  • Die Schweiz ist arm an Märchen, aber reich an mythischen Stoffen: Es gibt gegen 20 000 Schweizer Sagen.
  • Im 19. Jahrhundert wurden die meisten Sagen gesammelt. Sie dienten primär der Stärkung des Patriotismus.
  • Sagen wirken oft therapeutisch: Man verarbeitet ein schreckliches Erlebnis, indem man darüber spricht.

«Durch diese hohle Gasse muss er kommen.» Na, aus welchem Theaterstück stammt dieser Satz? Richtig, aus «Wilhelm Tell» natürlich. Sein mutiges Auflehnen gegen die Habsburger, diese «fremden Fötzel», hat dem bärtigen Armbrustschützen den Status des Schweizer Nationalhelden eingebracht. «Wilhelm Tell» ist eine klassische Sage. «Eine Sage beruht ganz einfach auf etwas, das einmal jemandem geschehen ist und der es dann erzählt hat», erklärt Alfred Messerli (66), Professor für europäische Volksliteratur an der Univer- sität Zürich. Daran ändert sich auch nichts, wenn sie aufgeschrieben wird. Eine Sage kann aus einem einzigen Satz bestehen, wie etwa jene vom Sihlsee. Bei der Schaffung des grössten Stausees der Schweiz bei Einsiedeln SZ wurde 1937 ein ganzes Tal geflutet, und die Sage geht so: «Manchmal sieht man die Menschen, wie sie im überfluteten Dorfe gelebt haben.»

Die Sage soll geglaubt werden. Dadurch grenzt sie sich zum Märchen ab, das erdichtet sein will. «Meistens hat jemand etwas Ungewöhnliches, das in den Alltag einbricht, erlebt und legt davon Zeugnis ab», sagt Messerli.

 Denis Kormann arbeitet bereits an seinem dritten und letzten Sagen-Buch.

An Märchen ist die Schweiz arm. Im europäischen Vergleich gar aussergewöhnlich arm. «Nur England hat eine ähnlich kleine Zahl an Märchen zu bieten», sagt Messerli. Der Erzählforscher vermutet, das könnte mit der Industrialisierung zusammenhängen, die in England ihren Anfang nahm und auch bald die Schweiz erreichte. Wovon wir aber richtig viel haben, sind Sagen. «Das ist schon eine ganze Bibliothek; jeder Kanton, jedes Tal hat seine Sagensammlung, und dahinter stehen unzählige Manuskripte», meint Messerli. «Das dürften an die 20 000 publizierte Sagen sein.»

Die Sagen, respektive deren Sammlung, erlebten ihre Blütezeit im 19. Jahrhundert. Sie dienten primär der Stärkung des Patriotismus, sagt Professor Messerli: «Sie waren emotional hoch belastet und schufen ein Wir-Gefühl, vor und nach der Gründung der modernen Schweiz im Jahr 1848.» Damit hätten sie eine ähnliche Funktion wie in Deutschland Grimms «Deutsche Sagen».

Am Anfang war die Teufelsbrücke

Die Teufelsbrücke

Nicht einmal der reiche Vogt von Göschenen schaffte es, in der Schöllenenschlucht eine Brücke über die Reuss zu bauen, die dem Fluss standhielt. Er schrie: «Kann denn nur der Teufel eine Brücke bauen, die stabil genug für diesen verdammten Fluss ist?» Daraufhin erschien der Teufel und versprach eine steinerne Brücke. Der Preis? Die Seele desjenigen, der die Brücke als Erster überqueren würde. Der skrupellose Vogt ging darauf ein. Als niemand die schöne Brücke überqueren wollte, schickte ein Hirte einen Geissbock darüber. Wütend liess der Teufel Felsbrocken auf die Menschen regnen. Ein Stein traf den Vogt und riss ihn in die Tiefe. Der Teufel hatte seine Seele.

Sagen sind ein Kulturgut, das mit fortschreitender Rationalisierung und Digitalisierung immer mehr an Wert verliert. Nicht zuletzt deshalb entschloss sich Denis Kormann (53), eine ganz persönliche Sammlung von Schweizer Sagen und Legenden zu verfassen. «Die Schweiz hat so viele fantastische Erzählungen zu bieten», sagt der Lausanner. «Früher gab man die Sagen mündlich weiter. Ich möchte diese Geschichten mit meinen Büchern weitergeben. Das ist schliesslich unser Kulturerbe.»

Kormann gab aber nicht nur eine weitere Textsammlung heraus. Die grossformatigen Bände «Mein grosses Buch der Schweizer Sagen und Legenden» sind geprägt von den ausdrucksstarken Bildern des Illustrators. «Ich liess mich bei der Auswahl der Sagen von starken Landschaften inspirieren, die ich auch gerne malen wollte», sagt er.

Am Ursprung seiner Idee für die Bücher stand die Sage von der Teufelsbrücke. Das Bauwerk in der Urner Schöllenenschlucht soll der Leibhaftige erbaut haben – zum Preis der Seele desjenigen, der die Brücke als Erster überquerte. «Diese Geschichte hat mich schon immer fasziniert», erklärt Kormann, der die Teufelsbrücke in sein zweites Buch aufnahm. Zudem bannte schon einer seiner Lieblingsmaler dieses Sujet auf die Leinwand: William Turner (1775–1851).

Die Macht des Archaischen

Die Fee von Evolène

Unter einem Felsen im Val d’Hérens im Wallis lebte eine Fee. Sie vermisste den Kontakt zu Menschen, welche sie aber als «vermaledeite Fee» verspotteten. Nur dem Holzfäller Antoine gefiel sie, und er hielt um ihre Hand an. Sie sagte Ja, unter der Bedingung, dass er sie nie verspotte. 

Die beiden lebten glücklich, kamen dank der Fee zu Wohlstand und hatten eine Tochter. Doch die Leute im Dorf waren neidisch. Böse Gerüchte setzten Antoine derart zu, dass er die Fee schliesslich doch beschimpfte. Sie verschwand und kehrte erst zu ihm zurück, als er sich überwand und um Mitternacht eine grauenhafte Schlange küsste. Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.

Besonders inspirierend für den Künstler sind die Alpen und der Jura. «Ich liebe die ganze Natur, aber die Berge speziell», sagt Kormann. Bei seinen Recherchen bekam er den Eindruck, dass der Grossteil der Schweizer Sagen aus den Bergkantonen Wallis und Graubünden kommt. Die Berge verkörpern mit ihrer Mächtigkeit die ganze Kraft der Natur, lehren uns Menschen Demut. Alfred Messerli bestätigt diesen Eindruck, relativiert allerdings: «Es sind nicht primär die Berge, sondern es ist eine bestimmte Weise, die Welt anzuschauen, die den Nährboden für Sagen abgibt.»

Meistens stehen Naturphänomene, die wir uns nicht erklären können oder uns Angst machen, am Ursprung einer Sage. Als Erklärung halten dann Monster und übersinnliche Kreaturen her, die aber oft aus menschlichen Schwächen oder Sünden geboren wurden.

Die sündigen Sennen

Die Sage vom «Sennentuntschi» beispielsweise erzählt von einer Strohpuppe, die von einsamen Sennen geschaffen, missbraucht und im Übermut getauft wurde. Sie erwacht zum Leben und rächt sich für den ketzerischen Akt. Exemplarisch ist auch die Blüemlis- alp-Sage: Ein hochmütiger Senn holt eine Geliebte auf die ertragreiche Alp und baut ihr einen Weg aus Käselaiben und Butter, damit sie sich die Füsse nicht schmutzig machen muss. Als seine Mutter ihn besucht, um ihm den Kopf zurechtzurücken, bietet ihr der verkommene Sprössling auf Geheiss seiner Frau aber nur verdorbene Milch an. Die Mutter verflucht das hochmütige Paar, das daraufhin von Felsen und Eis verschüttet wird. Seither ist die einst so fruchtbare Blüemlisalp eine unwirtliche Gletscherlandschaft.

Wiederkehrend sind Naturkatastrophen, die aus dem mangelnden Respekt vor der Natur resultieren. Diesen Aspekt zu betonen, ist Denis Kormann wichtig: «Die Natur ist lebendig, hat enorme Kräfte. Deshalb sind viele dieser Geschichten in der heutigen Zeit der Klimadiskussion wieder topaktuell.»

«Hat der Schrecken einen Namen, kann man davon erzählen.»

Professor Alfred messerli

Die Lust an der Angst

Das Monster von Surenen

Ein junger Hirte auf einer fruchtbaren Alp beim Surenenpass erhielt von Fremden ein entzückendes Lämmchen – unter der Bedingung, dass er sich darum kümmere, als sei es sein eigenes Kind. Der Hirte war so eingenommen von dem Lamm, dass er seine Herde vernachlässigte und das Tier taufte. Ob dieser Sünde verwandelte sich das Lamm in ein riesiges Monster, das fortan Tiere und Menschen angriff, bis sich niemand mehr auf den Surenenpass traute. Ein Fremder gab den entscheidenden Tipp: Ein sieben Jahre lang gezüchteter Stier wurde auf die Alp geführt und brachte das Untier mit seinen Hörnern zur Strecke. Und so kam der Stier ins Kantonswappen von Uri.

Das Erklären des Unerklärlichen ist nur die eine Motivation für Sagen. Ebenso wichtig ist der psychologische Aspekt. Oftmals wurden durch Sagen Traumata oder Ängste verarbeitet. «Von einem schrecklichen Erlebnis zu erzählen, hat einen therapeutischen Effekt», meint Alfred Messerli. «Geteiltes Leid ist halbes Leid.» Die Monster und Fabelwesen, die dabei «erfunden» werden, haben dieselbe Wirkung. «Wenn der Schrecken einen Namen hat, kann man davon erzählen und gewinnt Handlungsmacht», sagt Messerli.

Viele dieser Ängste haben wir durch die Aufklärung, die Urbanisierung und die Technologisierung verloren. Doch Sagen gibt es immer noch, nur hat sich das Medium geändert: Heute kommen sie als Katastrophen-, Horror- und Science-Fiction-Filme daher. Zombies und Aliens haben den Platz von Drachen und Riesen eingenommen. Unsere Lust an der Angst ist immer noch da, nur die Ernsthaftigkeit ist uns etwas abhandengekommen. Wir konsumieren solche Geschichten zur Unterhaltung und erklären unseren Kindern: «Das ist alles nicht wirklich passiert.»

Dabei würde uns ein wenig mehr Angst guttun, ist Denis Kormann überzeugt. «Es ist wichtig, dass wir auch heute noch Ängste haben», sagt der Romand. «Nicht, um zu lähmen, sondern um wachsam zu bleiben.»