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Titelgeschichte

Hallo, hier bin ich!

Schlaflose Nacht vor einem Bewerbungsgespräch? Lampenfieber vor einem Referat? Feuchte Hände vor dem ersten Date? Damit sind Sie nicht allein. Zum Glück lässt sich Selbstsicherheit trainieren.

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Heiner H. Schmitt
28. April 2019

Wettbewerb

Coaching und Bücher zu gewinnen

 Dialog statt Monolog: Geniessen Sie Ihren Auftritt – gute Laune steckt an.

«Das menschliche Gehirn ist eine grossartige Sache. Es funktioniert reibungslos vom ersten Lebenstag an bis zum Moment, wo du eine Rede halten musst.» So wie Schriftsteller Mark Twain (1835–1910) geht es vielen Leuten. Doch damit muss man sich nicht abfinden. Um das Gehirn für solche Spezialsituationen fit zu machen, gibt es Menschen wie Norina Peier (39). Die diplomierte Arbeits- und Organisationspsychologin und ausgebildete Schauspielerin ist Coach für Auftrittskompetenz – und das Fotomodell in dieser Geschichte.

Ein angenehmer Händedruck – bestimmt, aber nicht zu fest –, ein klarer Blick aus braunen Augen unter dem dunklen Pony und ein warmes Lächeln: «Wie gehts?» So sieht Peiers Begrüssung  aus. In ihrem lichtdurchfluteten Atelier im Zürcher Binzquartier wartet eine angenehme Atmosphäre. Das ist eine wichtige Voraussetzung, um ihren Kunden das Gefühl zu vermitteln, am richtigen Ort zu sein. Denn sie wollen an etwas sehr Persönlichem arbeiten: Sie möchten Schüchternheit, Redeangst oder Lampenfieber überwinden oder ganz allgemein ihre Selbstsicherheit stärken. 

Der Körper schweigt nie

Kurz und bündig

  • Man kann nicht nicht kommunizieren: Nicht nur Worte, sondern auch Mimik, Gestik und Haltung sprechen.
  • Das subjektive Empfinden der eigenen Wirkung stimmt oft nicht mit der Aussenwirkung überein.
  • Eine selbstbewusste Körperhaltung steigert das Selbstvertrauen.
  • Selbstsicher ist, wer sich kennt und nicht besser sein will, als er ist.

«Jeder Schritt ein Auftritt», lautet der Titel des brandneuen Buchs, das Norina Peier zusammen mit den Theaterpädagogen Marcel Felder und Erich Slamanig geschrieben hat. Er drückt genau das aus, was uns im Alltag meistens gar nicht bewusst ist: Jede Begegnung, jedes Telefongespräch, jeder Kontakt mit unseren Mitmenschen ist eine Visitenkarte. Oder in den Worten des Kommunikationswissenschaftlers und Soziologen Paul Watzlawik (1921–2007), die jeder Publizistik-Student in der ersten Vorlesung hört: «Man kann nicht nicht kommunizieren.» Auch wenn wir kein Wort sagen, sprechen unsere Mimik, unser Blick und unsere Haltung mit dem Gegenüber. Ständig.

 Kein Schatten seiner selbst: Die Haltung beeinflusst die Wirkung.

Bewusst machen wir uns die Wirkung erst, wenn wir explizit im Mittelpunkt stehen: Bei Referaten, Vorstellungsgesprächen, ersten Dates und Auftritten aller Art. Schon im Vorfeld stellen wir uns Fragen: Was ziehe ich an? Wo schaue ich hin? Was mache ich mit meinen Händen? Und damit steigt die Nervosität erst recht. Denn schon der amerikanische Komiker und Schauspieler Will Rogers (1879–1935) wusste: «Du bekommst nie eine zweite Chance auf den ersten Eindruck.»

Peiers Kunden haben Anliegen unterschiedlichster Art. «Der grösste Teil sind Unternehmen, die ihre Führungskräfte weiterentwickeln oder Mitarbeitende auf eine neue Funktion vorbereiten möchten.» Aber auch Privatpersonen wenden sich an sie. Ein Kunde bewirbt sich für eine Professur und muss dafür an der Universität vorsprechen. Eine andere möchte beim Scheidungstermin ihre Emotionen kontrollieren und fachlich diskutieren können. Ein Dritter wünscht sich ganz allgemein, besser für sich einstehen zu können.

Der Schlüssel zu einem wirkungsvollen Auftritt liegt in uns selbst, in unserem Selbstbewusstsein: Je besser wir uns kennen, Stärken und Schwächen, umso selbstsicherer ist unsere Ausstrahlung. «Spannend ist, dass die Selbstwahrnehmung mit der Aussenwirkung oft nicht übereinstimmt, wenn wir nervös sind», sagt Peier. «In diesen Momenten tendieren viele dazu, sich auf die eigenen Schwächen anstatt die Stärken zu konzentrieren.»

Der Kopf glaubt dem Körper

Dagegen helfen kann das Modell des «Embodiment», welches das Zusammenspiel von Körper und Psyche beschreibt. Bodybuilder, die vor einem Auftritt posieren, bringen nicht nur ihre Muskeln in die richtige Form. Studien zeigen, dass sich durch eine selbstbewusste Haltung automatisch ein Gefühl der Stärke einstellt. 

 Dialog statt Monolog: Geniessen Sie Ihren Auftritt – gute Laune steckt an.

«Unmittelbar vor einem Referat sollte ich nicht so dasitzen», erklärt Peier und demonstriert eine eingesunkene Haltung. «Vielmehr stehe oder sitze ich aufrecht, hebe das Brustbein an und atme tief ein und aus», erklärt Peier. Der Körper muss den Kopf überzeugen. Die US-Sozialpsychologin Amy Cuddy (46) bringt diesen Effekt knackig auf den Punkt: «Fake it till you make it – spiel es dir vor, bis du es glaubst.»

Alles eine Frage der Übung

Deshalb kommt Norina Peier auch ihre Schauspiel-Ausbildung zugute. Schon die Griechen in der Antike setzten die Theaterdidaktik zum Training der Rhetorik und persönlichen Präsentation ein. Allerdings sind vor Lampenfieber nicht mal Schauspieler selbst gefeit, wie das Zitat von Woody Allen (83) zeigt: «Ich habe keine Angst, eine Rede zu halten. Nur dabei sein möchte ich nicht so gern.»

Wenn man eine wichtige Begegnung als Auftritt begreift, dann kann man ihn proben, bis er sitzt. Das ist nichts, wofür man sich schämen müsste, sondern auch im Sinne des Gegenübers. Genauso wenig wie niemand seinen Traumjob verpassen möchte, nur weil er sich beim Vorstellungsgespräch nicht gut verkaufen konnte, möchte niemand seinen Wunschkandidaten «übersehen». Oder seinen Seelenverwandten nicht erkennen, weil dieser beim ersten Date an seiner Nervosität scheitert. 

Noch besser als das kurzfristige Zulegen von Selbstsicherheit ist, langfristig daran zu arbeiten. Dazu müssen wir die Einstellung zu uns selbst ändern. «Selbstbewusstsein basiert auf einem gesunden Selbstwertgefühl», erklärt Peier. «Wir müssen unseren Wert erkennen und uns nicht nur die schlechten, sondern auch die guten Dinge in unserem Leben zuschreiben.»

Wir sind alle nur Menschen

Die Zauberformel für einen gelungenen Auftritt: Ich muss mich gut präsentieren und gleichzeitig mein Gegenüber abholen können. Ist dieses Verhältnis ausgeglichen, erziele ich damit Glaubwürdigkeit und Empathie, und alle fühlen sich wohl in der Situation.
Ist dieses Verhältnis unausgeglichen, ist die Grenze zur Überheblichkeit schnell überschritten. Das gilt es tunlichst zu verhindern. Norina Peier kennt auch dafür ein Rezept: «Selbstsicher bist du, wenn du dich kennst und nicht besser sein willst, als du bist.» Als Kontrolle hilft es, sich in sein Gegenüber zu versetzen. Denn bei aller Innen- und Aussenwirkung gilt es nicht zu vergessen, wer mir gegenüber sitzt oder steht: jemand mit Gefühlen und Launen, Stärken und Schwächen – ein Mensch.

10 Tipps

Gegen Lampenfieber

  1. Nervosität ist ganz natürlich. Akzeptieren Sie sie! 
  2. Auf die eigenen Stärken fokussieren. Zeigen Sie, wer Sie sind und was Sie können. 
  3. Sich selbst nicht zu ernst nehmen. Versuchen Sie, Spass zu haben, das steckt an. 
  4. Vorbereitung ist alles. Je sicherer Sie sind, was Sie vermitteln wollen, desto besser.
  5. Auftritt üben und Feedback einholen. 
  6. Die ersten und letzten Sätze auswendig lernen. 
  7. Körper lockern. Nervosität erzeugt Spannung – strecken, Arme schütteln, Kopf kreisen. 
  8. Power-Pose einnehmen. Aufrecht hinstellen, Brustbein raus, beide Füsse auf den Boden. 
  9. Tief atmen, Kiefer entspannen. 
  10. Publikum nicht vergessen! Gestalten Sie keinen Monolog, sondern treten Sie lustvoll in Beziehung mit Ihren Zuhörern.

«Unterhaltung auf Augenhöhe» 

Knackpunkt Vorstellungsgespräch: Luc Pillard, Leiter Human Resources bei Coop, erklärt, worauf der potenzielle Arbeitgeber das Augenmerk legt.

Leiter HR Coop

Luc Pillard (45)

Worauf legen Sie bei einem Bewerbungsgespräch Wert?
Grundsätzlich ist wichtig, dass sie oder er authentisch ist. Wir wollen die Person kennenlernen, wie sie ist. Klar sollen die Bewerbenden gepflegt erscheinen. Wichtiger als das Äussere sind aber die Inhalte. Im persönlichen Gespräch geht es vor allem darum, herauszufinden, ob dieser Mensch zu uns passt. Was bringt er für Werte mit? Sind das Werte, die auch Coop vertritt? Schön finde ich aber auch, wenn jemand Fragen stellt, sich für die Stelle interessiert. Denn nicht nur wir müssen uns für die Bewerbenden entscheiden, sondern auch sie sich für uns. Es sollte eine Unterhaltung auf Augenhöhe sein.

Wie wichtig ist Ihr Bauchgefühl bei einem Bewerber?
Sympathie ist wichtig, aber sie darf nicht alleinige Entscheidungsgrundlage sein. Deshalb setzen wir bewusst zu einem gewissen Teil auf standardisierte Fragen. So werden die Kandidaten vergleichbar. Wenn am Ende zwei gleichwertige Personen zur Auswahl stehen, zählt eher das Bauchgefühl des oder der künftigen Vorgesetzten.

Wenn Sie merken, dass Bewerbende extrem nervös sind, wie reagieren Sie darauf?
Für Kandidaten ist es eine nicht alltägliche Situation, da gehört Nervosität dazu. Wenn ich aber merke, dass jemand extrem nervös ist, spreche ich das an. Ich erkläre ihm oder ihr, dass wir ganz ungezwungen miteinander sprechen, um herauszufinden, ob wir miteinander arbeiten wollen. Die Bewerberin muss sich bewusst machen, dass sie nicht die Bittstellerin ist, sondern wir auch etwas von ihr wollen.  

Selbstbewusste Kandidaten sind erwünscht, überhebliche nicht. Wo ist die Grenze?
Zu viel ist es dann, wenn jemand Erfolge nur sich zuschreibt oder behauptet, nie einen Misserfolg erlebt zu haben. Das ist ein Indiz für mangelnde Selbstreflexion. Eine clevere Bewerberin erzählt von einem Misserfolg, erklärt aber auch, was sie daraus gelernt hat. Dann erübrigt sich auch die überholte Frage nach Stärken und Schwächen. Wir bei Coop sehen uns als bodenständiges Unternehmen, da kommt Bescheidenheit gut an.