X

Beliebte Themen

Titelgeschichte

Sonnenzeit

Sonne, Spass und Smoothies. Einfach leben und geniessen. So stellen wir uns den Sommer vor. Doch warum erleben wir dieses Hochgefühl? Und sind wirklich alle so gut drauf?

FOTOS
Tobias R. Dürring
01. Juli 2019

Aaaahhh! Wer wieder einmal so richtig abtaucht, lässt Hitze, Stress und den Alltag hinter sich.

Kurz und bündig

  • Im Sommer fühlen wir uns wacher und energiegeladener.
  • Sonnenlicht senkt den Blutdruck, die Cholesterinwerte sowie das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall – und es verlängert das Leben.
  • Die sprichwörtliche «Gehirnerweichung» an warmen Tagen existiert tatsächlich.
  • Hitze macht aggressiv und verleitet zu unüberlegten Handlungen.

Es beginnt schon beim Aufwachen: Augen auf und es ist hell. Blick durchs Fenster und es ist sonnig. Tür auf und es ist warm. Und erst die Menschen: Die meisten haben gute Laune. Überhaupt fühlt sich das Leben ganz allgemein irgendwie leichter an. Dafür gibt es nur eine Erklärung: Es ist endlich wieder Sommer!

Der Rekordsommer 2018 ist unvergessen. Gut möglich, dass wir auch dieses Jahr wieder Sonne satt erleben werden. Doch was macht der Sommer eigentlich mit uns? «Wir fühlen uns wacher und energiegeladener», sagt Prof. Christian Cajochen (54), Leiter des Zentrums für Chronobiologie an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Chronobiologen erforschen unsere innere Uhr und was die Tages- und Jahreszeiten mit unserem Körper anstellen. «Das vermehrte Tageslicht hat positive Auswirkungen auf unsere Stimmung, unser Schlaf-Wach-Verhalten sowie unseren Vitamin-D- und Serotonin-Spiegel.» Vitamin D stärkt unter anderem das Immunsystem und macht Knochen und Muskeln stark, während Serotonin als Glückshormon gilt und die Stimmung hebt.

Glückliche Zeiten

Die meisten Menschen sind viel besser drauf, wenn die Tage lang und die Temperaturen mild sind. Das mag unter anderem daran liegen, dass die grossen Ferien bei den meisten im Sommer anstehen. «So sind wir ganz automatisch positiver eingestellt als während der dunklen Jahreszeit», so Cajochen. «Zudem bewegen wir uns im Sommer mehr als im Winter, was sich ebenfalls positiv auf die Stimmung auswirkt.» Studien zufolge reduziert Hitze Angstgefühle und Skepsis und macht optimistischer. Auch die Cholesterinwerte verbessern sich. Menschen mit Rheuma, Multipler Sklerose oder Schuppenflechte fühlen sich in der Regel bei warmem Wetter besser als sonst. Darüber hinaus bildet unser Körper durch die vermehrte Lichtexposition mehr Vitamin D. Die meisten Menschen haben im Sommer auch eine gesteigerte Libido.

Rein ins kühle Nass! Im Sommer wird der Mensch zum Wassertier.

Britische Wissenschaftler wiesen nach, dass Sonnenlicht den Blutdruck sowie das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall senkt und sogar das Leben verlängern kann! Ähnliches förderte eine schwedische Langzeitstudie zutage: Frauen, die der Sonne aus dem Weg gingen, hatten nach 20 Jahren ein doppelt so hohes Risiko, an Herz- Kreislauf-Erkrankungen zu sterben als jene, die sich am häufigsten sonnten. Offenbar gefährdet nicht nur zu viel Sonne unsere Gesundheit, sondern auch zu wenig. Was natürlich kein Freipass für Sünnele ohne Ende ist, denn schliesslich weist die Schweiz nach wie vor die höchste Hautkrebsrate Europas auf. Geeignete Sonnenschutz-Massnahmen sind daher von grosser Wichtigkeit. Wer sich gut geschützt regelmässig draussen aufhält, fördert seine Gesundheit, Stubenhocker dagegen tun sich nichts Gutes.

Die dunklen Seiten des Sommers

Die Sonnenzeit kann allerdings auch Schattenseiten haben. Christian Cajochen: «Leute mit bestimmten Augen- und Hautkrankheiten leiden im Sommer mehr als im Winter. Dasselbe gilt für manche psychischen Erkrankungen.» Neben der bekannten Winterdepression existiert auch die viel seltenere Sommerdepression. Betroffen sind häufig einsame Menschen, die den Sommer nicht mit einem Partner oder der Familie geniessen können. «Zudem gibt es Hinweise, dass die Hitze eine Sommerdepression auslösen kann», erklärt der Verhaltensbiologe. Schlimmer noch: Einer US-Studie zufolge steigt im Sommer die Zahl der Selbstmordversuche. «Bei uns ‹peakt› die Selbstmordrate ebenfalls nicht im Winter, sondern im Frühsommer», sagt Cajochen. «Wahrscheinlich braucht es eine gewisse Gefühlslage, um sich für diesen Schritt zu entscheiden.»

«Bei uns ‹peakt› die Selbstmordrate ebenfalls nicht im Winter, sondern im Frühsommer.»

Christian Cajochen

Belgische Forscher untersuchten den Einfluss der Jahreszeiten auf die Gehirnfunktionen. Und siehe da: Auch die kognitive Funktionsfähigkeit unseres Denkorgans kennt «Jahreszeiten». Bereiche, die mit der Aufmerksamkeit zusammenhängen, sind im Juni (am 21. Juni ist der längste Tag!) am aktivsten und um die Wintersonnenwende (21. Dezember – der kürzeste Tag) am passivsten. Das Arbeitsgedächtnis läuft im Herbst auf Hochtouren, im Frühling dagegen auf Sparflamme. Den Wissenschaftlern zufolge zeigt eine höhere Aktivität an, dass sich das Gehirn mehr anstrengen muss, um bestimmte kognitive Leistungen zu erbringen. Die sprichwörtliche «Gehirnerweichung» an warmen Tagen existiert also tatsächlich! Dazu passen Studienresultate aus den USA, wonach ab 32 Grad mehr Fälle von häuslicher Gewalt, Beleidigung und Körperverletzung auftreten. Weitere Untersuchungen zeigten, dass Konflikte zwischen einzelnen Menschen, Gruppen und sogar Nationen zunehmen, je wärmer es wird. Hitze macht also aggressiv und verleitet zu unüberlegten Handlungen. Und sie macht müde und unkonzentriert: Laut dem deutschen Verkehrssicherheitsrat steigt die Zahl der Unfälle an Tagen mit mehr als 30 Grad um 22 Prozent.

Die innere Uhr

Es stellt sich die Frage nach dem aus chronobiologischer Sicht idealen Klima. Doch das gibt es nicht, denn wie die Tiere verfügt auch der Homo sapiens über eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit.

«Die Menschen haben sich über Jahrtausende hinweg optimal an die jeweiligen lokalen klimatischen Bedingungen angepasst, man denke dabei beispielsweise an die Inuit- oder die Wüstenvölker.»

Christian Cajochen

«Die Menschen haben sich über Jahrtausende hinweg optimal an die jeweiligen lokalen klimatischen Bedingungen angepasst, man denke dabei beispielsweise an die Inuit- oder die Wüstenvölker», so Cajochen. Die Moderne habe diese Anpassung jedoch gestört. Die zwei Hauptfaktoren hierbei seien die extreme Mobilität sowie die zunehmende Globalisierung von menschlichen Verhaltensmustern, was sich zum Beispiel im Ess- und Schlafverhalten widerspiegle. «Dies erhöht das Risiko, dass sich unsere Chronobiologie, die von der inneren Uhr gesteuert wird, nicht mehr im Einklang mit der Aussenzeit – etwa der Arbeit oder der Schule – und anderen äusseren klimatischen Zeitgebern wie dem Licht-Dunkel-Wechsel oder der Temperatur befindet.»

Ein bisschen mehr zurück zur Natur wäre also nicht schlecht – nicht nur im Sommer. 

Besser warme Getränke

Kaltes macht heiss

Bei heissen Temperaturen suchen wir oft Linderung durch kalte Getränke. Das ist jedoch ein Schuss in den Ofen, denn durch einen Liter kaltes Wasser kühlt der Körper nur um etwa ein halbes Grad ab. So paradox es klingt: Abkühlung verschafft uns Schwitzen! Durch die Verdunstung des Schweisses entsteht auf der Haut nämlich Kälte. Das Schwitzen ist also sozusagen die menschliche Klimaanlage. Ein kaltes Getränk signalisiert den Sinneszellen im Körper dagegen, dass die «Heizung» angeworfen werden muss. Das erklärt, warum Wüstenvölker warmen Tee trinken.