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Titelgeschichte

Familie Gulliver

Mit dem 60. Geburtstag von Swissminiatur in Melide TI tritt Dominique Vuigner kürzer, und für seinen Sohn Joël Vuigner beginnt die Lehrzeit als Direktor. Im digitalen Zeitalter ist das kein einfaches Erbe.

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Sandro Mahler
26. Mai 2019

Der König von Swissminiatur und sein Thronfolger: Dominique (vorn) und Joël Vuigner im Modell von Schloss und Stiftskirche Neuchâtel.

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Bundeshaus, Kapellbrücke, Schilthorn – alle sind noch da. Nur ein paar Schritte voneinander entfernt. Wie früher. Und die neuen Modelle, wie zum Beispiel Schloss Rapperswil, das letztes Jahr hinzukam, fügen sich nahtlos ins harmonische Gesamtbild ein. Diese Konstanz ist für Nostalgiker zwar schön, doch heutzutage wirkt die Schweiz im Massstab 1:25 etwas aus der Zeit gefallen. Die Besucherzahl von Swissminiatur fiel letztes Jahr auf 130 000. In den besten Zeiten waren es 350 000, die Schmerzgrenze liegt bei 140 000.

Deshalb sind neue Ideen und Visionen gefragt. Da kommt die Stabübergabe an die dritte Generation zum richtigen Zeitpunkt. «Ich möchte das Image auffrischen und gleichzeitig die Familien- tradition bewahren», sagt Joël Vuigner (35), der anlässlich des 60. Geburtstags des Parks am 6. Juni die Geschäfte seines Vaters Dominique (66) offiziell übernehmen wird.

«Ich möchte das Image auffrischen und gleichzeitig die Familien- tradition bewahren»,

Joël Vuigner (35)

Den Anstoss zu Swissminiatur gab in den Fünfzigerjahren ein Vertreter. Er erzählt dem Besitzer des Dorflädelis in der Unterwalliser Gemeinde Grimisuat von einem neuartigen Park: Mini-Holland «Madurodam» in Den Haag (NL). Der Lädeli-Besitzer heisst Pierre Vuigner (1926–2011), und die Idee, das Konzept für die Schweiz zu adaptieren, lässt ihn nicht mehr los. Er findet ein Stück Land im Tessin auf einem Seedamm über dem Luganersee und beginnt mit dem Bau. Als Swissminiatur im Jahr 1959 die Tore öffnet, steht erst eine Handvoll Modelle, die Landschaft ist noch karg. Pierre Vuigner ahnt noch nicht, dass er Jahre später sagen wird: «Ich habe eine Goldgrube entdeckt.»

126 Modelle auf 14 000 Quadratmetern: Viel Platz für neue Modelle bleibt auf dem schönen Gelände direkt am Luganersee nicht mehr.

Die Ersten, welche die Schweiz im Taschenformat entdecken, sind die Italiener. In Scharen strömen sie in den Sechzigerjahren über die Grenze. Shopping-Touristen. Sie kaufen Uhren, Schokolade, Zigaretten. Auf dem Weg nach Lugano TI halten sie an der neuen Attraktion. «Bis 1974 waren zwei Drittel aller Besucher Italiener», erinnert sich Dominique, der als 19-Jähriger von seinem Vater angelernt wurde. «An jedem italienischen Feiertag kamen hundert Busse. Und damals gab es etwa fünfzig Feiertage pro Jahr.»

Deutschschweizer Tradition

1980 übernahmen Dominique und sein Bruder Jean-Luc (62) das Geschäft – pünktlich zum Beginn der nächsten goldenen Ära, der Deutschschweizer Ära. Mit der Eröffnung des Gotthard- Strassentunnels wurde der Weg frei für die Landsleute auf der Alpennordseite. Auch sie kamen zu Tausenden.

Die Schweiz in Klein – das musste man gesehen haben. Durch die helvetischen Sehenswürdigkeiten zu spazieren wie Gulliver durch Liliput, war ein Erlebnis. Swissminiatur war während Jahrzehnten nationales Pflichtprogramm: Eine Attraktion, die jeder mindestens einmal im Leben besuchte. Und vielleicht auch ein zweites Mal. Denn viele, die als Kind dort waren, gingen als Erwachsene wieder mit ihren eigenen Kindern hin. So wuchs die Schweizer Attraktion zur Schweizer Tradition, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Den Höhepunkt erreichte der Park im Jahr 1989 mit 350 000 Besuchern.

Vom Flughafen Zürich-Kloten in ein paar Schritten zum Bundeshaus: Im Swissminiatur lässt sich die Schweiz an einem Nachmittag erkunden.

Inzwischen ist Swissminiatur im digitalen Zeitalter angekommen. Es sind harte Zeiten, denn die Tradition bröckelt. Mit dem Europa-Park, Legoland, Ravensburger Spieleland und vielen innovativen Schweizer Erlebnismuseen wie dem Verkehrshaus Luzern ist Swissminiatur im Ringen um die Deutschschweizer Familien spektakuläre Konkurrenz erwachsen. Da überlegt man zweimal, ob man für einen Ausflug wirklich zwei bis dreieinhalb Stunden Fahrt ins Tessin auf sich nimmt – mit dem allfälligen Risiko Gotthard-Stau.

Asiatische Rettung

Die Aussichten sind aber nicht so düster, wie die jüngsten Zahlen suggerieren. Die Besucherzahl 2018 war ein Ausreisser nach unten, nachdem sich die Zahlen seit 2012 wieder erholt hatten. Zwischen 2009 und 2012 halbierten sich die Eintritte von Swissminiatur durch das Aufkommen der Billig-Airlines von 180 000 auf 90 000. Die Rettung kam diesmal weder aus dem Süden noch aus dem Norden, sondern aus dem Osten. «Wären die Asiaten nicht gewesen, hätten wir schon schliessen müssen», erklärt Dominique Vuigner.

«Wären die Asiaten nicht gewesen, hätten wir schon schliessen müssen»,

Dominique Vuigner (66)

Der Tourismus im Tessin ist allgemein auf dem absteigenden Ast: Weist die Statistik für 1980 noch fünf Millionen Übernachtungen in der Südschweiz aus, waren es 2018 gerade mal noch 2,3 Millionen. In Melide gab es zu Spitzenzeiten 13 Hotels, zurzeit sind es noch drei, von denen zwei bald auch schliessen.

Das neuste Modell fährt auf Schienen: Der brandneue Traverso der Südostbahn am Bahnhof Blausee BE.

Asien und Übersee allgemein ist jener Markt, auf dem der künftige Chef Potenzial wittert – nicht nur wegen seiner Herkunft. Denn Joël Vuigner wurde im Alter von acht Monaten aus einem Waisenhaus in Indien adoptiert. «Ich bin sehr dankbar für die grosse Chance, die ich durch meine Familie erhalten habe», sagt der 35-Jährige. «Und nun möchte ich etwas zurückgeben.»

Internationale Ausbildung

Kurz und bündig

  • Swissminiatur besteht aus 126 Modellen im Massstab von 1:25 auf 14 000 m².
  • Pierre Vuigner eröffnete den Park am 6. Juni 1959 mit einer Handvoll Modellen von Kirchen und Patrizierhäusern.
  • Mit der Eröffnung des Gotthard- Strassentunnels 1980 entdeckten die Deutschschweizer die Tessiner Attraktion.
  • Ein neues Modell kostet total ab 40 000 Franken und rund 1700 Stunden Arbeit allein im Atelier von Swissminiatur.
  • 600 000 bis 800 000 Franken Unterhalt könnte man mit dem Umzug in eine Halle jährlich sparen.

Gemäss Familientradition Vuigner wuchs auch Joël mit Swissminiatur auf. «Anfangs dachte ich, dass das nie mein Ding sein würde», erzählt er. «Da wollte ich nur Geld für ein Töffli verdienen.» Doch Jahr für Jahr wuchs die Bereitschaft, mehr für den

Betrieb zu leisten, und er bereitete sich mit einer entsprechenden Ausbildung auf die Aufgabe vor, in die Fussstapfen des Papas zu treten: Nach der Wirtschaftsschule in Lugano lernte er Deutsch in Thalwil ZH, Englisch in Vancouver (CAN) und London, Portugiesisch in São Paulo (BRA). «Papa betonte immer, wie wichtig Sprachen sind.»

Seit 2011 arbeitet Joël Vollzeit im Büro von Swissminiatur, seit vier Jahren ist er Sales Manager. Und nun ist die Stunde gekommen, um seine Visionen zu verwirklichen. In letzter Zeit war er oft unterwegs, um die Werbetrommel zu rühren: Iran, Dubai, Indien, Brasilien. «Der Schweizer Markt steht immer noch an erster Stelle, aber dahinter wird Asien immer wichtiger.» Viele Frischvermählte nützen Swissminiatur als Ausgangspunkt für eine Schweizer Rundreise. Entsprechend stehen im Restaurant inzwischen auch Indisch und Halal auf der Karte.

Väterliche Mahnung

Doch alle Märkte dieser Erde sind irgendwann abgegrast. Die Frage, mit der sich Joël Vuigner beschäftigen muss, ist, wohin er das Familienunternehmen steuern will. Die Attraktion ist im Laufe der Jahre zu einem Freilichtmuseum, einem Nostalgie-Park, geworden. Der Erlebnischarakter hat etwas verloren. Der neue Chef möchte das verstaubte Image aufpolieren. Den Anfang gemacht hat er schon letztes Jahr mit einer Smartphone-App, auf das Jubiläum hin folgt ein neues Logo. «Ich möchte die Interaktivität fördern», kündigt er an.

«Ich möchte die Interaktivität fördern»

Joël Vuigner (35)

Die Vision vom Umzug in eine Halle bleibt im Moment genau das: eine Vision. «Melide ist in unserem Herzen und zudem an idealer Verkehrslage», erklärt Joël Vuigner. Die Swissminiatur-DNA hat er in sich – aber hoffentlich nicht zu sehr. «Meine Bedingung für die Übergabe ist, dass er mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen soll, als ich es damals tat», verrät Dominique mit strengem Blick zum Sohn. «Ich war viel zu selten zu Hause.» Sein Enkel Xavier (8) wird es ihm danken. Und vielleicht auch schon bald sein erstes Geld im Swissminiatur verdienen. 

1700 Arbeitsstunden für ein Modell

Nicht in Basel oder Schaffhausen, sondern in Genf steht das am weitesten von Swissminiatur entfernte Original. 219 Kilometer Luftlinie trennen den Sitz des Internationalen Roten Kreuzes von seinem Modell im Massstab 1:25. Doch der Weg vom Original bis zum fertigen Mini-Abbild ist nicht nur geografisch ein weiter.

Am Anfang steht eine Anfrage der betreffenden Region. Ist man sich handelseinig über die künftige Ko- operation hinsichtlich Werbung, erhält Swissminiatur die Baupläne, Grundriss und Fotos des Bauwerks. Ein Modellbauer in Frankreich erstellt den Rohling. Das schneeweisse Modell wird nach Melide geliefert, wo die Arbeit im Swissminiatur-Atelier erst richtig losgeht: Details mit dem 3-D-Drucker produzieren, kleben, kolorieren, verzieren – allein diese Arbeit beläuft sich auf 1700 Stunden. Kostenpunkt für ein Modell: ab 40 000 Franken.

Künstlerin am Werk: Simona Bianchi (44) erneuert die Farbe an den Kinositzen des Filmfestivals von Locarno TI.

Steht das Modell dann endlich in der künstlichen Mini-Schweiz, kann es etwa vier bis fünf Jahre dem Wetter trotzen, bevor es zum ersten Mal restauriert werden muss. «Wind und Hitze sind die schlimmsten Feinde der Modelle», erklärt Joël Vuigner. Die Farben verblassen, die Oberflächen werden angegriffen. Die am meisten ramponierten Modelle werden jeweils in der Winterpause abgebaut und wieder auf Vordermann gebracht. Ständig sind die Mitarbeiter in den zwei auf dem Areal versteckten Ateliers mit Unterhaltsarbeiten beschäftigt.

Die Krux mit der Halle

Dieser Unterhalt ist extrem teuer. Der Umzug in eine Halle würde Kosten von 600 000 bis 800 000 Franken sparen. Zudem könnte der Park das ganze Jahr geöffnet haben anstatt nur während acht Monaten. Die Nachteile: Die Investition ist sehr gross, und man müsste den Gründungsstandort Melide verlassen. Deshalb bezeichnet Joël Vuigner dieses Szenario als «letzte Option». Allerdings würde das auch ein Problem lösen, das immer dringlicher wird: Der Platz für neue Modelle geht langsam zur Neige, denn ausdehnen kann sich Swissminiatur nicht. «Es gibt immer eine Lösung», sagt Vuigner zuversichtlich.