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Titelgeschichte

Träum weiter!

Rund ein Drittel unseres Lebens verbringen wir im Schlaf. Wir alle träumen, auch wenn wir uns oft nicht daran erinnern können. Schade eigentlich, denn in unseren Träumen schlummert 
ungeahntes Potenzial. 

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Heiner H. Schmitt
04. November 2019

Ein Bösewicht verfolgt uns, wir treffen unsere Lieblings-Promis oder können plötzlich fliegen. In unseren Träumen passieren die spannendsten, unheimlichsten und oft auch die verrücktesten Dinge. Paul McCartney (77) soll die Melodie des Beatles-Hits «Yesterday» geträumt haben. Die Idee für die Suchmaschine Google kam Gründer Larry Page (46) im Traum. Albert Einstein (1879–1955) entdeckte die Formel E=mc2 durch die Inspiration in einem seiner Träume. Heisst es. 

Seit Jahrtausenden ist der Mensch vom Träumen fasziniert und versucht, dessen Geheimnisse zu enträtseln. Auch weil dem Traum bis heute etwas Unfassbares anhaftet. Träume wurden lange als verschlüsselte Botschaften der Götter betrachtet. Erst um 1900 leitete der Psychoanalytiker Sigmund Freud (1856–1939) mit seiner Traumdeutung die moderne Traumforschung ein. Er sah Träume als Ausdruck unterbewusster Wünsche und Triebe. Sein Schüler Carl Gustav Jung (1875–1961) definierte Träume als Darstellung einer inneren Wirklichkeit. Viele dieser Aussagen sind heute überholt. Die Forschung gelangt zwar laufend zu neuen Erkenntnissen, dennoch schlummern viele Geheimnisse unserer nächtlichen Gehirnaktivität immer noch im Verborgenen. 

Wir alle träumen

Durchschnittlich verbringen wir vier Jahre unseres Lebens mit Träumen. Was viele verwundern mag: «Es gibt keine Menschen, die nicht träumen.» Das sagt der deutsche Traumforscher Michael Schredl (57), wissenschaftlicher Leiter des Schlaflabors des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim (D). Auch wenn wir uns beim Aufwachen oft nicht an Träume erinnern, wir haben trotzdem geträumt. Was wir träumen, ist jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Von festgelegten Traumsymbolen und ihrer universalen Deutung distanziert sich die Forschung weitgehend. Dennoch gibt es Themen, die sich in den Träumen vieler Menschen wiederfinden. Kanadische Forscher fanden heraus, dass es jenseits von Nationalität, Alter, Geschlecht und Kulturen Klassiker unter den Traumthemen gibt. Demnach werden wir in unseren Träumen am häufigsten verfolgt, fallen ins Bodenlose, kommen zu spät oder sind nackt. Auch der Tod gehört oft dazu. Dies stützt die These vieler Forscher, dass wir grundsätzlich von dem träumen, was uns auch im Wachzustand beschäftigt.  

Das Gehirn schläft nie

Kurz und bündig

  • Alle Menschen träumen, sie erinnern sich nur oft nicht an ihre Träume.
  • Am intensivsten träumen wir in den REM-Phasen.
  • Ein Klartraum ist ein Traum, in dem man merkt, dass man träumt.
  • Geübte Klarträumer können im Schlaf Bewegungsabläufe trainieren.
  • Ob Träume eine Funktion haben, ist bis heute nicht geklärt.

Während wir träumen, ist das gesamte Gehirn aktiv. Seine Impulse werden jedoch nicht an die Muskeln weitergeleitet, der Körper ist sozusagen lahmgelegt. Forscher haben herausgefunden, dass wir jeweils unterschiedliche Schlafphasen durchlaufen, die sich im Verlaufe der Nacht mehrmals wiederholen. Über den Leichtschlaf gleiten wir zuerst in eine Tiefschlafphase, der Körper ist entspannt, das Gehirn arbeitet auf Sparflamme. Darauf folgt die REM-Phase (Rapid-Eye-Movement-Phase). «Obwohl wir in allen Phasen träumen können, geschieht dies am häufigsten während des REM-Schlafs», erklärt der Schlafforscher Daniel Erlacher (46). Hier läuft das Gehirn zur Hochform auf. Unser Körper ist erschlafft, doch die Augen bewegen sich unter den geschlossenen Lidern schnell hin und her – ein Phänomen, das dem REM-Schlaf seinen Namen gibt. Während dieser Phase sind unsere Träume am intensivsten, am emotionalsten und oft sehr bizarr. Im Schlaflabor fand man heraus, dass während der REM-Phase der Präfrontale Cortex inaktiv ist, also der Teil des Gehirns, der für unser logisches Denken verantwortlich ist. Unser limbisches System, zuständig für die Verarbeitung von Emotionen, ist jedoch aktiver als im Wachzustand. Dies ist der Grund, warum Träume oft starke Gefühle in uns auslösen können. 

Auch ob wir uns beim Aufwachen an unsere Träume erinnern können oder nicht, hängt mit den Schlafphasen zusammen. Reisst uns der Wecker nämlich aus einer REM-Phase, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir uns erinnern. Aus einer Tiefschlafphase geweckt, fällt das Erinnern schwer.

Das Potenzial unserer Träume

Nicht nur, dass wir oft Seltsames träumen, auch Albträume haben wir dem limbischen System zu verdanken. Fast jeder Mensch hat ab und zu von Panik und Angst begleitete Träume. Schätzungen zufolge leiden jedoch nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung unter wiederkehrenden Albträumen.

Unsere Träume sind aber nicht nur bizarr oder beängstigend. In ihnen schlummert auch grosses Potenzial. Ein noch junges wissenschaftliches Feld untersucht Möglichkeiten, unsere Träume zu nutzen. Die Lösung heisst: luzides Träumen. «Ein luzider Traum oder Klartraum ist ein Traum, in dem man weiss, dass man träumt», erklärt der Schlafforscher und Sportwissenschaftler Daniel Erlacher, der an der Universität Bern zu diesem Thema forscht. Ist man sich also während des Träumens bewusst, dass man träumt, so kann der Träumende – mit der nötigen Übung – das Traumgeschehen mitgestalten und beeinflussen. 
Das klingt nach Science-Fiction? Weit gefehlt: Das Phänomen ist wissenschaftlich bewiesen. Zu verdanken haben wir das der REM-Phase. Da im REM-Schlaf der Körper gelähmt, die Augenbewegung jedoch nicht unterdrückt ist, können geübte Klarträumer im Schlaflabor mit einer Links-Rechts-Augenbewegung signalisieren, dass sie träumen. Der amerikanische Wissenschaftler Stephen LaBerge (72) und der britische Psychologe Keith Hearne waren die Ersten, denen es Ende der 70er-Jahre fast zeitgleich gelang, das Klarträumen durch Augensignale zu beweisen. 

Kann man nun seine Träume steuern, eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten, den Schlaf zu nutzen. Trotzdem geben 80 Prozent der Klarträumer an, einfach Spass haben zu wollen. «In Klarträumen sind Themen wie Fliegen überrepräsentiert», so Erlacher. Viele nutzen luzide Träume aber auch, um ihre Albträume zu bekämpfen. Weitere, um Probleme zu lösen, kreative Einfälle zu erzeugen oder auch, um motorische Fähigkeiten zu trainieren, beispielsweise im Sport. 

Training im Klartraum

Fakten übers Träumen

  • Albträume kommen bei Kindern und Jugendlichen am häufigsten vor, da sie erst noch lernen müssen, richtig mit Ängsten umzugehen.
  • Während man schnarcht, träumt man nicht.
  • Im Durchschnitt haben wir etwa 1460 Träume pro Jahr – das sind ungefähr vier pro Nacht.
  • Kleine Kinder träumen häufig von Tieren.
  • Männer träumen am häufigsten von Männern. Bei Frauen kommen beide Geschlechter gleich oft vor.
  • Wir vergessen 90 Prozent unserer Träume.
  • Wir können im Traum nur von Gesichtern träumen, die wir schon mal gesehen haben.
     

Der deutsche Traumforscher Paul Tholey (1937–1998) erlernte in Klarträumen komplexe Bewegungsabläufe. Um die Wirksamkeit des luziden Träumens zu belegen, studierte er im Schlaf Sportarten ein, die er noch nicht beherrschte – und führte sie danach im Wachzustand aus. Diesen Gedanken führte auch Daniel Erlacher in seiner Forschungsgruppe weiter. Er liess die Probanden dafür im Schlaf Münzen oder Dartpfeile werfen und Fingerübungen trainieren. Am nächsten Morgen wurde überprüft, wie sie sich «über Nacht» verbessert hatten. Auch im Vergleich zu jenen, die tatsächlich trainiert hatten. «Bei den Fingerübungen waren die Probanden gleichauf mit denjenigen, die im Wachzustand trainierten», so Erlacher. Es ist also bewiesen, dass man motorische Fertigkeiten im Traum trainieren kann. Doch das Lernen im Schlaf hat auch seine Grenzen. «Bei Eigenschaften wie Ausdauer oder Kraft darf man keinen Effekt erwarten», sagt Erlacher.
 
Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie schon einmal luzid geträumt haben, ist relativ hoch. Laut einer Studie von Michael Schredl und Daniel Erlacher hatten mehr als die Hälfte von tausend Befragten schon mindestens einmal einen Klartraum, merkten also während des Träumens, dass sie sich im Traum befinden. «20 Prozent erleben Klarträume einmal pro Monat oder mehr», so Erlacher. Abschliessend könne man jedoch nicht sagen, ob wirklich jeder luzid träumen kann. «Im Internet findet man zigtausend Techniken, um Klarträumen zu erlernen.» Laut dem Experten gibt es aber nur wenige Studien, die diese Techniken systematisch untersucht haben. «Sie erhöhen sicher die Wahrscheinlichkeit, aber wie stark, das weiss man nicht.» Wovon man jedoch die Finger lassen soll, seien Tabletten und Elektrostimulationsgeräte: «Dieses Geld kann man sich sparen.»  

Obwohl Forscher seit Jahrzehnten Schlaf- und Traumstudien durchführen, sind sie sich bis heute nicht sicher, ob Träumen überhaupt eine Funktion hat. «Eine biologische Antwort auf die Frage, warum wir träumen, gibt es nicht», sagt Erlacher. Einige Wissenschaftler vermuten, dass träumen uns helfen soll, Erlebtes einzuordnen und zu verarbeiten. Daher kommt wohl auch der Ausdruck «eine Nacht darüber schlafen». Eine andere Theorie besagt, dass wir uns im Traum auf Situationen vorbereiten, die uns beschäftigen oder Angst machen. Was auch immer der Grund sein mag –  für Daniel Erlacher ist die Frage nach dem Warum weniger eine biologische als vielmehr eine philosophische – und die lässt sich schwer wissenschaftlich beantworten. «Das ist, als würde man fragen, wieso das Wachbewusstsein da ist. Das wissen wir schliesslich auch nicht.»


Wie funktioniert Klarträumen?

Während des Traums zu merken, dass man träumt, und dann die Handlung zu steuern: Tamara Fingerlin (25) kann das. Sie träumt regelmässig luzid. Die junge Ärztin setzt sich schon seit über zehn Jahren mit dem Thema Klartraum auseinander. 

Wann hatten Sie Ihren ersten Klartraum?

Tamara Fingerlin (25)

Sie gewann 2013 mit ihrer Maturarbeit über luzides Träumen einen Sonderpreis.

Ich war zwölf Jahre alt. Bei einer Freundin hatte ich kurz davor ein Buch über Träume entdeckt und zum ersten Mal etwas über Klarträume gelesen. Da dachte ich mir erst: Das klingt ja viel zu schön, um wahr zu sein. Das klappt sicher nicht. Da ich trotzdem neugierig war, informierte ich mich im Internet und fand eine Anleitung, wie man es lernen kann. Ich versuchte es dann halbherzig, da ich ja nicht wirklich daran glaubte. Eine Woche später hatte ich meinen ersten Klartraum. Da wusste ich: Es funktioniert tatsächlich. 

Wie funktioniert luzides Träumen? 
Im Internet findet man unzählige verschiedene Techniken. Doch wie bei vielem ist es auch hier so: Für jeden funktioniert etwas anderes. Ich persönlich mag die sogenannte WILD-Technik (kurz für «Wake-Initiated Lucid Dream») am liebsten. Da liege ich im Bett und merke, wie ich einschlafe. Ich beobachte meine Gedanken, die sich langsam verändern. In der Wachrealität sind sie logisch, im Traum sprunghafter. Plötzlich passiert etwas, das ich nicht aktiv gedacht habe. Wenn ich das realisiere, versuche ich, dieser Geschichte zuzuschauen und suche darin eine Wahrnehmung, die nicht zu meinem Körper gehört, der im Bett liegt. Beispielsweise sitze ich auf dem Dach und berühre die Ziegel, da weiss ich, in meinem Bett gibt es diese Wahrnehmung nicht. Ich konzentriere mich darauf, dann baut sich der Traum rundherum. Ich bin auf dem Dach, spüre den Wind, dann mache ich im Traum die Augen auf. Mein Traumkörper ist auf dem Dach, trotzdem bin ich mir bewusst, dass mein Wachkörper noch im Bett liegt. Manchmal mache ich auch die Augen auf und bin wieder im Bett, dann fluche ich und versuche es noch mal. Nachdem ich meine Augen geöffnet habe, überprüfe ich: Bin ich wach oder träume ich? Wir Klarträumer nennen das Realitäts-Check. Eine gute Methode ist, die Finger an der Hand zu zählen. Sind es nicht fünf, dann träume ich. 

Wie fühlt sich die Realität im Traum an?
Eigentlich fühlt sich die Traumrealität nicht wirklich anders als die Wachrealität an, die Dinge verändern sich einfach schneller. Doch unsere Sinne, die funktionieren auch im Traum, man spürt, hört, sieht und schmeckt sogar. 

Was machen Sie am liebsten in Ihren Klarträumen?
Meistens nehme ich mir etwas vor, was ich machen will. Wenn ich einen Plan habe, sind meine Träume stabiler. Ich habe oft aber auch zufällige Klarträume. In der letzten Zeit übe ich, Feuer aus dem Nichts entstehen zu lassen. Auch um fliegen zu lernen, habe ich eine Zeit gebraucht. Ich lasse gerne Wasser schweben oder frage Traumpersonen, wie ihre Welt funktioniert. Oder ich folge einfach der Handlung des Traumes, das kann auch spannend sein.

Was ist Ihre Motivation, luzid zu träumen?
Am Anfang war es vor allem der Spass. Dann wollte ich mehr wissen, habe viel gelesen, darüber nachgedacht. Ich habe dann angefangen, den Personen in meinem Traum Fragen zu stellen und diese Leute dann regelmässig zu treffen. Im luziden Traum ist alles Vorstellbare möglich und noch mehr. Ich habe schon Landschaften gesehen, die ich mir nie im Leben hätte ausdenken können, bin durchs Weltall geflogen, habe Antworten und sogar gute Freunde gefunden. 

Kann jeder luzid träumen?
Meiner Meinung nach kann jeder, der diesen Artikel lesen kann, auch luzides Träumen lernen. Das Wichtigste ist, dass man daran glaubt, dranbleibt und anfängt, seine Träume aufzuschreiben – auch wenn es nur ein Gefühl ist, das man beim Aufwachen hat. Es klappt besser, wenn man sich damit beschäftigt. Der zweite Schritt ist, sich mehrmals täglich zu fragen: Träume ich oder nicht? Ebenso ist es wichtig, genug zu schlafen. Die schön langen REM-Phasen kommen nämlich erst nach sechs Stunden Schlaf. Am besten, man probiert es einfach aus. Passieren kann nichts. Ich bin im Traum auch schon gestorben und bin trotzdem wieder aufgewacht.