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Wanderland

Wandern ist und bleibt Volkssport Nummer eins in der Schweiz. Und das, obschon mancherorts, etwa in der Aareschlucht, angeblich Ungeheuer hausen. Sicher ist: Die Aareschlucht ist ungeheuer schön.

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Peter Mosimann
24. Juni 2019

STECKBRIEF

Reichenbachfall–Aareschlucht

An-/Abreise: Mit dem Zug via Meiringen nach Willigen, zurück ab Meiringen.
Schwierigkeit: einfach
Technik: 1 von 5
Kondition: 1 von 5
Strecke: 8 km
Aufstieg: 180 m
Abstieg: 430 m
Dauer: 2 ⅓ Std.
Standseilbahn Reichenbachfall: Fr. 8.–
Eintritt Aareschlucht: Fr. 9.–

Hier geht's zur digitalen Wanderroute.

Die Wanderung durch die Aareschlucht zwischen Innertkirchen BE und Meiringen BE gehört zu jenen Touren, die man mindestens einmal im Leben gemacht haben sollte – sie ist ein Klassiker des Schweizer Wanderwegnetzes: Der Weg ist 1,4 Kilometer lang, an der engsten Stelle nur einen Meter breit und vollständig in den Fels geschlagen. Am Ende des 19. Jahrhunderts haben Tourismus-Pioniere aus Meiringen einen Steg durch die Schlucht gebaut, ohne den die Aareschlucht nicht begehbar wäre.

Nun ist eine Strecke von 1,4 Kilometer für viele eine etwas gar kurze Wanderung. Auch für Filmemacherin Andrea Meier (49) und mich. Wir wandern gerne, damit wir Wandertipps für die gedruckte Coopzeitung und als Filmbeitrag online umsetzen können, aber gerne länger als eine halbe Stunde. So haben wir unsere Aareschlucht-Wanderung nicht erst am Osteingang der Schlucht gestartet, sondern beim Reichenbachfall, einer 300 Meter hohen Kaskade von Wasserfällen oberhalb von Willigen BE.

Die nostalgische Standseilbahn bringt uns in zehn Minuten zum Reichenbachfall hinauf. Der empfängt uns mit lautem Getöse auf rund 840 Metern über Meer. Mit uns sind vor allem «Sherlockianer» auf der Aussichtsplattform, Wissenschaftler aus aller Welt, die sich mit dem Wirken des britischen Meisterdetektivs Sherlock Holmes (1886 vom britischen Schriftsteller Arthur Conan Doyle geschaffen) beschäftigen. Etwas östlich des imposanten Wasserfalls ist eine Stelle markiert, von der Holmes zusammen mit seinem Gegenspieler James Moriarty 1891 in die Tiefe stürzte. Der Reichenbachfall ist für die Sherlock-Holmes-Anhänger so etwas wie das Mausoleum ihres Helden. Doch Holmes wäre nicht Holmes, hätte er nicht auch für dieses Problem eine Lösung, zumal seine Fans Autor Doyle schon im 19. Jahrhundert inständig baten, seinen Helden doch nicht sterben zu lassen. Auf jeden Fall tauchte der Meisterdetektiv ein paar Jahre später unversehrt in London wieder auf, um seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, dem Lösen vertrackter Kriminalfälle.

Unterwegs im Schwendiwald oberhalb von Willigen BE: Redaktor Thomas Compagno und Filmemacherin Andrea Meier.

 

Der höchste Berg: das Barrhorn

Natürlich ist das äussere Barrhorn (3610 m ü. M.) nicht der höchste Berg der Schweiz. Aber es gilt als höchstes Ziel der Alpen, das man nur mit Wanderschuhen und ohne weitere technische Ausrüstung besteigen kann. Die Tour auf diesen Aussichtsberg der Extraklasse lässt sich gut in zwei Tagen machen. Nach der Anreise via Gruben VS und Vorder Sänntum (per Auto oder mit Bahn, Seilbahn und Taxi) steigt man am ersten Tag zur Turtmannhütte auf, von wo man das Barrhorn in Angriff nimmt. Einzige kleine Schwierigkeit: eine kleine Felsrinne, die mit Seilen gut gesichert ist. Aufstieg ab Turtmannhütte: ca. 1200 Höhenmeter, 3 ½ bis 4 Stunden. Schwierigkeitsgrad: T3.

Die Wanderung vom Reichenbachfall zur Aareschlucht bringt uns ein paar Treppenstufen und Höhenmeter hinauf. Eine kleine Brücke führt über den Reichenbach und ermöglicht gleichzeitig einen eindrücklichen, fast furchterregenden Blick hinunter. Mit viel Wucht und Lärm donnert das Wasser in die Tiefe. Wir widerstehen dem Drang, es Sherlock Holmes gleichzutun und wandern Richtung Weiler Geissholz. Die Route führt sanft bergab und oft durch den Wald oder am Waldesrand entlang. Sehr angenehm im Sommer. Wenn der Weg kurz den Wald verlässt oder die Baumkronen lichter werden, taucht vor uns der Bänzlauistock auf.

Die Sache mit dem Tatzelwurm

Nach eineinhalb Stunden erreichen wir den Osteingang der Aareschlucht. Imposante Felswände türmen sich auf. Je weiter wir nach Westen wandern, desto enger wird es. An der schmalsten Stelle ist die Aareschlucht kaum einen Meter breit. Sonnenlicht kommt nicht mehr viel durch. Solche Gegebenheiten sind der ideale Nährboden für Sagengestalten und Ungeheuer. Wesen eben wie den Tatzelwurm, der angeblich in der Aareschlucht leben soll. Eine, die ihn gut kennt, ist die Innertkirchner Geschichtenerzählerin Irene Zybach (51). Der Tatzelwurm, im Haslital nennt man ihn Stollenwurm, soll einem Marder oder Wiesel ähneln und eigentümlich stinken, weiss Irene Zybach aus Erzählungen. Er sei etwa 80 Zentimeter lang. «Aber der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt», sagt die Erzählerin. «Er könnte auch viel grösser sein.» Gesehen haben ihn laut Berichten nicht mehr als eine Handvoll Menschen. «Kein Wunder», sagt Irene Zybach mit einem Schmunzeln. «Tatzelwürmer sind für gewöhnlich äusserst menschenscheu.»

120 Meter stürzt das Wasser über die grösste der sieben Kaskaden des Reichenbachfalls hinunter. Imposant und auch mit Kinderwagen zugänglich ist die Aareschlucht.

 

Der tiefste Punkt: der Lago Maggiore

 

Auch zum tiefsten Punkt der Schweiz, dem Lago Maggiore, nur 193 m ü. M., führen Wanderwege. Einer zum Beispiel windet sich entlang der manchmal steilen Bergflanke oberhalb von Gambarogno mit herrlichem Blick auf den Lago Maggiore und Ascona. Der bequeme Weg startet bei Monti di Piazzogna. Er ist wunderschön zu gehen und führt bei Monti di Caviano an den einzigen Strohdächern des Kantons Tessin vorbei. Der steile Abstieg nach Dirinella geht dann etwas in die Beine.

Seit wann es ihn gibt, lässt sich freilich nicht mehr feststellen. Die Sage basiert auf mündlicher Überlieferung. Auf jeden Fall wurde die Geschichte im Berner Oberland fleissig aufrechterhalten und lockte so zahlreiche Gäste nach Meiringen. 1935 will ein deutscher Reporter den Tatzelwurm sogar fotografiert haben. Das Bild, das damals in der «Berliner Illustrierten Zeitung» abgebildet wurde, zeigt tatsächlich ein bizarres Wesen, und die Frage, ob es sich um Fake News oder um echte Aufnahmen handelt, wurde schon damals gestellt. Heute begegnet der Tatzelwurm, der zu einem herzigen Drachen wurde, den Wanderern in der Schlucht auf Schritt und Tritt, etwa als Holzfigur, versteckt im Fels.

Um das Geheimnis des echten Tatzelwurms zu lüften, hatte die «Berliner Illustrierte Zeitung» sogar eine Belohnung von 1000 Mark ausgesetzt, wenn ihn jemand einem wissenschaftlichen Institut zur Untersuchung einliefert. Das Geld wurde nie abgeholt, denn gesehen oder fotografiert wurde der Tatzelwurm seither nicht mehr. Inzwischen dürfte das Angebot keine Gültigkeit mehr haben, die Zeitung gibt es nicht mehr. Den Tatzelwurm hingegen ... 

Die besten Promille: Lavaux

Wandergebiet im Unesco-Welterbegebiet: das Lavaux.

Themenwanderungen, insbesondere Weinwanderungen, erfreuen sich zunehmender Beliebtheit: ein paar Wander- kilometer, immer wieder unterbrochen durch eine kleine Degustation. Eine schöne Landschaft und gute Weine verspricht das Lavaux, dieses von der Unesco als Welterbe ausgezeichnete Weinbaugebiet zwischen Lausanne VD und Montreux VD. Mit 800 Hektar Rebfläche ist es auch das grösste zusammenhängende Weinbaugebiet der Schweiz. Ein ausgedehntes Wanderwegnetz führt durch die Terrassen. Anreise mit Auto oder Bahn.

Wo soll man wandern, wenn es heiss ist?

Sabina Brack

Wanderexpertin

Sabina Brack (38) ist Wanderexpertin bei Schweiz Tourismus. Im Interview gibts sie konkrete Tipps, worauf es bei einer Sommerwanderung darauf ankommt.

Da empfehle ich eine Wanderung in der Höhe, wo es kühler ist, vielleicht sogar kombiniert mit einem Bad in einem Bergsee. Wer nicht in die Höhe will, kann im Wald oder entlang eines Flusses wandern. Zehn Prozent aller Wanderwege in der Schweiz führen entlang von Gewässern. Oft kann man auch diese Wanderungen mit einem erfrischenden Sprung ins Wasser verbinden.

Was muss immer dabei sein?

Die Badehose natürlich. Und bei Bergwanderungen feste Wanderschuhe. Wichtig sind Sonnen- und Regenschutz und etwas Warmes zum Anziehen. Gerade, wenn es im Unterland 30 Grad hat, vergisst man gerne, dass in der Höhe das T-Shirt eventuell nicht mehr reicht. Dazu kommen Kartenmaterial, Taschenapotheke, genügend Wasser und ein Snack, damit man Energie tanken kann.

120 Meter stürzt das Wasser über die grösste der sieben Kaskaden des Reichenbachfalls hinunter. Imposant und auch mit Kinderwagen zugänglich ist die Aareschlucht.

Wie viel Gewicht hat ein sinnvoll gepackter Rucksack?

Die lustigste Familienwanderung: Appenzeller Witzweg

Der Appenzeller Witzweg gilt zu Recht als wohl lustigste Familienwanderung. Ein Müsterchen? Ein Mann kommt von der Vereinsversammlung heim. Die Frau fragt ihn: «Wie ist es gegangen?» – «Sehr gut», antwortet er. «Ich bin jetzt Vize-Präsident.» Sie meint: «Das ist ja grad wie zu Hause.»

Anreise mit dem öV nach Heiden AR, Rückfahrt ab Walzenhausen AR (oder umgekehrt). Wanderzeit: ca. 3 Stunden, Distanz: 8 Kilometer mit zahlreichen Einkehrmöglichkeiten. Vom Witzwanderweg kann man auch nur Teilabschnitte machen, die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ist sehr gut.

Maximal zehn Kilogramm, bei einer zwei- oder mehrtätigen Tour sind es etwas mehr, maximal 13 Kilogramm. Da kommen ja nur noch Toilettensachen, Wechselkleider und oft ein Hüttenschlafsack dazu. Zudem ist es immer ein schönes Gefühl, zu reduzieren. Meist hat man zu viel dabei.

Was ist bei der Planung einer Wanderung wichtig?

Da sollte man vor allem die Bedürfnisse auf die Fähigkeiten abstimmen. Es gibt einfache Höhenwanderungen, bei denen man mit der Bergbahn hinauf- und wieder hinunterfahren kann, aber auch anspruchsvolle Trekkings mit exponierten Wegabschnitten. Die Auswahl ist riesig, jede und jeder wird fündig.

Wie weiss ich, ob ich eine geplante Wanderung schaffe? Worauf muss ich achten?

Man sollte unbedingt nicht nur die Dauer beachten, sondern auch die Höhendifferenz. Als Einstieg für ungeübte Wanderer empfehle ich nicht mehr als 300 Höhenmeter. Das ist das, was die meisten Schweizerinnen und Schweizer gut schaffen. Das Erreichen des Gipfels ist ja nicht das Ende der Wanderung, man braucht auch noch Kraft für den Abstieg. Zudem sollte man Zeitreserven einplanen und das Wetter im Auge behalten.

Die lukullischste Route: Kulinarik-Trail Flims

In Flims GR kann man sich gemütlich schlemmend fortbewegen. Der Kulinarik-Trail «Wald und Wasser» beginnt mit einer Stärkung in Flims. Dann geht es vorbei am türkisfarbenen Caumasee und durch den Wald entlang der atemberaubenden Vorderrheinschlucht. Alsbald lockt auf einer Lichtung das Zmittag: selbst gemachte Ravioli, etwa mit Dörrbirnen aus dem Nachbardorf Trin. Das süsse Finale gibt es am Crestasee. Auf dem Weg zurück – mit vollem Magen und glücklichen Geschmacksknospen – bietet die Felsbachschlucht einen wilden Anblick. Preis: 49 Franken pro Person (ohne Getränke). Anreise mit öV oder Parkplätze beim Caumasee.